Fußball

Sitzt Rekordmeister Antrag aus? Bayerns Katar-Zoff beschäftigt Gericht

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Eine deutliche Botschaft.

(Foto: imago images/Eibner)

Am kommenden Donnerstag findet die Jahreshauptversammlung des FC Bayern München statt. Ein großes Thema könnte der Katar-Deal werden. Dafür hat ein Antrag gesorgt, den der Klub nun auszusitzen versucht. Der Antragsteller will die Zulassung mit einer einstweiligen Verfügung erzwingen.

Als der FC Bayern München Anfang Juli seinen neuen Trainer den Medien vorstellte, verkündete Hasan Salihamidzic noch stolz einen weiteren Neuzugang: "Ich habe eine neue Espressomaschine im Büro." Gemeinsam mit Julian Nagelsmann habe er sich einen Kaffee gemacht und über allerlei Dinge geplaudert. Um eine "1-A-Kommunikation" gehe es ihm, der in der letzten Saison erlebt hatte, was passieren kann, wenn Trainer und Sportvorstand nicht in der Lage sind, eine entsprechende Arbeitsatmosphäre zu schaffen.

Medial entwickelte sich die Espressomaschine schnell zum Klickfang. Könnte es vielleicht sein, dass das in die neue Technik investierte Geld sogar die letzte größere Ausgabe auf dem Transfermarkt war? Schließlich kämpfe Salihamidzic mit stumpfen Waffen, wurde damals gemunkelt. Auf rund 150 Millionen Euro wird der Umsatzverlust des FC Bayern während der Corona-Pandemie geschätzt. Geld, das andere Klubs nie besitzen werden, das den der nationalen Konkurrenz enteilten Münchnern aber schmerzlich fehlt.

Viel zitiert wurde diesen Sommer aber nicht nur die Espressomaschine. Salihamidzic und auch der neue Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn sprachen viel über die Zukunft des Klubs. Ein Wort, das dabei häufig fiel, ist "Kreativität". Man könne mit den Superklubs wie Paris Saint-Germain oder Manchester City finanziell nicht mithalten, weshalb man wie schon in der letzten Dekade alternative Wege finden müsse.

Freistaat gegen Staaten?

"Wenn du als Bayern München in einem internationalen Wettbewerb erfolgreich sein willst, dann hat man natürlich mit Klubs wie Manchester City mit Abu Dhabi, mit Chelsea mit dem Milliardär Abramowitsch, mit Paris Saint Germain mit Katar als Staat und Manchester United mit amerikanischen Milliardären zu tun", sagte der ehemalige Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge jüngst dem WDR. Man spiele "nur noch gegen Staaten oder Milliardäre".

Eine Entwicklung, die sich der Spitzenfußball selbst zuzuschreiben hat. Besonders interessant sind solche Aussagen aber vor dem Hintergrund, dass der FC Bayern selbst Geld von einem jener Staaten annimmt.

2011 reiste der FC Bayern München ins Trainingslager nach Katar. 2015 ließ er sich erstmals auf ein Sponsoring von einem Unternehmen aus dem Land ein: Mit dem Flughafen in Doha wurde ein hochdotierter Vertrag unterschrieben. Im Jahr 2018 wurde bekannt, dass der Rekordmeister eine geschäftliche Partnerschaft mit Qatar Airways eingehen würde. Einem Unternehmen, das zu 100 Prozent in der Hand eines Staates liegt, der wiederholt durch Menschenrechtsverletzungen auffällig wurde und wird.

Die Kritik an Katar

Am bekanntesten in diesem Zusammenhang ist bis heute die Situation der Gastarbeiter:innen. Über 1400 Arbeiter:innen ließen zwischen 2009 und 2019 ihr Leben in Katar. Hauptverantwortlich dafür ist ein System der Ausbeutung: das "Kafala"-System. Immerhin: Zum Jahr 2020 gab es Verbesserungen, die auf den Weg gebracht wurden, um das System zu stoppen. Doch Menschenrechtsorganisationen bleiben kritisch, weil das System trotzdem an vielen Stellen noch weiter besteht. Der Bayern-Sponsor Qatar Airways stand ebenfalls mehrfach in der Kritik, was die Arbeitsbedingungen anbelangt.

Doch dabei bleibt es nicht. Struktureller Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit sind trotz leichter Verbesserungen nach wie vor ein großes Problem in Katar - wenngleich sie dieses nicht exklusiv für sich haben. Die moralische Perspektive, sie ist ohnehin eine komplizierte. Gerade aus westlicher Perspektive hat sie gern mal den Hang zur Arroganz, weil sie zur Bevormundung neigt. Von oben herab geführte Diskussionen über Werte und Menschenrechte sind nicht zielführend. Diplomatie steht deshalb auch für Hilfskräfte vor Ort an oberster Stelle.

Eine Gesetzeslage, die es erlaubt, kritische Journalist:innen zu zensieren und sogar zu inhaftieren sowie die Finanzierung von Terrorismus und Korruption im Sport zeichnen jedoch das Bild eines Staates, der versucht, sich durch Annäherung an den Westen ein besseres Image und vor allem auch Schutz zu erkaufen. Und genau zwischen diesen beiden Fronten, jenen der Diplomatie und der Konfrontation, befindet sich der FC Bayern.

Katar will sich außenpolitisch schützen

Doch welches Interesse hat Katar an westlichen Partnerschaften in Wirtschaft, Politik und Sport? Der Journalist Ronny Blaschke beschäftigt sich seit Jahren mit den politischen und gesellschaftlichen Hintergründen im Sport. Im Gespräch mit miasanrot.de verriet er 2020: "Einer von vielen Gründen ist die Sicherheitspolitik. Der Nahe und Mittlere Osten ist eine komplexe Region mit vielen machtbewussten Regimen. Katar als kleine Halbinsel mit nur 2,5 Millionen Einwohnern ist Staaten wie Iran und Saudi-Arabien militärisch klar unterlegen."

Deshalb investiere der Staat in "Soft Power". Es gehe um Kontakte in den Bereichen Kultur, Sport, aber eben auch Politik, um sich beispielsweise vor einer Invasion durch Nachbarstaaten zu schützen. Und doch sei die Abhängigkeit vom FC Bayern sehr überschaubar. Deshalb wäre es auch naiv, zu glauben, der Klub könne vor Ort Bäume ausreißen. Stattdessen sei es sogar höchst unwahrscheinlich, dass die Münchner großes Interesse daran hätten, die Lage aktiv zu verändern. Dafür habe man in den letzten Jahren zu wenig getan.

Neben der außenpolitischen Sicherheit gehe es Katar aber auch um den eigenen Wohlstand, sagt Blaschke. Man habe großes Interesse daran, den eigenen Wohlstand nachhaltig zu wahren und Alternativen zu den Einnahmen durch Gasexporte aufzubauen.

Abwarten statt Auseinandersetzung

Doch welches Interesse hat der FC Bayern daran, sich für dieses Vorhaben instrumentalisieren zu lassen, wenn es nicht die gern nach außen vorgetragene Veränderung vor Ort ist? Rummenigge brachte es kürzlich auf den Punkt: "Wir haben gutes Geld aus diesem Vertrag bekommen."

Seit dem ersten Trainingslager in Doha gibt es für die Machenschaften des Klubs Kritik aus der Fanszene. Beim Top-Spiel gegen den SC Freiburg tauchte wieder ein großes Banner im Stadion auf: "Für Geld waschen wir alles rein". An der Säbener Straße ist man diese Art Kritik gewohnt. Sie wird nahezu weggelächelt.

Man hat es sich abgewöhnt, auf jede Art von Gegenwind zu reagieren und der Öffentlichkeit so noch mehr Wind für die eigenen Segel zu bieten. Aussitzen als Strategie? Zumindest wird es intern so kommuniziert. Lieber ein paar Tage aushalten, als sich in kontroverse Diskussionen zu verstricken.

Bayerns Argumente sind schwach

Die Bayern wissen, dass sie dabei nur verlieren können. Ihre Argumente sind dünn. Man habe in den vergangenen zehn Jahren viel bewegen können, Dialog sei besser als Konfrontation und es bestehe ein regelmäßiger Austausch mit Hilfskräften vor Ort. Beweise dafür? Gibt es kaum. Und dass sie in einer geschäftlichen Beziehung mit jemandem stehen, den sie angeblich kritisieren, erscheint unglaubwürdig.

Es ist zwar mittlerweile fast schon Konsens, dass der Fußball durch die entstandene Aufmerksamkeit mindestens einen kleinen Anteil der Veränderungen in Katar mit angestoßen hat, aber wie groß wiederum jener des FC Bayern ist, ist höchst fraglich. Zumal es niemanden außerhalb des Klubs gibt, der ein echtes Engagement der Münchner vor Ort bestätigen kann.

Genauso fraglich ist es, ob der Klub wirklich nach den Empfehlungen der Hilfskräfte vor Ort handelt. Der Menschenrechtler Nicholas McGeehan arbeitete lange für Human Rights Watch und arbeitete aktiv an einer Handlungsempfehlung für den FC Bayern mit. Anfang 2020 erzählte er auf einer Podiumsdiskussion, dass der Klub diese komplett ignoriert hätte. Eine Podiumsdiskussion, die von Fans organisiert und vom Klub trotz Einladung nicht besucht wurde. Der Grund seien Vorbehalte gegenüber McGeehan gewesen, heißt es aus dem Umfeld.

Einer der Organisatoren der Veranstaltung wurde von den Bayern mit einem lebenslangen Stadionverbot belegt. Der Verein sagt, der Fan habe bei einem Spiel der zweiten Mannschaft ein nicht genehmigtes Banner ausgerollt und vorher an den Ordnungskräften vorbeigeschmuggelt. Ob das die wirklichen Beweggründe des Verbots waren, wird aktuell vor Gericht verhandelt. Der Anwalt des Fans, Andreas Hüttl, sagt: "Hier geht es um eine selektive Entscheidung gegen meinen Mandanten. Es gab Hunderte unangemeldete Banner im Stadion, die kein Verbot zur Konsequenz hatten. Das ist nur ein vorgeschobener Grund. Tatsächlich geht es hier darum, dass sich der Verein so eines kritischen Fans entledigen will, ihn mundtot machen will."

Bayern-Fan will Klub zur Beendigung des Vertrags zwingen

Es passt in die Strategie des Aussitzens. Der FC Bayern versteckt sich hinter Halbwahrheiten und Scheinargumenten, um die wirtschaftlich lukrativen Vorzüge der Partnerschaft genießen zu können. Rund 20 Millionen Euro soll der Rekordmeister aus dem Deal mit Qatar Airways jährlich erhalten.

Das sind viele Espressomaschinen. Oder etwas mehr als ein Marcel Sabitzer, der kurz vor Ende des Transferfensters doch noch als weiterer Neuzugang präsentiert wurde. Sollten die Fans also nicht eigentlich glücklich darüber sein, dass ihr Herzensverein Mittel und Wege findet, weiterhin erfolgreich zu sein?

Michael Ott ist seit seiner Kindheit Bayern-Fan und seit 2007 Mitglied. Zugleich ist er Rechtsreferendar am Landgericht Mainz. Am Donnerstag, dem 25. November, findet in München die Jahreshauptversammlung statt. Eigentlich wäre diese wohl eher kein so großes Medienthema geworden. Sportlich läuft es dafür zu gut bei den Bayern.

Ott aber hat dafür gesorgt, dass es in der Länderspielpause doch nochmal unruhig wurde - zumindest im Umfeld des Klubs. Sein öffentlich gestellter Antrag, das Katar-Sponsoring auslaufen zu lassen, sorgt für Aufmerksamkeit. Wir wollen "unseren Verein dazu verpflichten, den Sponsoring-Deal mit Qatar Airways nicht weiter fortzuführen, da er mit den Werten unseres Vereins nicht vereinbar ist", heißt es auf der Website des Antrags.

FC Bayern reagiert bislang nicht auf den Antrag

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Die Kritik der Bayern-Fans ist nicht neu, wie auch dieses Bild aus dem März 2020 zeigt.

(Foto: imago images/MIS)

Der Antrag unterscheidet sich insofern von der Kritik aus den letzten Jahren, als dass er auf einer juristischen Grundlage beruht, mit der sich der Klub nun eigentlich auseinandersetzen muss. Zwar könne die Mitgliederversammlung nicht unmittelbar für die AG verbindliche Schlüsse fällen. Sie könne aber mittelbar beeinflussen, wie sich die Vertreter des Vereins in den Organen der AG verhalten, so Ott.

Einige Wochen ist der Antrag jetzt bereits online. Und der Klub? Auf mehrfache Anfrage von Ott reagierte dieser bislang nicht. Die Strategie des Aussitzens - und in diesem Fall auch jene des Verzögerns. Je näher die Jahreshauptversammlung rückt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass der Antrag tatsächlich zur Abstimmung vorgelegt wird.

Ott hatte dem Klub eine Deadline gesetzt, um notfalls juristisch vorgehen zu können. Kurz vor dem Ende dieser Deadline wurde er darüber in Kenntnis gesetzt, dass man bisher schlicht nicht die Zeit gefunden habe, was angesichts der Vorlaufzeit von fast einem Monat unrealistisch, fast schon unprofessionell erscheint. Das zwingt Ott nun dazu, gerichtliche Schritte zu ergreifen, für die er bereits Spenden sammelt. Die erhoffte Marke von 3000 Euro war an diesem Donnerstag bereits erreicht. Die einstweilige Verfügung soll spätestens am Freitag beim Amtsgericht München eingehen.

"Ich hätte nicht gedacht, dass der Verein so feige davor flieht", sagt Ott über das Aussitzen der Bayern. Sein Anwalt, Andreas Hüttl, sagt ntv.de: "Die Haltung des FC Bayern zeugt vom einem despektierlich Umgang des Vereins mit den Rechten seiner Mitglieder. Dies ist nicht hinzunehmen und muss nun über die ordentliche Gerichtsbarkeit korrigiert werden."

Eine Entscheidung über den Vertrag fällt zeitnah

Es ist trotzdem unwahrscheinlicher geworden, dass der eigentlich zulässige Antrag vom Klub zugelassen wird. Es scheint, als wäre der FC Bayern abermals damit erfolgreich, Kritik durch Aussitzen an sich abprallen zu lassen. Das Verhalten Ott gegenüber ist dafür stellvertretend - und gleichermaßen problematisch, weil die eigenen demokratischen Grundsäulen, nämlich jene der eigenen Vereinssatzung, damit mit Füßen getreten werden.

Indes hat Amnesty International einen neuen Bericht veröffentlicht, der die Arbeitsbedingungen für Bauarbeiter in Katar immer noch als sehr schlecht beurteilt. Der Reality Check offenbart, dass die Argumentation des FC Bayern - und auch jene vieler anderer Unternehmen, Verbände und Sportklubs - immer mehr Risse erhält. Der Druck auf sie wird nun größer.

2023 läuft das Sponsoring durch Qatar Airways beim FC Bayern aus. Hinter vorgehaltener Hand wird im Umfeld des Klubs darüber spekuliert, dass es Alternativen geben könnte, die einen möglichen Verlust wirtschaftlich auffangen könnten. Die Bayern könnten das dann so verkaufen, als hätte man nach Jahren der Ignoranz endlich eingelenkt.

Espresso und abwarten

Glaubwürdig wäre das aber nicht - es würde schließlich die jüngst geführte Argumentationslinie ad absurdum führen. Zumal dieses Szenario ohnehin noch weit entfernt scheint. Eine Verlängerung des Vertrags ist längst nicht vom Tisch und entschieden wird darüber zeitnah. Deshalb ist der Antrag von Ott für alle kritischen Stimmen innerhalb und außerhalb des Klubs genau jetzt so wichtig. Um etwas bewirken zu können, müsste er am kommenden Donnerstag zur Abstimmung vorgelegt werden.

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Und der Klub? Er lässt sich Zeit. Weil er um den Druck auf der Gegenseite weiß. Und weil er ebenso darum weiß, dass er eine ergebnisoffene Diskussion nicht für sich entscheiden könnte, wartet er, bis es für Ott und alle Befürworter seines Antrages zu spät ist. Ein unsägliches Verhalten, das in der Vergangenheit aber mehrfach erfolgreich war. Nun muss juristisch entschieden werden, ob es noch eine Chance für den Antrag gibt - und das möglichst schnell.

Derweil wird man sich an der Säbener Straße an der neuen Espressomaschine erfreuen, die im vergangenen Transferfenster verpflichtet wurde. Schließlich lässt sich der Gegenwind mit einem leckeren Kaffee besser aussitzen - und dann kann es nach der Jahreshauptversammlung endlich wieder ums Sportliche gehen. So zumindest die Erfahrung der letzten Jahre. Denn nachhaltig laut war die Kritik nur selten. Dieser Antrag und das Verhalten des Klubs könnten das aber verändern.

Quelle: ntv.de

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