Fußball-WM

DFB-Hierarchie ohne Hummels Flick schenkt seinem alten FC Bayern alle Macht

Bundestrainer Hansi Flick vertraut bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar dem Bayern-Block. Eine Überraschung ist das nicht, er weiß schließlich, dass er sich auf die Spieler des Rekordmeisters verlassen kann. Ohne Mats Hummels bekommen sie nun alle Macht.

Hansi Flick hat seine alte Liebe nicht vergessen. Auch wenn seine überaus erfolgreiche Zeit als Cheftrainer beim FC Bayern von einem zerfetzenden Machtkampf mit Sportvorstand Hasan Salihamidžić überschattet wurde und letztlich zur Trennung führte, so weiß der Bundes-Hansi noch immer, was er an seinen Münchnern hat. Für die Weltmeisterschaft in Katar beruft er sieben Spieler vom Rekordmeister. Alle werden Schlüsselrollen einnehmen. Ebenso Niklas Süle. Der ist zwar mittlerweile ein Borusse (ein Dortmunder), war aber eine feste Größe für Flick beim FC Bayern. Er verteidigte ihn unter anderem gegen alle kolossalen Kilo-und-Fitness-Debatten.

Das Gerüst also steht. Es ist ein bayrisches. Eine Überraschung ist das nicht. Wohl aber, dass Mats Hummels die Wüsten-WM nicht mitspielen wird. Der Dortmunder ist in dieser Spielzeit der formstärkste und zuverlässigste Innenverteidiger mit Spielberechtigung für das DFB-Team. Was der Bundestrainer in seiner kurzen Begründung der Nicht-Nominierung lobend anerkannte. Er hat sportlich reichlich Argumente gesammelt, um sich eine Rolle im Kader zu verdienen. Sein Timing im Duell ist wieder stark, seine Spieleröffnung noch immer herausragend. Er ist der Chef, obwohl mit Süle und Nico Schlotterbeck zwei neue Top-Innenverteidiger verpflichtet worden waren. Die ewigen Tempodefizite kann er bislang mit klugem Stellungsspiel wettmachen. Und dennoch verzichtet Flick auf den, neben Real Madrids Antonio Rüdiger, einzigen nicht-bayrischen Führungsspieler. Via Instagram bekannte der 33-Jährige, dass die Nicht-Berufung eine "der größeren Enttäuschungen meiner Karriere" sei.

Der Bundestrainer hat die Zukunft im Blick. Und das erklärt das auch so. Ohne so richtig zu begründen, warum er sich nun wirklich gegen Hummels entschieden hat. Aber in zwei Jahren steht die Heim-Europameisterschaft an. Ein Armel Bella-Kotchap - er spielt (falls jemand das nicht weiß) nach einem starken Bundesliga-Jahr beim VfL Bochum seit dem Sommer beim FC Southampton in der Premier League - könnte dann eine wichtige Rolle einnehmen und darf in Katar schon einmal vorfühlen, wie das so ist bei einem Turnier. Dass Flick für das Wüsten-Team aber lieber einen 20-Jährigen nominiert als ein meinungsgigantisches Alphatier, ist auch ein Statement, dass er wohl nicht einschätzen kann, wie sich Hummels in eine Hierarchie einordnet, in der er keine tragende Rolle eingenommen hätte. Denn den Abwehr-Innenblock dürften Süle (auch als rechter Verteidiger denkbar, aber eher unwahrscheinlich) und Rüdiger bilden.

Hummels als freies Radikal

In Dortmund war der 33-Jährige zuletzt nicht nur dadurch aufgefallen, dass er Topstürmer reihenweise aus dem Spiel nahm, sondern auch mit anklagenden Interviews über den Social-Media-Fußball einiger Teamkollegen. Er klagte über zu viele Schnörkel und zu wenig Seriosität. Hummels ist ein freies Radikal, ein potenzielles Risiko für die Teamchemie. So kann man es interpretieren, auch wenn Flick bei der Bekanntgabe des Kaders betonte, dass die sogar intern polarisierende Kritik des 33-Jährige keinen Einfluss auf seine Entscheidung genommen habe. So aber steht nun ein Aufgebot, in dem die Fußballer des FC Bayern alle Macht bekommen. Ohne jede hierarische Störfeuer. Flick setzt auf Harmonie. Auf den Geist des legendären Campo Baiha. Die Fußballer des FC Bayern bekommen alle Macht, auf ihren Positionen und als Anführer in den verschiedenen Mannschaftsteilen. So wie einst beim gemeinsamen Champions-League-Sieg 2020 gegen Paris St. Germain. Auch wenn der Torschütze mit Kingsley Coman damals ein Franzose war.

Manuel Neuer im Tor, Joshua Kimmich und Leon Goretzka als Powerhouse im zentralen Mittelfeld, Serge Gnabry und Leroy Sané auf den Außenbahnen und, nun wird es etwas knifflig, Jamal Musiala und/oder Thomas Müller als Zehner/Hängende Spitze. Tatsächlich dürfte die Frage, ob Supertalent, Kommunikationschef oder beide, die schwierigste für Flick werden. Der hochgelobte Rückkehrer Mario Götze ist trotz seiner außergewöhnlichen und einzigartigen Fähigkeiten derweil zunächst sicher nur Joker. Unverzichtbar sind beide, also sowohl Musiala als auch Müller, wegen ihrer völlig unterschiedlichen Qualitäten. Aber wohin mit dem einen und wohin mit dem anderen? Für das Sturmzentrum sind beide nicht gemacht. Bei Müller gibt es dafür ausreichend Belege. Schiebt sich einer von beiden auf die (rechte) Seite, könnte Gnabry vorne rein rücken. Er kennt das durchaus und ist bereit dafür. Die Option hohe Flanke wäre damit aber hinfällig. Anders als mit einem Kai Havertz (erster Stammplatz-Kandidat) oder einem DFB-Debütanten Niclas Füllkrug.

Für die Antwort dieser Frage hat Flick ab Montag im Oman Zeit, dort gönnt sich die Nationalmannschaft eine Mini-Vorbereitung, wobei das Wort der Zeit nicht gerecht wird. Wichtiger ist für den Trainer ohnehin, dass es die Bayern-Spieler geschafft haben, ihre kleineren und größeren Formkrisen (auch in Folge von Verletzungen) zu überwinden. Wie abhängig das DFB-Team von den Stars des Rekordmeisters ist, das wurde Ende September in Leipzig überdeutlich, als es in der Nations League eine 0:1-Niederlage gegen Ungarn gab. Kimmich wurde sehr eng beschattet und fand kaum Wege zur kreativen Befreiung. Gnabry irrte ohne Selbstvertrauen übers Feld. Müller und Sané bemühten sich zwar, konnten das Spiel aber auch nicht an sich reißen. Musiala kam spät, hatte eine kluge Idee, sortierte sich sonst ins ideenlose Kollektiv ein. Neuer und Goretzka fehlten wegen Corona.

Bayern-Krise lastete auf DFB-Team

Die Folge war eine Pleite, die Deutschland aufschrecken ließ. Unter der Regie von Flick und nach Joachim Löw war es mit Form und Stimmung des Teams nur nach oben gegangen. Dass es so kurz vor der WM einen derben Hammerschlag auf die Nuss gab, das hatte kaum jemand erwartet. Nichts passte zusammen, weil die zentrale Achse eben nicht funktionierte. Weil der Bayern-Block da gänzlich außer Form war.

Dass sich die Lage geändert hat, ist die größte Erleichterung für den Bundestrainer. Das gestand er bei der Nominierung ein. "Ich habe Julian (Anmerk. d. Red.: Nagelsmann, Trainer des FC Bayern) eine Whatsapp geschrieben. Ich freue mich, dass ihr so gut performt." Flick sagte das im scherzhaften Tonfall. Er wird es aber maximal ernst gemeint haben. Denn er braucht die Münchner als stabiles Rückgrat, als exzellente Fußballer eh, als Anführer der ruhigen Vertreter um Jonas Hofmann, Lukas Klostermann (statt EM-Entdeckung Robin Gosens), Thilo Kehrer und Julian Brandt, als Anleiter für die nächste Generation um die Kaderüberraschung Bella-Kotchap, um Karim Adeyemi und den noch 17-jährigen Youssoufa Moukoko.

"Gier, Spielfreude und außergewöhnliche Qualität"

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Nun kommt es für Flick darauf an, die "Gier, Spielfreude und außergewöhnliche Qualität" der Münchner (das sagt der Sportvorstand des Rekordmeisters, Hasan Salihamidzic) in das richtige System zu pressen. Vielleicht auch mit einem echten Neuner. Vielleicht mit Füllkrug als deutschem Eric Maxim Choupo-Moting? Themen für den Oman. Aber klar ist, die Abläufe beim FC Bayern stimmen. Sie zu transformieren, ist der Schlüssel zum Erfolg. Daran erinnerte Kapitän Neuer dieser Tage nochmal. Beim WM-Triumph 2014 sei es elementar wichtig gewesen, dass die Bayern "auf der Höhe waren und gut gespielt haben". Damals waren sechs Münchner gesetzt - und ein Mats Hummels in Topform.

Die Katar-Tür für den Dortmunder ist übrigens noch nicht endgültig zu und der Schlüssel im Persischen Golf versenkt. Sollte sich ein Spieler verletzen und ein FIFA-Arzt das bestätigen, so darf Flick bis 24 Stunden vor dem ersten Spiel nachnominieren. (Ganz) kleiner Spannungsbogen: Antonio Rüdiger hat (leichte) Hüftprobleme.

Quelle: ntv.de

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