Sport
Empört: Uli Hoeneß, links.
Empört: Uli Hoeneß, links.
Samstag, 20. Januar 2018

Redelings über die Saison 89/90: Hoeneß mit St. Pauli im Klassenkampf

Von Ben Redelings

Gratis Bundesliga-Fußball bietet der 1. FC Köln den Flüchtlingen aus der DDR. Eine Zumutung? St. Paulis "Millerntor-Magazin" behauptet derweil, Uli Hoeneß habe 1976 bei der EM den Elfmeter gar nicht verschossen. Die Begründung ist abenteuerlich.

Den Stellenwert des Fußballs Ende der 1980er Jahre des 20. Jahrhunderts beschrieb Matthias Kleiner, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei Daimler, seinerzeit eindrucksvoll. Er würde ja gerne den Fußball fördern, aber das sei gar nicht so einfach: "Ich bin ja ein Fußballverrückter. Aber wir haben noch nicht dieses Fußball-Bewusstsein im Betrieb, im Vorstand. Wenn ich heute sagen würde, wir investieren in den Fußball 15 Millionen Mark, könnte ich das nicht durchhalten." Wie sich die Zeiten doch geändert haben.

Prosit!
Prosit!(Foto: imago sportfotodienst)

Nach dem ebenso spannenden wie lauten Endspurt im Kampf um die Meisterschaft in der Saison 1988/1989 möchte sich Kölns Trainer Christoph Daum nun zurücknehmen: "Ich werde nicht mehr auf die Pauke hauen, sondern die Querflöte spielen mit leiseren Tönen. Sprüche sind Begleiterscheinungen. Davor steht harte Arbeit. 80 Stunden pro Woche. Nur wer das Handwerk beherrscht, darf trommeln."

Aber einen Spruch haut Daum dann doch raus: "Natürlich möchte ich Titel gewinnen. Aber wenn ich einen Geländewagen habe und die Konkurrenz einen Formel-1-Flitzer, wird es schwierig, das Rennen durch eine bessere Kurventechnik zu gewinnen." Und tatsächlich gewinnt wieder der FC die Bayern die Meisterschaft, dieses Mal souverän. Zwei Spieltage vor dem Ende der Saison 1989/1990 haben die Münchner fünf Punkte Vorsprung und sind nicht mehr einzuholen. Aus einer Laune heraus verspricht Trainer Jupp Heynckes den Anhängern vom Rathausbalkon auf dem Marienplatz aus: "Und im nächsten Jahr holen wir den Europapokal!" Eine spontane Aussage, die ihm noch Probleme bereiten soll.

"Heft enthält eine Hetzkampagne"

55 Jahre Bundesliga - das Jubiläumsalbum: Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten
EUR 19,90
Datenschutz

Zum Klassenkampf in der Bundesliga kommt es in Hamburg. Viel Stress gibt es schon vor dem Spiel des FC St. Pauli gegen den FC Bayern, das die Münchner am Ende mit 2:0 gewinnen. Die Stadionzeitung "MillernTor-Magazin" wird kurzerhand zurückgezogen, weil sich Bayerns Manager Uli Hoeneß beschwert hat: "Das Heft enthält eine Hetzkampagne."

Auf Seite 4 steht: "In einem Interview gab der Wurstfabrikant Hoeneß (Nürnberger Bratwürstl) ein Gastspiel als Sozialethiker: Wenn ich das über Arbeitslose höre, muss ich mich totlachen. Die Hälfte, davon bin ich überzeugt, hat kein Interesse zu arbeiten." Der verantwortliche Redakteur Werner Langmaack ist ob des Verkaufsstopps empört: "Das ist ein Anschlag auf die Pressefreiheit!" Und Hans Apel, SPD-Politiker und Vizepräsident des FC St. Pauli, sagt gar: "Vor 1918 gab es im deutschen Strafrecht einen Paragrafen der Majestätsbeleidigung. Offenbar glaubt das Bayern-Präsidium, dass es diesen Paragraphen immer noch gibt. Ende der Durchsage!"

"Denn abgehauen wär ich nie!"

Nachdem das Stadionheft des FC St. Pauli deutschlandweit Schlagzeilen gemacht hat, rudern die Macher in einer Presseerklärung mit einem zwinkernden Auge zurück: 1. Hoeneß wirkt nicht wie ein Kredithai, sondern wie ein Samariter und Bekämpfer von Armut und Hunger in der Dritten Welt. 2. Er hat keine verbitterten Gesichtszüge, sondern ein frisches, offenes und sympathisches Antlitz, seine Brille ist nicht affig, sondern todschick, seine Hautfarbe ist nicht käsig, sondern rosig, insbesondere wenn er vor Fernsehauftritten aus der Maske kommt. 3. Hoeneß verschoss bei der EM 1976 nicht den entscheidenden Elfmeter, sondern verwandelte ihn elegant und unhaltbar.

Willkommen in der Bundesliga: Andreas Thom.
Willkommen in der Bundesliga: Andreas Thom.(Foto: imago/Norbert Schmidt)

Andreas Thom wechselt nur einen Monat nach dem Fall der Mauer als erster Spieler der DDR offiziell in den Westen zu Bayer Leverkusen. Als Ablösesumme sind 3,8 Millionen Mark plus Arzneimittel im Gegenwert von einer Million Mark im Gespräch, auch wenn Manager Reiner Calmund sagt: "Es steht keine Fünf vor dem Komma, keine Vier und keine Drei. Das schwör ich beim Augenlicht meiner Kinder!"

Thom ist ganz begeistert: "Ich find das gut, der erste Legale zu sein. Denn abgehauen wär ich nie!" Der Transfer nach Leverkusen kommt auch deshalb zustande, weil Calli eines Mittags bei den Thoms höchstpersönlich klingelt, nur kurz die Dame des Hauses mit einem Blumenstrauß und den Herrn mit einem Händedruck begrüßt und dann direkt ins Kinderzimmer durchläuft. Dort packt er zusammen mit Thoms Tochter Janine das große Paket mit der Holz-Eisenbahn aus, setzt sich auf den Boden und spielt erst einmal in Ruhe eine Runde Dampflok. Den begeisterten Eltern ruft er jovial und gelassen zu: "Dat mit dem Vertrach machen wir dann nachher janz gemütlich bei einem Happen Essen!"

Auch der gebürtige (West-)Berliner Pierre Littbarski feiert die Grenzöffnung: "Wenn jetzt die Kinder beim Spielen einen Ball über die Mauer schießen, können sie ihn wenigstens wiederholen." Bei seinem FC in Köln haben sie eine prima Aktion zum Mauerfall geplant - wie auf einem Ankündigungsplakat zu lesen ist: "DDR-Flüchtlinge haben freien Eintritt!" Darunter hat jemand handschriftlich notiert: "Haben die nicht schon genug gelitten?"

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga" finden Sie hier. Das neue Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "55 Jahre Bundesliga - das Jubiläumsalbum" bei Amazon bestellen. Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen republikweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Datenschutz
Datenschutz

Quelle: n-tv.de