Fußball

Neue Debatte nach der Frechheit BVB wird die "Mentalitätsscheiße" nicht los

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Puh. 0:4, das ist frech.

(Foto: REUTERS)

Die TSG Hoffenheim spaziert bei Borussia Dortmund auf direktem Weg in die Europa League - ohne jede Gegenwehr. Klar, für die Mannschaft von Lucien Favre ging es sportlich um nichts mehr. Doch nach dem Debakel hat der BVB ein zermürbendes Thema wieder an der Backe.

Was die größte Frechheit des letzten Spieltags in der 57. Saison der Fußball-Bundesliga war, nun, darüber gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten. Trotz der nächsten desaströsen Leistung ist der FC Schalke 04 von diesem Vorwurf freizusprechen - mit dem Anlauf von 15 katastrophalen Spieltagen rauschte das Team in den finalen Horror, kassierte nach erbärmlicher Abwehrarbeit ein 0:4 beim SC Freiburg. Sie können es derzeit einfach nicht besser. Das klingt schlimm, das ist schlimm. Wobei schlimm fast zu niedlich klingt.

Ein dagegen sehr aussichtsreicher Kandidat für die Nominierung zur größten Peinlichkeit der 34. Runde ist der 1. FC Köln, nach 20 Minuten stellte die Mannschaft das Fußballspielen gänzlich ein und wurde von Werder Bremen mit 6:1 überrannt. Wobei sich deutlich gewaltiger liest, als es war. Denn Köln rannte ja nicht (mehr) mit. In Düsseldorf, der Stadt des Erzrivalen, kam diese Verweigerung nicht gut an, welch Wunder, denn die Fortuna, die ihrerseits bei Union Berlin patzte, stieg dadurch in Liga zwei ab.

Noch absurder als das, was die Kölner (nicht) anboten, war an diesem Samstag nur noch das, was Borussia Dortmund zeigte. Gäbe es eine Steigerung von "nichts", dann wäre das das passende Wort für die Leistung des Vizemeisters gegen die TSG Hoffenheim. Mit 0:4 (!) im heimischen Stadion (gut, wegen der Geister-Kulisse gibt es den Heimvorteil ja nicht mehr) ging die Mannschaft von Lucien Favre unter. Wehrlos. Teilnahmslos. Chancenlos. Lächerlich. "Ich werde verrückt", schimpfte Axel Witsel nach dem Ausstands-Debakel, "das ist nicht das, was wir sind. Wenn manche nicht nach hinten arbeiten, wenn wir nicht als Mannschaft auftreten, wird es schwer."

Zweite Wettbewerbsverzerrung binnen zwei Wochen

Zum zweiten Mal binnen zwei Wochen muss sich der BVB nun den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung gefallen lassen. Dem FSV Mainz ebneten die Dortmunder den Weg zum Klassenerhalt, den Kraichgauern rollten sie den roten Teppich in die Europa League aus - was sie in Wolfsburg, wo der VfL gegen den maximal überlegenen FC Bayern mit 0:4 verlor, wütend machte. Während die Münchner, für die es als Meister um nichts mehr ging, außer um die 100-Tore-Marke (erfolgreich umgesetzt), ihre Arbeit brutal stark erledigten, hatte der BVB nach dem bereits abgesicherten Platz zwei schlicht und einfach keine Lust.

Das ist weniger ein Vorwurf (das natürlich auch) als ein gefährliches Eingeständnis, formuliert von Roman Bürki, dem Torwart der Borussen. "Der absolute Wille dagegenzuhalten hat gefehlt", sagte er nach dem finalen Saison-Debakel. "Bei uns stand eine Mannschaft auf dem Platz, die nicht viel Lust hatte. Vielleicht haben wir manchmal die falsche Mentalität und die falsche Einstellung." Und zack, da war und ist sie wieder, diese unschöne Debatte, die den Verein in dieser Saison treu begleitet, ihn entnervt, bisweilen zermürbt und wütend gemacht hatte. So wollte Kapitän Marco Reus sich schon früh in dieser Spielzeit nicht mit der "Mentalitätsscheiße" beschäftigen. Er musste aber.

Die Jugend als Ausrede zählt nicht

Zwar gab es immer wieder Belege dafür, dass die Mannschaft, deren überragende Qualität unbestritten ist, auch das höchste Maß an Seriosität abliefern kann, erst recht seit sie in der Winterpause mit Stürmer Erling Haaland und Defensiv-Alleskönner Emre Can sportlich und mental verstärkt worden war. Allerdings gab es auch mindestens so viele Indizien dafür, dass die maximale Bereitschaft zur Leistung nicht auf Konstanz angelegt ist. Wiederholte Verweise auf die Jugend des Teams - sie taugen weder als Erklärung noch als Entschuldigung. Zumal Haaland, einer der Jüngsten, auch einer der Willensstärksten ist.

Die Frage nach Charakter, nach Mentalität und Bereitschaft, sie nimmt der BVB mit in die Sommerpause. Und einmal mehr wird sie von Trainer Favre zu beantworten sein, der trotz aller Kritik der Öffentlichkeit weitermachen wird. Das hat der Verein kurz vor dem Saisonfinale verkündet. Der Schweizer, der nun nach zwei Vizemeisterschaften in der kommenden Spielzeit erneut den Titel ins Visier nehmen muss - dieses Ziel haben bereits Abwehrchef Mats Hummels und Haaland ausgerufen - tut sich indes keinen Gefallen damit, die Leistung gegen Hoffenheim gleichmütig abzumoderieren. "Es war nicht gut von uns. [...] Wir werden das ziemlich schnell vergessen."

Vergessen, das haben sie doch in dieser Saison eigentlich gelernt, ist nicht der taugliche Impfstoff gegen unerklärliche Einbrüche. Frankfurt, Bremen, Freiburg, Hoffenheim, Leverkusen, dazu die Peinlichkeiten gegen die Aufsteiger Union Berlin und Paderborn - wer nach Gründen sucht, warum Dortmund in dieser Saison nicht Deutscher Meister geworden ist, der findet viele. Ein Grund ist natürlich auch die brutale Konstanz des FC Bayern unter Hansi Flick. Münchner Ausrutscher? Fast keine! Historisch gut war das, was die Bayern gespielt haben, stets unter Anspannung, stets bereit für das Maximum. Anders als der BVB.

"Wir müssen weiter an unserer Sieger-Mentalität arbeiten, da ist uns der FC Bayern voraus", befand Bürki. "Das ist einer der Punkte, die fehlen, um ganz oben zu stehen. Dann wirst du halt nur Zweiter. Wir haben den Kader, um die Bayern zu schlagen, aber nicht ihre Einstellung."

Quelle: ntv.de