Fußball

Bender heroisch, Tuchel beseelt BVB-Wundergrätsche bricht den FC Bayern

Dass der BVB den FC Bayern aus dem DFB-Pokal kickt, hat er vor allem dem phänomenalen Ousmane Dembélé zu verdanken. Dass der Wunderknabe überhaupt Matchwinner werden kann, liegt nur an Sven Bender – und seiner Wundergrätsche.

Dortmunds Nuri Sahin ist ein feiner Fußballer, er kann auch kämpfen. Doch seinen geschundenen Körper in jedem Zweikampf der ganz großen Gefahr auszusetzen, das ist seins nicht. Für Sven Bender schon. Der BVB-Allrounder lässt sich am besten als feiner Fußballkämpfer beschreiben, Sahin sagte über ihn einst anerkennend: "Der geht mit dem Kopf noch dahin, wo ich den Fuß wegziehe." Nun, im Halbfinale des DFB-Pokals am Mittwochabend gegen den FC Bayern hat Bender seinen Kopf geschont. Nicht aber seine Fußspitze. Die hat er in Minute 63 so spektakulär gestreckt, dass die Münchener Medienabteilung geschockt twitterte: "Unfassbar…".

Das war ziemlich nah an der Wahrheit. Denn wohl niemand im Stadion konnte fassen, dass der von Arjen Robben – der es übrigens am allerwenigsten fassen konnte - abgefeuerte Ball auf das leere Tor eben nicht im leeren Tor landete, sondern von Benders Fußspitze gegen den Pfosten klatschte und danach wieder völlig unaufgeregt am Spiel teilnahm. Statt 3:1 für die Münchener inklusive wahrscheinlicher Finalteilnahme vermasselten es die Bayern danach im Kollektiv und ließen sich final in Person von Jerômé Boateng und David Alaba von Dortmunds aufdrehendem Ousmane Dembélé doppelt düpieren. Aus dem 2:1 wurde ein 2:3 (2:1) und das zweite bittere Pokalaus binnen neun Tagen.

Den Borussen war der anschließend ziemlich bedröppelte Zustand des FC Bayern maximal egal. Sie berauschten sich lieber an sich selbst und an "Manni" Bender, der sich rund zwei Stunden vor seinem 28. Geburtstag am Donnerstag einen Eintrag in den BVB-Annalen geschenkt hatte. Und der gestand: "Ich habe allerdings, ehrlich gesagt, den Überblick verloren. Ich habe zwar gesehen, dass er an den Pfosten gegangen ist, aber nicht, ob er raus- oder reingesprungen ist. Das habe ich erst an der Reaktion der anderen gemerkt. Genau das sind die Situationen, die du in so einem Pokalspiel brauchst." Da waren sie sich im schwarzgelben Lager einig, denn bis zu Benders Wundergrätsche waren die Bayern das bessere Team mit den besseren Chancen.

"So etwas beeindruckt den Gegner"

"Wir hatten das Glück heute auf unserer Seite und haben am Ende die eine Chance mehr genutzt", sagte BVB-Kapitän Marcel Schmelzer. "Wenn da das dritte Tor fällt, ist das Spiel gelaufen." Auch darin gingen alle d'accord. "Aber so knapp ist es nun mal, selbst solche Situationen beeinflussen ein Spiel auf solch einem hohen Niveau – und beeindrucken dann einen Gegner", erklärte der ekstatische Thomas Tuchel, der seine Freude in keiner Sekunde verbergen wollte. Denn endlich war dem so talentierten Trainer mal ein großer, mal ein entscheidender Sieg gelungen. Der erste Titel im Profibereich ist in realistischer Nähe – denn am 27. Mai geht der BVB als klarer Favorit ins Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt.

Einen unechten, wenn auch durchaus bedeutsamen Titel hat sich Tuchel in den vergangenen Wochen beim BVB erarbeitet. Den des erfolgreichen Krisenmanagers. Der inzwischen aufgeklärte Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus, die beiden Niederlagen in einem surrealen Champions-League-Viertelfinale gegen AS Monaco, das war eine außergewöhnliche und außergewöhnlich belastende Situation. Sie wurde vom BVB-Coach glänzend gemeistert. Nun deutet doch vieles auf eine vorzeitige Verlängerung seines Vertrags hin. Ein Thema, um das sie in Dortmund in der Vergangenheit einen regelrechten Eiertanz veranstaltet hatten. Denn der im Sommer eingeleitete Umbruch mit einem üppigen Pool an Talenten und den formschwachen Weltmeistern Mario Götze und André Schürrle führte – bei allem Verletzungspech - nicht zum selbstdefinierten Ziel den Bayern konsequent gefährlich zu werden.

Doch nun, in der schlimmsten Phase der Klubhistorie, gab ausgerechnet der so ehrgeizige und manchmal auch unnahbare Tuchel der Borussia das gute Gefühl zurück. Er bewältigte, so schreibt der Sportinformationsdienst, "hochsensibel den Spagat zwischen Menschlichkeit und Leistungsdruck". Tuchel selbst will die Saison gut zu Ende bringen, ehe er sich mit BVB-Boss Hans-Joachim Watzke zusammensetzt. Der Titel wäre ein feines Tüpfchen auf diese unruhige Saison, oder? "Ich habe als Trainer schon den Anspruch, dass meine Arbeit an mehr festgemacht wird, als an einem gewonnenen Halbfinale oder Finale", erklärte der Coach in der ARD. Genug Argumente hat er zuletzt ja auch so gesammelt. Ebenso wie Bender. Aber dessen Vertrag wurde vor Wochen schon bis 2021 verlängert. Offenbar keine so schlechte Idee.

Quelle: ntv.de