Fußball

Mit Favre zur Meisterschaft BVB bastelt am Kader ohne Ausreden

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Die Abteilung Mentalität des BVB.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Viel falsch gemacht hat Lucien Favre nicht, sagen sie in Dortmund. Die angestrebte Deutsche Fußball-Meisterschaft haben sie dennoch verpasst. Also auf ein Neues im nächsten Jahr. Mit Favre und einem Kader, der all das verhindern soll, was in dieser Saison schiefgelaufen ist.

Eine Deutsche Meisterschaft, es wäre seine sechste, wird Mario Götze wohl nicht mehr gewinnen. Selbst wenn er zur kommenden Saison nach Berlin zur Hertha wechseln sollte (was aktuell nicht so wahrscheinlich scheint), die ja beizeiten gerne mal die Schale abgreifen möchte. Eine weitere Deutsche Meisterschaft, die würde Götze wohl nur nochmal gewinnen, wenn er zurück zum FC Bayern wechselt (ausgeschlossen) oder beim BVB bleibt (noch mehr ausgeschlossen). Denn diese beiden Mannschaften werden es halt erstmal weiter nur unter sich ausmachen. Eventuell kommt RB Leipzig irgendwann mal konstant hinzu, aber nach dem Abgang von Timo Werner und dem möglichen Wechsel von Dayot Upamecano steht vorerst ein Mini-Neuaufbau an.

Wie weit auch die Dortmunder (von Bayern brauchen wir nicht zu reden) dem Rest enteilt sind, das haben sie am vergangenen Spieltag der Fußball-Bundesliga eindrücklich nachgewiesen. In Leipzig gab's ein knackiges Statement, wie gut diese Mannschaft ist. Diese Mannschaft, die zur kommenden Saison (bislang) nur Götze verliert, die längst nicht mehr systemrelevante deutsche Legende, und eventuell nicht mehr auf Leistungsträger und Leihspieler Achraf Hakimi zurückgreifen kann. Seine Zukunft, er gehört Real Madrid, ist noch offen. Die bisweilen wilden und wildesten Gerüchte um Jadon Sancho und Erling Haaland haben sich derweil endlich beruhigt - auch dank Corona und den ungeklärten wirtschaftlichen Folgen für die Mega-Klubs in Europa.

Und weil das so ist, weil der schwer erziehbare Sancho und das Phänomen Haaland bleiben, weil Emre Can, der Chef-Kumpel des Ressorts Maloche, erstmals eine ganze Saison Schicht schiebt und dafür sorgen kann, dass die zermürbende Mentalitäts-Debatte im Herbst 2019 bloß eine lehrreiche Erinnerung bleibt, und der Kader auch sonst vor Talent und Qualität überquillt, deswegen will Borussia Dortmund in der kommenden Saison einen Platz nach oben rücken - also Meister werden. Und dieses Vorhaben soll weiter von Trainer Lucien Favre angeleitet werden. Also von jenem Mann, dessen Karriere von bislang nicht zu beseitigenden Titelreife-Zweifeln und Fremdeln gegenüber unmissverständlichen Meisteransagen begleitet wird, der in dieser Saison mindestens zweimal darum bangen musste, dass er weitermachen darf.

Das Präfix muss weg!

Nach zwei Vize-Meisterschaften soll der Schweizer das leidliche Präfix im dritten Jahr endlich verschwinden lassen. Und der Glaube daran, an Favre, ist groß. Eine Verteidigungsrede gegen alle Angriffe, die in dieser Saison, vor allem in der Hinrunde und nach der Topspiel-Pleite gegen den FC Bayern, lanciert wurde, hält nun Axel Witsel, ebenfalls Wächter der sensiblen Mentalität. "Wir haben unter ihm in zwei Jahren rund 150 Punkte geholt - das wäre für jede Mannschaft der Welt ein Top-Ergebnis. Er ist, wenn ich richtig informiert bin, der BVB-Trainer mit dem historisch besten Punkteschnitt - sogar noch vor einem gewissen Jürgen Klopp. Auch einen Torrekord wie wir in dieser Saison stellt man bei einem Klub wie Borussia Dortmund nicht en passant auf. So furchtbar viel verkehrt kann er also nicht gemacht haben", sagte er zu Sport1.

Tatsächlich werden Favre von seinen Kritikern zwei Dinge vorgeworfen: Dass seine Mannschaft gegen "kleine Gegner" zu oft Punkte lässt und sie in "großen" Spielen zu oft ängstlich agiert (sichtbar bisweilen auch in der Aufstellung). In dieser Saison gingen beide Spiele gegen den FC Bayern verloren. In der Hinrunde gab es in München, im ersten Bundesligaspiel unter Hansi Flick, sogar eine amtliche Lasche. Da traf Power auf Panik, Mentalität auf Mimimi. Witsel sagt über diese Saison: "Wir haben es ordentlich gemacht, aber noch immer haben wir in manchen Spielen unnötig Punkte abgegeben. Ich erinnere an die Spiele daheim gegen Bremen und Paderborn oder in Freiburg und Frankfurt. Konstanz ist also weiter ein Thema unserer Entwicklung und das hat zumindest zum Teil sicher auch mit Erfahrung zu tun. Wir sind eben eine junge Mannschaft."

Top-Talent und Erfahrung kommen

Und das soll sie auch künftig bleiben. Mit dem 16-jährigen Jude Bellingham steht das nächste Wunderkind bereit, um das Talente-Reservoir in Tiefe und Breite zu ergänzen. Das ohnehin schon hochbegabte Ensemble um den 19-jährigen Haaland, den 20-jährigen Sancho, den 21-jährigen Dan-Axel Zagadou, den 24-jährigen Julian Brandt, den 17-jährigen Gio Reyna und den 15-jährigen Youssoufa Moukoko würde um noch mehr Wucht und Tempo ergänzt, denn dafür steht der Youngster des englischen Zweitligisten Birmingham City. Als zusätzliche Fachkraft, um die spektakuläre Teenager-Bande der Dortmunder anzuleiten, wurde Rechtsverteidiger Thomas Meunier verpflichtet. Bei Paris St. Germain und in der belgischen Nationalmannschaft hat der 28-Jährigen bereits auf Titel-Niveau gespielt. Und sollte Hakimi tatsächlich gehen, wäre die Lücke bereits verfüllt, bevor sie sich auftut.

Der BVB hätte, wenn nichts völlig Überraschendes mehr passiert, einen Kader ohne Ausreden, einen, der all das verhindern könnte, was in dieser Saison schiefgelaufen ist. Er hätte Mentalitätmonster und Monsterfußballer. Und womöglich wieder einen nicht mehr systemrelevanten Weltmeister: André Schürrle, der das Final-Tor 2014 von Götze so schön aufgelegt hatte, kehrt nach seiner Leihe von Spartak Moskau (vorerst) zurück. Womöglich wird er wie Götze nie wieder für den BVB spielen - aber womöglich am Ende aber eine Deutsche Meisterschaft feiern. Seine erste.

Quelle: ntv.de