Fußball

Ein Gläschen Rotwein in Ehren Aufgekratzter Favre entfesselt den BVB

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"Wasser ohne Gas" war gestern. Favre lässt es mit dem BVB krachen.

(Foto: imago/ActionPictures)

Borussia Dortmund gewinnt das Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga gegen den FC Bayern nach einem mitreißenden Schlagabtausch mit 3:2. Selbst der sonst so nüchterne Trainer Lucien Favre lässt sich von der Feierstimmung mitreißen.

Bevor der Bundesliga-Gipfel in Dortmund angepfiffen wurde, war selbst "Emma" heiß. Die schwarz-gelbe Biene, Maskottchen des BVB, lief über den Rasen, ballte die Fäuste und animierte die Fans. 90 mitreißende Minuten später musste niemand mehr die Leute auffordern. Das größte Stadion der Republik glich einem Tollhaus, der Lärm war ohrenbetäubend. Die heimische Borussia hatte das Spitzenspiel gegen Rekordmeister Bayern München in einem denkwürdigen Schlagabtausch mit 3:2 (0:1) gewonnen und dabei einen zweifachen Rückstand in einen Sieg verwandelt.

Der Vorsprung auf den Titelverteidiger ist gewachsen, es gibt nur noch einen Favoriten auf die Meisterschaft. "Wir können alle die Tabelle lesen", sagte Münchens Kapitän Manuel Neuer: "Wir wissen, wo die Dortmunder stehen. Und wo wir stehen." Sieben Punkte Differenz auf den Branchenführer, das ist wahrlich ein dickes Brett. Einen solchen Abstand hat sich die Borussia seit der Saison 2011/2012 nicht mehr herausgearbeitet. Und wie das ausging, weiß jeder Dortmunder: Der BVB gewann das einzige Double seiner 109-jährigen Vereinsgeschichte.

Favre: "Da war ich mir sicher"

Träumen ist also ausdrücklich erlaubt in der Fußballstadt. Nicht nur, weil die Zahlen das hergeben, sondern auch, weil es eine Mannschaft gibt, die in ihren guten Phasen in der Lage ist, die Sterne vom Himmel zu spielen. Der überragende Kapitän Marco Reus wollte zum Thema Meisterschaft am liebsten "gar nichts sagen". So viel dann aber doch: "Klar, sieben Punkte sind ein schönes Polster. Aber jetzt darüber zu sprechen, ob wir Deutscher Meister werden, das ist viel zu früh."

Bayerns Trainer Niko Kovac hatte ein "fantastisches Fußballspiel von beiden Seiten" gesehen. Wer dieses Spektakel mit fünf Toren, ganz viel Tempo und Leidenschaft verfolgt hatte, konnte dem Kroaten nur recht geben. Sein Kollege Lucien Favre sah in der ersten Halbzeit einen Gegner, "den ich in dieser Saison noch nicht so stark gesehen habe". Der FC Bayern habe "das Spiel beherrscht. Pressing, Gegenpressing, alles sehr, sehr intensiv." Aber der Schweizer wusste auch: "Das konnten sie nicht weitermachen dieses Tempo. Da war ich mir sicher."

Tatsächlich drehte der BVB nach dem Seitenwechsel das Spiel. Und wie. Die zweiten 45 Minuten wurden zu einer mitreißenden Demonstration, wozu diese Mannschaft fähig ist, wenn sie ihre ganze Kraft entfaltet. Im Vergleich zu den Dortmundern wirkten die Bayern zu alt, zu langsam, zu träge. Sie wurden überrollt von einer Mannschaft, die so viel Tempo, jugendliche Kraft und Überzeugung auf den Rasen bringen kann, dass ihr Gegner förmlich hinweggefegt wird. "Die kontern uns im eigenen Stadion aus", klagte Neuer: "Wir hatten Probleme, wenn sie mit Tempo hinter die Kette spielen. Und wir lassen das zu." Manndecker Mats Hummels ergänzte: "Das ist genau ihr Spiel, da haben sie enorme Qualitäten."

Die Dortmunder haben im Spitzenspiel also alles erlebt: In der ersten Halbzeit bekamen sie vor Augen geführt, wie verwundbar diese junge Mannschaft ist, wenn der Gegner die Räume konsequent und körperbetont zustellt. Und in jeder der fulminanten zweiten 45 Minuten wurde sichtbar, wie unfassbar groß das Potenzial dieses Kaders an Hochbegabten ist.

Europas erfolgreichstes "goldenes Händchen"

Der Baumeister dieses Teams ist Lucien Favre. Ein Fachmann von hohen Gnaden, der bereits in Genf, Zürich, Berlin, Mönchengladbach und Nizza nachgewiesen hatte, wie viel er aus den ihm zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen herausholen kann.

Nun hat der 61-Jährige einen Kader, mit dem er Großes erreichen kann. Dabei verfügt er mit Axel Witsel und Marco Reus über zwei Spieler, die herausragen. Witsel ist als Taktgeber und Spielgestalter im defensiven Mittelfeld unersetzbar, in der zweiten Halbzeit marschierte der Belgier mit unnachahmlicher Überzeugungskraft voran. Und Kapitän Reus befindet sich in der Form seines Lebens. Der Nationalspieler holte gegen Manuel Neuer den Elfmeter raus, den er selbst zum 1:1 verwandelte und erzielte mit einer herrlichen Direktabnahme auch noch das 2:2.

Dazu kommt, dass es Favre immer wieder gelingt, den Sieg einzuwechseln. Das 3:2 von Paco Alcácer war bereits das 18. Jokertor des BVB im 17. Saisonspiel. Das ist ein europaweit unerreichter Wert. "Der Trainer hat halt ein goldenes Händchen", sagt Reus lapidar. Der Hochgelobte wirkte nach dem Festakt für seine Verhältnisse regelrecht aufgekratzt und hob zu einem Monolog an, wie er von ihm nur ganz selten zu vernehmen ist. Favre sprach von einem "sehr, sehr guten Spiel, das war eine super Werbung für die Bundesliga. Chapeau an meine Mannschaft aus Dortmund."

Kein Zweifel, der Mann fühlt sich richtig wohl bei seiner Mission auf dem Abenteuerspielplatz im Revier. "Ich habe schon viele verrückte Spiele erlebt, seit ich hier bin." Und weil es ein solch denkwürdiger Abend war, wollte ihn Favre entsprechend genießen. Zuletzt hatte er auf die Frage, wie er sich für Siege belohne, noch mit "Wasser ohne Gas" geantwortet. Nach dem Sieg gegen die Bayern gab Favre zu Protokoll: "Heute werde ich ein Glas Rotwein trinken."

Quelle: ntv.de