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Ikone Stein zieht Buli-Bilanz "Das war eine denkwürdige Saison"

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Die Bundesliga-Saison ist zu Ende, die Relegation steht an. Zeit für ein Fazit. Wer hat positiv überrascht, wer sich blamiert? Wie heißt der beste Trainer, wie der überragende Spieler? Wer hat den größten Leistungssprung gemacht? Und: Wer gewinnt die Relegation? Torwart-Ikone Uli Stein sagt es n-tv.de im Interview.

n-tv.de: Herr Stein, für Sie als HSV-Ikone: Wie erleichtert sind Sie, dass der Hamburger SV diesmal von der Relegation verschont geblieben ist?

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Uli Stein, TV-Experte bei n-tv

(Foto: picture alliance / dpa)

Uli Stein: Mich hat es außerordentlich gefreut! Vor allem weil ich weiß, welche Nervenbelastung die beiden Spiele für einen Bundesligisten bedeuten können. Die letzten Jahre haben ja gezeigt, wie knapp das immer war - nicht nur beim HSV gegen Fürth oder den Karlsruher SC, sondern auch im Vorjahr bei Frankfurt gegen Nürnberg. Aber dass es der HSV geschafft hat, war auch verdient. Im Spiel gegen Wolfsburg waren die Hamburger heißer, wollten es mehr als die Wölfe.

Nun heißt es Wolfsburg gegen Braunschweig. Oder anders gesagt: Mario Gomez gegen Teamspirit. Wer wird sich am Ende durchsetzen?

Ich tippe auf Braunschweig! Wolfsburg ist eine Mannschaft, die in den vergangenen Wochen sehr wenig Charakter gezeigt hat. Auch im Spiel gegen den HSV war nach dem Ausgleich kein Aufbäumen zu spüren. Die Mannschaft hat sich in klaglos in ihr Schicksal ergeben. Keine Gegenwehr geleistet. Deshalb glaube ich, dass die Braunschweiger mit ihrem Teamspirit mehr Chancen haben als die Wolfsburger.

In den Vorjahren setzte sich immer der Erstligist durch ...

Uli Stein

Uli Stein, 1954 in Hamburg geboren, spielte 512 Mal in der Bundesliga. Neben Arminia Bielefeld (1976-80, 1995-97) und Eintracht Frankfurt (1987-94, Pokalsieger 1988) stand er auch im Tor des Hamburger SV (1980-87, 1994/95). Mit dem HSV gewann er 1983 den Europapokal der Landesmeister, 1987 den DFB-Pokal und wurde zweimal Deutscher Meister (1982, 1983). Sechs Mal stand er im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bei der WM 1986 in Mexiko bezeichnete er Teamchef Franz Beckenbauer als "Suppenkasper" und flog aus dem Team. Steins Autobiografie "Halbzeit" (1993) war ein Bestseller. Heute ist er unter anderem RTL-Fußballexperte.

Das stimmt. Aber die Partien waren immer sehr eng. Der HSV ist zwei Mal mit sehr viel Glück in der Liga geblieben. In den regulären 90 Minuten haben die Hamburger letzten Endes auch nie gegen den Zweitligisten gewonnen. Und im Vorjahr hat sich die Frankfurter Eintracht auch sehr schwer getan. Man sieht eben, dass die Bundesligisten enorm unter Druck stehen. 

Die Stimmen, die eine Abschaffung der Relegation fordern, häufen sich. Jüngst ja auch HSV-Sportchef Jens Todt. Wie stehen Sie dazu?

Ich halte die Relegation für eine gute Sache - aus Sicht des Erstligisten natürlich. Als Drittletzter wäre er früher direkt runter gegangen. Heute hat er mit zwei weiteren Spielen noch einmal die Chance im Oberhaus zu bleiben. Für den Tabellendritten der 2. Liga ist es dagegen schwer: Man hat eine positive Saison gespielt, wäre früher direkt aufgestiegen. Nun kann er in der Relegation noch scheitern. Am Ende kann man das sicher so oder so sehen. Aber: Die Zuschauer haben noch einmal ein paar spannende Spiele - und sie nehmen sie ja auch an.

Und was halten Sie von einer Aufstockung der ersten beiden Ligen auf jeweils 20 Vereine? In Europas Topligen ist das ja Usus, in den zweiten Ligen spielen sogar noch mehr Mannschaften ...

Von einer Aufstockung halte ich nichts. Meiner Meinung nach sind Bundesliga und 2. Liga mit 18 Vereinen jeweils gut bestückt. Bei 20 Teams leidet meiner Meinung nach die Qualität. Da sollte man besser die Finger von lassen! 18 ist genau richtig.

Wie in den anderen Topligen wird die Meisterschaft immer langweiliger: Die Bayern holen sich den fünften Titel in Folge, feiern ihre viertbeste Bundesligasaison aller Zeiten. Was muss passieren, damit der alte Meister nächstes Jahr nicht auch der neue sein wird?

(Lacht) Sehr gute Frage! Die enormen Einnahmen in der Champions League haben mittlerweile dazu geführt, dass sich die dort spielenden Vereine immer mehr vom Rest ihrer jeweiligen Liga abgesetzt haben, in Deutschland allen voran natürlich die Bayern. Die Kluft zwischen den "reichen" und "ärmeren" Vereinen wird immer größer und es wird auch immer schwerer diese Lücke zu schließen.

Dortmund versucht es und mit Leipzig erwächst in den kommenden Jahren vielleicht ein zweiter ernstzunehmender Bayern-Konkurrent ...

Ja. Ich glaube auch nicht, dass die Bayern in den kommenden Jahren so souveräne Meisterschaften einfahren werden. Ich denke, es wird wieder enger und damit spannender. Dazu sind Dortmund und Leipzig auf alle Fälle in der Lage. Ob sie am Meisterthron rütteln können, steht allerdings noch auf einem anderen Blatt.

Dortmund also als einer der Top-Bayern-Jäger in der kommenden Saison. Dann weiter mit einem Trainer Thomas Tuchel?

Oh, ich bin ja kein Hellseher (lacht) - und auch zu weit weg vom Verein. Das kann ich als Externer auch nicht beurteilen, was da alles wann und wie vorgefallen ist. Wie sehr im Endeffekt das Tischtuch zwischen Vorstand und Trainer zerschnitten ist. Deshalb: Die Chancen, dass Tuchel bleibt, sehe ich bei 50 Prozent.

Trotz der Querelen zwischen Trainer und Vorstand sowie der Leistungsschwankungen der Mannschaft und des Bombenanschlags: Die Saisonziele hat der BVB erreicht. Ist Dortmund damit eine der positiven Überraschungen der Saison?

Auf jeden Fall! Mit all den Rückschlägen im Saisonverlauf haben sie trotz allem eine hervorragende Spielzeit abgeliefert - und können die am Wochenende auch noch mit dem Pokalsieg gegen Eintracht Frankfurt krönen. So gesehen ist Dortmund eine positive Überraschung.

Gibt es noch weitere?

Wenn man Dortmund als positive Überraschung nennt, muss man auch Hoffenheim und Leipzig als solche bezeichnen. Sportlich haben diese beiden Vereine ebenfalls Ausrufezeichen gesetzt.

Welche hat Sie am meisten enttäuscht?

Für mich ist der VfL Wolfsburg die größte Enttäuschung. Die haben einen Riesenetat, einen der größten in der Liga und spielen am Ende in der Relegation gegen den Abstieg. Da klaffen Anspruch und Wirklichkeit sehr weit auseinander. Wen es dumm läuft, und das kann ja wie bereits gesagt durchaus passieren, spielt Wolfsburg nächste Saison in der 2. Liga - trotz Gomez, Blaszczykowski oder auch Gustavo. Wahnsinn eigentlich.

Aber Leverkusen spielt negativ doch auch ganz vorn mit ...

Sicherlich. Aber im Gegensatz zu Wolfsburg hat Bayer gerade noch die Kurve gekriegt. Und was in dem Team für Potenzial steckt, hat Leverkusen gerade am letzten Spieltag beim 6:2-Sieg in Berlin gezeigt. So gesehen: Wolfsburg ist die größere Enttäuschung für mich. Eindeutig.

Wie sieht es bei den Trainern aus? Wer hat da am meisten überzeugt?

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Christian Streich kann mit dem SCF noch in die Europa-League-Quali rutschen.

(Foto: dpa)

Trainer des Jahres ist für mich Christian Streich vom SC Freiburg. Es ist einfach nur sensationell, was er aus dieser Mannschaft herausgeholt hat. Jedes Jahr verlieren die ihre besten Spieler, siehe Grifo jetzt, und dennoch schafft er es immer wieder, eine Mannschaft auf den Rasen zu schicken, die überzeugen kann und auch die Fans mitreißt. Das ist großartig.

Und wie steht es mit Julian Nagelsmann von Hoffenheim?

Der kommt direkt hinter Streich. Auch er hat in dieser Saison mit seinem Team Großartiges geleistet. Auch wenn Hoffenheim nicht mehr so mit Geld um sich schmeißt wie noch zu den Anfangszeiten, die Voraussetzungen sind dennoch besser als in Freiburg. Deshalb liegt Nagelsmann noch hinter Streich.

Und Leipzigs Ralph Hasenhüttl?

Hat auch eine Topleistung gebracht. Alexander Nouri von Werder Bremen sicherlich auch. Bei Hasenhüttl sind natürlich kapitalseitig betrachtet nochmal ganz andere Möglichkeiten vorhanden. Zudem lässt sich hier der Erfolg nicht allein am Coach oder am Trainerteam festmachen. Ralf Rangnick, der die Mannschaft zusammengestellt, die Jugendarbeit nach vorne gebracht hat, den muss man in einem Atemzug mit Hasenhüttl nennen.

Wer war für Sie der Spieler der Saison?

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Anthony Modeste: 25 Tore für Köln in dieser Bundesliga-Saison.

(Foto: imago/Chai v.d. Laage)

Klar sind hier in erster Linie die Toptorjäger zu nennen. Wobei "der" Spieler der Saison war für mich weder Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang und auch nicht Bayerns Robert Lewandowski. Ich schätze die Leistung von Kölns Anthony Modeste noch höher ein, denn beim BVB oder beim FC Bayern ist es sicher einfacher so viele Tore zu schießen. Deshalb würde ich Modeste herausstellen!

Wer hat den größten Leistungssprung vollzogen?

Timo Werner. Der ist der beste deutsche Stürmer der Saison und fährt auch verdient mit der Nationalmannschaft zum Confed-Cup. Aber der Spieler der Saison ist für mich trotzdem Modeste (lacht).

Welches Fazit ziehen Sie bei den Schiedsrichterleistungen?

Kein gutes auf alle Fälle. Wir hatten mal die besten Schiedsrichter der Welt. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt. Die Schiedsrichterleistungen in dieser Saison waren insgesamt ganz schwach. Es gab diverse krasse Fehlentscheidungen. Da freue ich mich direkt, dass der Videobeweis kommen wird. Es geht in der Bundesliga schließlich um sehr viel Geld und auch um Existenzen.

Was bleibt am Ende dieser Bundesligasaison in den Köpfen der Fans hängen?

Dass es eine denkwürdige Saison gewesen ist. Sie war so ausgeglichen und spannend wie schon lange nicht mehr, vielleicht sogar wie noch nie. Europa League, Abstieg: Spannung pur! Das einzige, was früh entschieden war, war die Meisterschaft. Alles andere war bis zum letzten Spieltag spannend. Von Platz fünf bis Rang 18 war es ein Kampf um jeden Platz. Du konntest einen Spieltag auf einem Europa League-Platz stehen, hast drei oder vier Mal verloren und musstest dich plötzlich mit dem Abstiegskampf beschäftigen. Ich glaube, das bleibt in den Köpfen der Fans drin!

Mit Uli Stein sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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