Fußball

Sammers unbequeme Wahrheiten Der BVB tut endlich das Richtige

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Sammer kehrt als externer Berater zu Borussia Dortmund zurück.

(Foto: imago/Sven Simon)

Zwischen Wunschdenken und Realität liegen bei Borussia Dortmund Welten – eine Diskrepanz, die dem Fußball-Klub ernsthaft Schaden zuzufügen droht. Das hat auch die sportliche Leitung erkannt und steuert mit Sammer gegen.

Endlich, will man sagen. Endlich ist bei der sportlichen Leitung von Borussia Dortmund die Erkenntnis gereift, dass die "Weiter-so"-Mentalität dem Fußballklub ernsthaft Schaden zuzufügen droht. Mit der Verpflichtung von Matthias Sammer als externem Berater leitet der BVB die Neuausrichtung ein – eine Qualitätskorrektur, die unumgänglich ist. Wenn, wovon auszugehen ist, der BVB nicht langfristig in der internationalen Bedeutungslosigkeit verschwinden will. Überraschend ist die Personalie, ja. Aber auch die sinnvollste Entscheidung, die der Klub seit langem getroffen hat.

Mit Sammer kehrt nach 14 Jahren BVB-Abstinenz jemand zurück, der über die notwendige Kompetenz und Erfahrung verfügt, und der nicht davor zurückscheuen wird, der Borussia die eigenen Defizite schonungslos aufzuzeigen. Er soll seine Expertise vor allem in Gesprächsrunden mit BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc einbringen - und sich aus dem Tagesgeschäft heraushalten. Bewiesen hat Sammer seine Eignung in der jahrelangen Tätigkeit beim Deutschen Fußball-Bund und beim FC Bayern München. Genauso wie in seiner Funktion als Experte für den TV-Sender Eurosport, wo er seit Wochen auf die Diskrepanz zwischen Wunschdenken und Realität beim BVB hinweist. "Auch", so sagte er im Februar, "wenn das in Dortmund aktuell keiner hören will." Das allerdings hat sich inzwischen geändert. "Wir benötigen einen wie Matthias Sammer", sagt Watzke, "seine Analyse-Fähigkeit, seine Leidenschaft, seine Identifikation, seinen klaren Blick von außen." Also kurzum: Das, was dem BVB derzeit fehlt.

Sammer habe die Aufgabe, so der Geschäftsführer, eine "unbequeme, aber von Vertrauen geprägte Diskussionskultur" zu etablieren – und einen Prozess einzuleiten, der auch für Watzke und seinen Sportdirektor Michael Zorc schmerzhaft werden dürfte: Niemand wird gerne mit der eigenen Fehlbarkeit konfrontiert. Sammer habe, heißt es in den "Ruhrnachrichten", einem hochrangigen BVB-Angestellten in weniger als einer Stunde schonungslos und präzise die Schwächen der aktuellen Mannschaft aufgezeigt. Dass er trotzdem oder gerade deswegen engagiert wird, ist so erstaunlich wie erfreulich – schließlich haben die BVB-Bosse in der Vergangenheit einiges dafür getan, die eigene Kritikresistenz unter Beweis zu stellen.

Viele Probleme des Vereins liegen auf der Hand – und sind in großen Teilen der Führungsebene zuzuschreiben. Noch immer hallt die sportlich schwer vermittelbare Trennung von Erfolgstrainer Thomas Tuchel nach: Was nach dem öffentlich ausgetragenen Dissens bleibt, ist der Eindruck, als hätte Geschäftsführer Watzke seine persönlichen Gefühle über das Wohl des Vereins gestellt. Hinzu kommt, dass es bis heute nicht gelungen ist, die Risse im Mannschafts- und Vereinsgefüge zu kitten. Dortmund täte gut daran, die Hierarchie innerhalb der Mannschaft zu hinterfragen. Dazu gehört auch, die Rolle der bestenfalls durchschnittlich oder eben gar nicht spielenden Führungspersönlichkeiten Marcel Schmelzer und Nuri Sahin neu zu vergeben. Auch hier verspricht sich der BVB Impulse von Berater Sammer, denn, so Watzke: "Seine Rolle bei Bayern war dominanter, als wir das hier wahrgenommen haben." Er habe von mehreren Spielern gehört, welche Bedeutung Sammer für das Mannschaftsgefüge hatte.

Eine Professionalisierung strebt der Verein auch in operativen Fragen an - und das ist ebenfalls unabdingbar. Auf dem neu geschaffenen Posten als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung soll mit Sebastian Kehl oder Lars Ricken ein weiterer ehemaliger BVB-Profi eingesetzt werden. Und womöglich korrigieren, was der Sportdirektor bislang versäumt hat: Die systematische Neuaufstellung des Kaders. Zorc muss sich daran messen lassen, einst Spieler wie İlkay Gündoğan, Robert Lewandowski oder Ousmane Dembélé in den Verein geholt zu haben. Mittelmäßige Verpflichtungen wie der Aubameyang-Ersatz Andrij Jarmolenko oder Nostalgie-Transfers wie Mario Götze und Shinji Kagawa können nicht die Strategie für die Neujustierung sein.

Der BVB hat sich als Meister des Provisorischen etabliert, das gilt auch für die Korrektur des sportlichen Irrwegs unter Trainer Peter Bosz. Auch wenn Watzke nun beteuert, dass der im Hauruck-Modus verpflichtete Peter Stöger für die kommende Saison erster Ansprechpartner ist: Fast wichtiger als die Frage, unter wem in Zukunft Fußball gespielt wird, ist die Überlegung, was für einen Fußball Borussia Dortmund künftig verkörpern will. Mit der schwarzgelben DNA, die den BVB einst zum europäischen Topklub machte, hat die Stöger'sche Anti-Eskalations-Vision herzlich wenig zu tun. Und genau darauf hat Sammer vermutlich schon hingewiesen.

Quelle: n-tv.de