Fußball

Was ist mit Löw & Liechtenstein? DFB-Team irrt überfordert durch Impfdebatte

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Süle und Kimmich sind beide in Quarantäne - der eine trotz Impfung, der andere wohl wegen fehlender Impfung.

(Foto: imago images/Sven Simon)

In Wolfsburg soll es für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft um Liechtenstein gehen. Und um Joachim Löw. Der ehemalige Bundestrainer wird vor dem WM-Qualifikationsspiel vom DFB offiziell verabschiedet. Aber vor dem letzten Heimspiel des Jahres geht es vor allem um eines: ums Impfen.

Man kann es kurz machen: Liechtenstein kommt in der WM-Qualifikation nach Wolfsburg. Dort trifft der Fußball-Zwerg auf Deutschland. Im Hinspiel sah die Mannschaft aus dem Fürstentum gegen das DFB-Team unter neuer Regie ziemlich gut aus. Sie verteidigte leidenschaftlich und verlor nur mit 0:2. Das war schon eine kleine Sensation. Es gab nämlich durchaus Befürchtungen im erweiterten Umfeld, dass Liechtenstein von Deutschland im ersten Spiel nach Joachim Löw zertrümmert werden könnte. Eine zweistellige Niederlage, sie wurde nicht ausgeschlossen.

Nun, ganz so wuchtig kam die Befreiung des DFB-Teams im ersten Spiel unter Hansi Flick nicht daher. Die ekstatische Erlösung folgte erst im zweiten Spiel. Gegen Armenien. Beim krachenden 6:0 gegen den damaligen Tabellenführer. Dass die Liechtensteiner an diesem Donnerstag von einer noch viel größeren Sensation träumen? Schön, aber zu vernachlässigen. So wird es nicht kommen. Dazu sind die Unterschiede in der Qualität zu groß. Auch ohne die großen Personalprobleme, die etwa den nachnominierten Wolfsburger Stürmer Lukas Nmecha in die Startelf spülen könnten.

Über die Sache mit der Qualität dürfte weitgehend Einigkeit herrschen. Davon ist man in der Impfdebatte weit entfernt. Meilenwert sogar. Das Thema "Piks gegen Corona" quält das Land. Und damit auch die Nationalmannschaft. Denn die hat mindestens einen bekannten Skeptiker gegen die Impfung im Aufgebot. Joshua Kimmich, der Mann, der das Team in den nächsten Jahren tragen (eventuell als Kapitän) und prägen soll.

Flick wünscht sich, "dass es das nicht mehr gibt"

Kaum war das Thema ein kleines bisschen abgeebbt, türmte sich am Dienstag die nächste massive Welle auf. Nationalspieler Niklas Süle wurde positiv auf das Coronavirus getestet, der 26-Jährige ist doppelt geimpft und wohl auch deshalb bislang ohne Symptome. Für ihn wurde Quarantäne angeordnet. Für vier weitere Spieler als Kontaktpersonen ebenso. Für die Bayern-Profis Kimmich, Jamal Musiala und Serge Gnabry sowie den Salzburger Karim Adeyemi. Ob diese Spieler alle ungeimpft sind, ist unklar. Wegen der geltenden Quarantäne-Regeln ist die Wahrscheinlichkeit aber groß, dass alle bislang auf den Piks verzichtet haben. Beim DFB wehrt man alle konkreten Aussagen zu diesem Thema ab.

Überhaupt möchte man beim DFB zu diesem Thema nicht sonderlich konkret werden. So souverän sich die Mannschaft in den vergangenen Monaten entwickelt hat, so unsicher sind alle Beteiligten, wenn es darum geht, sich mit den drängenden Zukunftsfragen zu Corona auseinanderzusetzen. Ist der Impfstatus zukünftig ein Nominierungskriterium? Bundestrainer Hansi Flick schiebt diese Frage auf. Aktuell gehe es nur um das Sportliche, was indes zu vernachlässigen ist. Deutschland ist für das Turnier bereits qualifiziert.

Einen kurzen Einblick, wie sehr ihn diese Sache nervt, gibt Flick vor dem letzten Heimspiel des Jahres in Wolfsburg aber dennoch: "Ich wünsche mir, dass die Spieler geimpft sind, das ist aber ihre Sache. Ich würde mir als Trainer wünschen, dass es das nicht mehr gibt, dass man fünf Spieler nach Hause schicken muss." Er selbst sieht die Impfung als einzigen Weg aus der Pandemie.

Das Thema nervt, das Thema stresst

Es ist die große Krux dieser vierten Welle. So sehr man sich nach Normalität sehnt, so sehr man die gefühlte Normalität der vergangenen Monate genossen hat, so sehr wird man nun von den heftig drängenden Problemen eingeholt. Sogar über Shutdowns wird wieder diskutiert. Über 2G - geimpft und genesen - und sogar über 1G - geimpft oder nichts. Dieses Gedankenspiel für Spieler, Trainer und Staff hat St. Paulis Präsident Oke Göttlich in die Runde geworfen. Es wäre de facto eine Impfpflicht.

Thomas Müller, der vor dem Liechtenstein-Duell zur Medienrunde erschien, und um seine Meinung gebeten wurde, sucht ebenfalls quälend nach einer Antwort, die ihm nicht übel ausgelegt werden kann. Weder vom Lager der Geimpften noch vom Lager der Ungeimpften. Spätestens jetzt ist klar: Um Fußball geht es derzeit kaum. Müller hat das längst erkannt. Man sei ja höflich und wolle Antworten geben. Aber im Subtext schwingt mit, dass er gerne wieder über andere Dinge reden würde. Dinge, mit denen er sich besser fühlt.

"Welche Regeln aufgestellt werden, das obliegt nicht uns Spielern", sagte der Offensivspieler des FC Bayern. Das sei eine politische Entscheidung. Er kenne sich nicht so gut aus, wisse nicht genau, wer das festlegt. Es sei schwierig und deswegen diskutiere das ganze Land. Es gebe halt unterschiedliche Ansichten. "Wir versuchen alle, mit dieser Situation umzugehen. Streitpunkte gibt es immer." Aber es sei auch so: "Aktuell kann ich aber nur mit dem arbeiten, was das Regelwerk hergibt. Im Fußball darf auch nur der Torwart im Sechzehner die Hand benutzen, weil das eben mal so festgelegt wurde. Ich bin nicht der, der der ganzen Welt zu erklären hat, wie es funktionieren soll." Tja, da hat er recht. Müller wirkte in seinen Antworten jedoch so, als halte er nicht viel von der Impf-Ablehnung seiner Kollegen.

Das Thema nervt, es stresst. Denn es ist das Thema, das alles überlagert, an dem sich die Gesellschaft abarbeitet und spaltet. Dass Joachim Löw an diesem Donnerstag vom DFB vor dem Anpfiff offiziell verabschiedet wird, mit einem Spalier und einem emotionalen Film, das interessiert kaum jemanden. Immerhin freuen sich Müller und Flick, ihren Ex-Chef wiederzusehen. Beide wissen: Ohne Löw wäre ihr Leben anders verlaufen. Alle gemeinsam haben sie den WM-Titel gewonnen. Allein das prägt. Es klingt wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Und das war sie auch. Eine Zeit ohne Corona. Eine Zeit ohne quälende und überfordernde Debatten um einen kleinen, entscheidenden Piks.

Quelle: ntv.de

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