Fußball

Leises DFB-Metronom als Filmstar Ach, wär' doch jeder Fußballer wie Toni Kroos

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Greifswalder Weltmeister: Toni Kroos hat nicht nur viele Titel, sondern nun auch einen eigenen Kinofilm.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Mit erst 29 Jahren ist Toni Kroos bereits der erfolgreichste deutsche Fußballer. Und herrlich normal. Im Beifall des Publikums suhlt sich der DFB-Spieler von Real Madrid nur ungern. Einen Kinofilm über seine Ausnahmekarriere gibt es nun trotzdem.

Drei Geldsäcke - so reagierte Felix Kroos bei Twitter Mitte Mai auf die Meldung von Real Madrid, dass sein Bruder Toni bis 2023 ein Königlicher bleibt. Noch mehr Kohle also für einen, der so gar nicht in die schillernde Welt des spanischen Fußball-Rekordmeisters passt. Toni Kroos ist zu normal, introvertiert. Er taugt nicht als Heldenfigur. Schon gar nicht in einem Kinofilm. Könnte man meinen. Wenn, dann fällt der deutsche Ausnahmekicker durch geniale Pässe und als Regisseur auf dem Platz auf. Und dann? Verschwindet er von der Bildfläche. Geräuschlos. Meist unbemerkt. Selbst am heldenhaftesten Abend der jüngeren deutschen Fußballhistorie, als das DFB-Team 2014 in Brasilien den WM-Titel holte, suchte er die Ruhe - und ließ sogar das Kabinen-Foto mit Kanzlerin Angela Merkel sausen.

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Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Und Toni Kroos ist mittlerweile eine lebende Legende: ein Weltmeistertitel, vier Champions-League-Siege und drei gewonnene Deutsche Meisterschaften machen ihn zum erfolgreichsten deutschen Fußballer der Geschichte. Noch außergewöhnlicher ist, wie die zurückhaltende Nummer acht von Real mit diesem Ruhm umgeht. Leise, bodenständig, abgeschirmt. Wie das im modernen Fußball möglich ist, zeigt der Dokumentarfilm "Kroos", der ab 4. Juli im Kino läuft.

Eine Quasselstrippe ist Toni Kroos wahrlich nicht. Typisch norddeutsch eben. Vorpommerisch wortkarg und distanziert ist er geblieben, auch wenn sein Zuhause in Madrid stattliche 2000 Kilometer von seiner Heimatstadt Greifswald entfernt ist. Dennoch ist es Regisseur Manfred Oldenburg gelungen, Kroos und seiner Familie seltene Innenansichten aus dem Leben des Stars zu entlocken. "Der ist weg und kommt nicht wieder", erinnert sich etwa seine Mutter an die Zeit, als ihr ältester Sohn mit 16 Jahren von der Jugendabteilung des FC Hansa Rostock zum FC Bayern München wechselte. Zum Glück ist "Kroos" kein klassischer Sportfilm mit vorhersehbar-chronologischer Abfolge. Ebenso gut ist, dass er dennoch den Aufstieg des Greifswalder Jungen nachzeichnet - von unbefriedigenden Zeiten beim deutschen Rekordmeister über die glückliche Station in Leverkusen bis hin zum Status als Weltklasse-Fußballer bei Real.

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Geglückt ist Kroos dies mit seiner Gabe, ein noch so wildes Spiel so zu dirigieren, dass am Ende eine titelreife Ordnung besteht. Ein rational denkendes Metronom. Zurückhaltend, aber selbstbewusst. Das sei schon in der Jugend beim Greifswalder SC so gewesen und nun auch im Weltfußball. Da sind sich von Vater und Entdecker Roland bis hin zu Weltmeistermacher Joachim Löw alle einig. Aber: Dass dies nicht immer gelingt, ruft "Kroos" all jenen in Erinnerung, die die blamable WM 2018 schon wieder verdrängt haben. Szenen wie die aus Russland, wo Kroos lediglich mit seinem genialen Freistoßtor reüssierte, sind ebenso dabei wie all die glänzenden Momentaufnahmen aus seiner Karriere - garniert von Erinnerungen prominenter Wegbegleiter wie den Trainern Zinédine Zidane und Jupp Heynckes sowie den Klub-Präsidenten Florentino Pérez von Real und Uli Hoeneß vom FC Bayern.

Spagat zwischen Zirkus und Normalität

Viel sehenswerter als die sportlichen Eindrücke und Beurteilungen sind allerdings die Blicke in den privaten Kroos-Kosmos - ebenjenen Bereich, den der Superstar sonst abschirmt. Wenn sich etwa die Großeltern im Greifswalder Kleingarten an Kroos' Kindheit erinnern und über die Schwächen des modernen Fußballs inklusive Tattoos fachsimpeln, wird es herzerwärmend. Szenen, von denen es kaum genug geben kann und die den Film erst so besonders machen. Sie porträtieren den Familienmenschen Toni Kroos, der seine Ehe mit Frau Jessica und den drei gemeinsamen Kindern über alles stellt und ein inniges Verhältnis zu seinem Bruder Felix vom Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Union Berlin pflegt, das weit über gegenseitige Frotzeleien via Twitter und Instagram hinausgeht.

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Kroos mit Ehefrau Jessica, Sohn Leon und Tochter Amelie nach dem dritten Gewinn der Champions League mit Real Madrid 2018.

(Foto: imago/ActionPictures)

Es scheint, als genieße Kroos sein Leben jenseits der 90 Minuten mehr als das im Flutlicht. "Es ist nur Fußball" klingt aus seinem Mund deshalb glaubwürdiger, als wenn dies sein Ex-Real-Kollege Cristiano Ronaldo sagen würde. Zwar ist auch Kroos Teil des modernen turbokapitalistischen Fußballzirkus. Auch er ist beliebte Werbefigur, hat einen Marktwert von 60 Millionen Euro, haust in einer 1300-Quadratmeter-Villa mit Pool. Doch er wisse, dass er "in einer Welt lebe, die eigentlich nicht normal ist". Dieses reflektierte Denken macht ihn nicht zu einem besseren Menschen. Aber es klingt herrlich normal. Authentisch. Und mündet in guten Taten, wie etwa die Arbeit seiner Stiftung für schwerkranke Kinder. Der um Bodenständigkeit bemühte Toni Kroos beweist, dass sein gewählter Lebensstil selbst in seiner glänzenden Welt immer noch möglich ist. Das erleichtert es vielleicht, den Glauben an das Gute im Fußball zu wahren.

Allein wegen des exklusiven Blicks in die Privatsphäre der Familie Kroos lohnen sich die knapp zwei Filmstunden. Aber auch die ebenso raren Blicke hinter die Kulissen des mitunter perversen Fußballgeschäfts von Real bis zur Fifa lohnen sich - nicht zuletzt, um den Kroos-Weg verstehen und einordnen zu können. Und so beweist Regisseur Oldenburg, dass Toni Kroos eben doch als Held und als Protagonist in einem Kinofilm taugt. Mit Blick auf den grellen und lauten Fußballkosmos mögen viele Zuschauer am Ende seufzen: "Ach, wären doch alle Fußballer wie Toni Kroos." Dabei gibt es sicherlich viele Profis, die dem Greifswalder Jahrhunderttalent ähneln. Womöglich bedarf es im grellen Rampenlicht aber einer Änderung des Blickwinkels, um sie zu erkennen. Apropos: Auf dem WM-Siegerfoto mit Angela Merkel ist Kroos entgegen ersten Eindrücken übrigens dabei - während das DFB-Team mit der Kanzlerin feiert, zieht er sich abseits des Trubels entspannt seine Schuhe aus.

"Kroos" läuft ab 4. Juli in deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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