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Applaus, Applaus - für die Unterstützung der Fans in Sinsheim.
Applaus, Applaus - für die Unterstützung der Fans in Sinsheim.(Foto: picture alliance/dpa)
Montag, 10. September 2018

Viel Glück im Test gegen Peru: DFB-Elf rettet sich auf den Schulz-Zug

Von Stefan Giannakoulis, Sinsheim

Teil zwei der Wiedergutmachungstour gerät zum Chancentodfestival, nur mit Glück gewinnt die deutsche Fußball-Nationalelf den Test gegen Peru - dank eines Debütanten, der spät trifft. Sonst aber plagt das DFB-Team ein altes Problem.

Ob es doch am fehlenden Können liegt? Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat sich an diesem Sonntagabend im Testspiel gegen Peru sichtlich bemüht und sogar zwei Tore geschossen, die ersten beiden nach der verkorksten Weltmeisterschaft in Russland, als sie als erstes Team in der Geschichte des DFB bereits in der Vorrunde gescheitert war. Doch nach der allgemein goutierten Nullnummer am Donnerstag gegen Weltmeister Frankreich sprang nun im mit 25.494 Zuschauern ausverkauften Stadion in Sinsheim beim zweiten Teil der Wiedergutmachungstour gerade einmal ein 2:1 (1:1) gegen die Südamerikaner heraus. Oder immerhin, bemüht haben sich die deutschen Spieler ja. Aber das mit dem Torschießen müssen sie noch einmal üben. Wobei: Neu ist das Problem nicht.

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Bundestrainer Joachim Löw hatte zehn WM-Fahrer in seine Startelf gestellt, dazu in seiner 4-1-4-1-Formation mit Hoffenheims Niko Schulz einen Neuling als linken Außenverteidiger, dem dann auch gleich fünf Minuten vor dem Ende der Partie mit viel Glück der Siegtreffer gelang. Zuvor hatte der ehemalige Hoffenheimer Luis Jan Piers Advíncula Castrillón in der 22. Minute die Führung für Peru erzielt und der Leverkusener Julian Brandt drei Minuten später ausgeglichen. Löw sagte hinterher: "Natürlich sind wir froh, dass wir das Spiel gewinnen konnten." Er sagte aber auch: "Das Team hat begriffen, dass wir noch nicht über den Berg sind." Die nächsten Termine haben es in sich, zwei Spiele in der neuen Nations League stehen an: In Amsterdam geht es am Samstag, den 13. Oktober, gegen die Niederlande; am Dienstag darauf, den 16. Oktober, dann nach St. Denis zum Rückspiel gegen Frankreich. Bis es so weit ist, hier die DFB-Elf in der Einzelkritik:

Marc-André ter Stegen: Der Marc, hatte Löw in der vergangenen Woche erzählt, sei ein "absoluter Weltklassetorhüter, er passt perfekt zu Barcelona. Aber im Moment ist der Manuel die Nummer eins". Irgendwann "werden wir das neu bewerten müssen", aber in Sinsheim saß Neuer, der Kapitän, nur deshalb auf der Bank, damit ter Stegen, anders als bei der WM, auch mal spielen darf. So, wie er es getan hatte, als Neuer lange verletzt war. Gegen Peru absolvierte der 26 Jahre alte ehemalige Gladbacher sein 21. Länderspiel und sah beim 0:1 in der 22. Minute ein wenig unglücklich aus, als Perus rechter Außenverteidiger, der Ex-Hoffenheimer Advíncula, ihn mit einem wuchtigen Schuss ins kurze Eck überraschte. Bis auf ein missglücktes Dribbling kurz vor Schluss gelang ihm ansonsten eine tadellose Leistung, nach 54 Minuten parierte er einen Kopfball des peruanischen Mittelfeldspielers Pedro Jesús Aquino. Den Konkurrenzkampf aber, der eh kein richtiger ist, hat er nicht angeheizt. Es ist davon auszugehen, dass der Bundestrainer seine Neubewertung weit nach hinten schiebt.

Spielte offensiver als gegen Frankreich: Matthias Ginter (r).
Spielte offensiver als gegen Frankreich: Matthias Ginter (r).(Foto: picture alliance/dpa)

Matthias Ginter: Bei der Partie in München hatte der 24 Jahre alte Innenverteidiger der Gladbacher Borussia seine Sache als Ersatz für den ins Mittelfeld gerückten Joshua Kimmich auf der Position des rechten Außenverteidigers so gut gemacht, dass er nun gleich wieder ran durfte und so zu seinem 20. Länderspiel kam. Wieder machte er seine Sache sehr ordentlich, auch wenn aus ihm in diesem Leben mutmaßlich kein Flankengott mehr wird. Grundsätzlich agierte er, wie Schulz am anderen Ende der Viererkette, deutlich offensiver. Hätte nach 13 Minuten zur Führung treffen müssen, köpfte frei aber so unpräzise, dass Torhüter Pedro David Gallese keine Probleme hatte. Am Ausgleich des Kollegen Brandt war er insofern beteiligt, als er sich zuvor den Ball erkämpft und ihn auf Vorlagengeber Toni Kroos gepasst hatte. So lange Joshua Kimmich im Mittelfeld spielt, solange hat Ginter erst einmal den Job. Nach 72 Minuten war Schluss, für ihn kam der 21 Jahre alte Thilo Kehrer von Paris Saint-Germain in die Partie. Für den ehemaligen Schalker war es das erste Länderspiel, er war neben Schulz und Kai Havertz einer von drei Debütanten an diesem trotz allem unterhaltsamen Abend.

Jérôme Boateng: Weil Vereinskollege Mats Hummels wegen seiner Probleme mit der Achillessehne absagen musste, konnte der seit einer knappen Woche 30 Jahre alte Münchner Innenverteidiger den inoffiziellen Titel des Abwehrchefs für sich reklamieren. In seinem 75. Länderspiel erledigte er seine Aufgaben zweikampfstark und mit der gewohnt souveränen Übersicht. Nach der Pause war dann Schluss mit Abwehrchef, Boateng blieb in der Kabine oder sonst wo, für ihn kam der 25 Jahre alte Antonio Rüdiger vom FC Chelsea in die Partie. Gegen Frankreich hatte er noch den linken Außenverteidiger gegeben, in seinem 27. Länderspiel agierte er in Sinsheim wieder auf seinem angestammten Platz in der Abwehrmitte - und fiel im Vergleich zu Boateng doch ab, zum Beispiel, als der in der 61. Minute den Ball direkt zum Gegner köpfte. Der Bundestrainer betonte anschließend zum Thema Innenverteidigung: "Hummels und Boateng werden diese Position erst einmal in den wichtigen Spielen bekleiden." Auch hier dürfte eine Neubewertung auf sich warten lassen.

Niklas Süle: Hummels war nicht dabei, also durfte der 23 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern von Beginn an ran. In seinem - Obacht, Unglückszahl - 13. Länderspiel machte der ehemalige Hoffenheimer eine ordentliche Partie, das Attribut solide passt ganz gut. Sechs Minuten vor der Pause hätte ihm der österreichische Schiedsrichter Robert Schörgenhofer ruhig einen Elfmeter zusprechen können, als Süle nach einer Ecke gerne mit dem Kopf das 2:1 für seine Mannschaft erzielt hätte, aber nach einem peruanischen Klammergriff in des Gegners Strafraum zu Boden sank.

Debüt in der Nationalelf und gleich zum Matchwinner avanciert: Nico Schulz.
Debüt in der Nationalelf und gleich zum Matchwinner avanciert: Nico Schulz.(Foto: picture alliance/dpa)

Niko Schulz: Adieu Ochsenabwehr. Hatten gegen den Weltmeister noch vier Innenverteidiger die Viererabwehrkette gebildet, kam mit dem 25 Jahre alten Hoffenheimer ein echter Außenverteidiger auf der linken Seite zu seinem Länderspieldebüt in Sinsheim. An Engagement hat's nicht gefehlt, er ließ sich beim 0:1 allerdings von Advíncula überlaufen. Oder wie es Löw formulierte: "Beim Gegentor hätte er den Ball auch wegschlagen können." Dass Schulz dennoch zufrieden sein durfte, lag daran, dass er nie aufsteckte; und daran, dass ihm kurz vor dem Abpfiff das 2:1 gelang, wenn auch mithilfe der peruanischen Abwehr. Nach einem Pass von Nils Petersen traf erst Anderson Santamaría den Ball nicht, beim Schuss war noch ein Gegner dran, der Torhüter machte keine glückliche Figur. Kurzum: Die DFB-Elf rettete sich auf den Schulz-Zug. Das beantwortet aber nicht die Frage, ob er der Linksverteidiger der Zukunft ist. Warten wir es ab, bis der Kölner Jonas Hector wieder dabei ist. Wie bitte? Hat hier jemand Marvin Plattenhardt gesagt? Den Berliner hätten wir fast vergessen.

Joshua Kimmich: Gegen Frankreich hatte der 23 Jahre alte Führungsspieler in spe auf der Sechserposition vor der Ochsenabwehr vor allem damit überzeugt, dass er defensiv abräumte, was es abzuräumen gab. Von allen Spielern in der Startelf hatte er die beste Passquote, 94,3 Prozent, und auch die beste Quote im Zweikampf, 77,8 Prozent. In seinem 34. Länderspiel war der Münchner eher in der Rolle desjenigen gefragt, der das Offensivspiel seiner Mannschaft ankurbelt. Das gelang ihm dann auch durchaus, zudem gewann er mit seiner Giftigkeit und Robustheit viele seiner Zweikämpfe und behielt meist die Übersicht. Und, bleibt's bei seinem Rollenwechsel? Ja, sagte der Bundestrainer: "Das wird auch in den nächsten Spielen so sein, weil er das gut gemacht hat."

Julian Brandt, die neue Nummer 10, trifft zum zwischenzeitlichen Ausgleich.
Julian Brandt, die neue Nummer 10, trifft zum zwischenzeitlichen Ausgleich.(Foto: picture alliance/dpa)

Julian Brandt: Er ist der Mann, der nun in der DFB-Elf Mesut Özils Nummer 10 auf dem Trikot trägt. Nachdem er sich die respektable Nullnummer gegen Frankreich von der Bank aus angesehen hatte, stand der 22 Jahre alte Leverkusener nun - Löw hatte es versprochen - in der Startformation. Brandt ersetzte im 20. Länderspiel Thomas Müller vom FC Bayern auf der rechten Außenbahn und reüssierte drei Minuten nach der peruanischen Führung mit seinem Treffer zum 1:1 zum ersten Nach-WM-Debakel-Torschützen der DFB-Elf. Es war sein zweites Tor für die Nationalmannschaft, und zudem ein sehr schönes, ein formvollendeter Heber nämlich. Sehr schön auch, wie er nach einer knappen Stunde Timo Werner, der allerdings den Ball nicht ins Tor schoss. Insgesamt ist ihm und der DFB-Elf zu wünschen, dass er auch künftig etwas mehr Zeit bekommt, um das zu zeigen, was er kann. Nach 70 Minuten kam der 29 Jahre alte Freiburger Nils Petersen für ihn in die Partie. Das war wohl dem Ansinnen geschuldet, mit einem gelernten Angreifer auf dem Platz den Siegtreffer zu erzwingen. Vier Minuten nach seiner Einwechslung schoss Petersen in seinem zweiten Länderspiel den Ball knapp am Tor vorbei. Versuchte es danach noch zweimal mit dem Kopf, vergeblich allerdings.

Ilkay Gündoğan: Genau 66 Minuten musste der 27 Jahre alte Mittelfeldspieler von Manchester City gegen Frankreich auf seine Einwechslung warten. Nun kam er in den Genuss, von Beginn an zu spielen. Genuss ist ein gutes Stichwort: In seinem 29. Länderspiel vermittelte er Spaß am Fußball. "Das war wieder der Ilkay, den man aus der Vergangenheit kennt", sagte der Bundestrainer. In der Tat war er in der Mittelfeldzentrale neben Kroos gut aufgehoben. Und er war derjenige, der in der ersten Halbzeit mit feinen Pässen in die Spitze seine Kollegen hervorragend in Szene setzte, Marco Reus gleich nach zwei Minuten. Der hat allerdings das Toreschießen nicht erfunden, Gündoğan selbst auch nicht, wie nach 38 Minuten zu sehen war, als er an Perus Gallese scheiterte. Nach der Pause baute er dann deutlich ab und leistete sich einige Ballverluste. Löw bilanzierte dennoch: "Er hat bei uns wieder einen großen Schritt nach vorne gemacht." Sechs Minuten vor dem Ende nahm Löw ihn raus und brachte den 28 Jahre alten Münchner Thomas Müller, der nun auf 96 Länderspiele kommt.

Kapitänsbinde und Pass zum 1:1: Toni Kroos.
Kapitänsbinde und Pass zum 1:1: Toni Kroos.(Foto: picture alliance/dpa)

Toni Kroos: Da Kapitän Neuer ja zur Förderung des guten Binnenklimas im Allgemeinen und als Dank für ter Stegens Stellvertreterdienste im Speziellen auf der Bank saß, war der 28 Jahre alte Madrilene in Sinsheim der Mann mit der Binde am Oberarm. In seinem 88. Länderspiel hatte er ein wenig Glück, dass sein Pass auf Brandt vor dem 1:1 den Kollegen auch erreichte. Andere sagen, es sei ein Zeichen fantastischer Übersicht, dass Kroos auch im Fallen noch so gut reagierte. Wie dem auch sei, der Punkt für die Vorlage gebührt ihm. Nach 77 Minuten gelang ihm ein toller Pass auf Werner, der Richtung Tor sprintete, den Ball dann aber zu hoch in die Mitte schlug, als dass ihn der kurz zuvor eingewechselte Petersen noch hätte erreichen, geschweige denn gewinnbringend verwerten können. Was wir damit sagen wollen: Kroos, passsicher wie stets und engagiert im Zweikampf wie vor allem neuerdings, bleibt als Ballverteiler in dieser Mannschaft unverzichtbar.

Timo Werner: Wenn selbst der einzige Spieler in der Startelf, der das mit dem Toreschießen beruflich macht, am Ende nicht trifft, dann ist das ein Problem - das aber nicht unbedingt dem 22 Jahre alten Angreifer der Leipziger Rasenballsportler anzukreiden ist. In seinem 19. Länderspiel kam er wie gegen Frankreich auf der linken Seite zum Einsatz, wo er mit seiner Schnelligkeit und seiner Stärke im Dribbling auch gut aufgehoben ist. Mitunter tauschte er in der ersten Halbzeit mit Marco Reus die Plätze und rückte in die Mitte. In der zweiten Halbzeit, als Reus längst unter der Dusche stand, tat er das permanent - und hätte nach 56 Minuten und einem schnellen Konter über Brandt das 2:1 erzielen können. Doch er hob den Ball nicht nur über den peruanischen Keeper, sondern auch über das Tor. Nach der Einwechslung von Petersen rückte er nach rechts, das brachte aber auch nichts ein. In der 88. Minute machte er Platz für den 19 Jahre alten Leverkusener Kai Havertz, den dritten Neuling des Abends und 99. Debütanten, den Löw seit 2006 als Bundestrainer ins Team geholt hat.

Marco Reus: Wieder spielte der 29 Jahre alte Dortmunder als einzige Spitze, und wie am Donnerstag in München stellte sich nach seinem 36. Länderspiel die Frage, ob er dort nicht verschenkt ist. Die Chancen, die er hatte, vergab er unkonzentriert, so wirkte es zumindest in der zweiten Minute, als er nach einem feinen Pass von Gündoğan den Ball nicht am auf ihn zustürzenden Gallese vorbeibrachte. Und so wirkte es bei seiner größten Möglichkeit nach 20 Minuten, als er nach einem Pass von Werner freistehend den Ball nicht recht traf und ihn links am Tor vorbeischob. Das Experiment währte dieses Mal nur 45 Minuten. Mit der zweiten Halbzeit kam der 24 Jahre alte Julian Draxler von Paris Saint-Germain auf den Rasen und zu seinem 47. Länderspiel. Er rückte auf die linke Angriffsseite, das hatte zur Folge, dass der Werner nun den Mittelstürmer gab. Tja. Bis auf einen guten Doppelpass mit dem Leipziger kurz vor Schluss gelang Draxler nicht viel. Aber zu seinem Glück traf dann noch Schulz.

Quelle: n-tv.de