Fußball

Debakel auf allen Ebenen BVB vs. Tuchel - schlimmstmöglich entliebt

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Die Eskalation beim BVB wird auf Hans-Joachim Watzke und Thomas Tuchel reduziert.

(Foto: picture alliance / Guido Kirchne)

Nur 21 Minuten soll der Trennungsgipfel zwischen Borussia Dortmund und Thomas Tuchel gedauert haben. Ein ergebnisoffenes Gespräch? Garantiert nicht. Immerhin bleiben sich beide Seiten in ihrer Unsouveränität treu.

Herrje, was alles muss zwischen dem Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund und seinem Trainer Thomas Tuchel in den vergangenen Wochen und Monaten vorgefallen sein, dass die sportlich sehr erfolgreiche Zusammenarbeit so endet. So unwürdig, voll von verzweifelten Machtdemonstrationen. Der Coach richtet sich extra einen Account bei Twitter ein, um sein Aus zu verkünden. Der Klub reagiert erst danach per kurzer Mitteilung und bittet um Rücksicht, nicht nach Details zu fragen. Später folgt sogar noch, absolut ungewöhnlich, ein offener Brief von Klubboss Hans-Joachim Watzke, der Tuchel deutlich angreift, die Vorwürfe aber nicht erklärt.

Was soll so etwas? Natürlich gibt es Fragen! Und wären beide Seiten wenigstens im Abgang souverän, hätten sie zu einem Gespräch gebeten. Andererseits: Warum sollten sie an ihrer Strategie etwas ändern? Warum sollten sie den Weg des gegenseitigen Mobbings verlassen? Warum plötzlich professionell beenden, was seit Wochen dilettantisch vorbereitet wurde?

Zuletzt war es wirklich unerträglich geworden. Peinliche Umarmungen nach wichtigen Siegen und vertröstende Worte zur Zukunft der Zusammenarbeit: Den so suggerierten Frieden zwischen Klubführung und Trainer konnte niemand ernst nehmen. Bloße Symbolik, um die angestrebten Ziele Champions-League-Teilnahme und DFB-Pokalsieg zu erreichen. Hat funktioniert - allerdings mit einem gehörigen Imageschaden für beide Seiten. Wobei die Verwüstung für den BVB deutlich fataler wirkt als für den Coach.

Eine gefühlte Kampagne

Denn in den Wochen der Zuspitzung war es der zuvor aktive Tuchel, der sich öffentlich zurücknahm, während der Klub - meint man es böse - eine Kampagne gegen seinen Trainer inszenierte: das vor dem "Champions-League-Endspiel" gegen Hoffenheim am 32. Bundesliga-Spieltag - entgegen aller Beteuerungen – bewusst platzierte "Dissens"-Interview von Watzke zum Anschlag auf den Teambus des BVB und die Folgen. Die anschließenden Lobhudeleien für die Courage des Funktionärs von dem Klub nahestehenden Journalisten. Und anonyme Stimmen aus der Mannschaft und dem Umfeld des Vereins, die sich plötzlich über die angeblich so unmenschliche und unsympathische Art des Trainers beschwerten. In einer Zeit, in der Medienabteilungen bei jeder kritischen oder unkalkulierbar wirkenden Äußerung pikiert reagieren, kann sich der BVB nicht von einer aktiven Rolle freisprechen.

Weil aber die Handlungsabläufe in diesem wochenlangen Thriller voller Vertrauensbrüche und Intrigen so unübersichtlich und miteinander verwoben wurden, dass kaum noch jemandem klar ist, wer wen womit zuerst öffentlich bloßgestellt hat, geht auch Tuchel nicht als "Good Guy". Immer wieder hat sich das so begnadete und als unbequem geltende Trainer-Talent gegen den Verein gestellt, die Harmonie der sieben reizend-legendären Klopp-Jahre massiv gestört. Egal, ob in der Eskalation um Chef-Scout Sven Mislintat, bei der Transferpolitik, dem Kaderumbruch oder zu hohen Ansprüchen, die der Verein vermeintlich verfolgt. Tuchel hat oft den Weg über die Öffentlichkeit gewählt - als kaum zu missverstehende Machtprobe.

Die eskalierte am 12. April beim Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco. Am Tag, nachdem möglichst viele Spieler des BVB bei einem Bombenanschlag sterben sollten, auch Tuchel. Der Verein hatte der Neuansetzung nur 24 Stunden nach dem Attentat zugestimmt - angeblich in Absprache mit dem Trainer. Der erweckte öffentlich einen anderen Eindruck, äußerte scharfe Kritik. Spätestens hier wurde klar: Selbst der große BVB ist zu klein für die Alphatiere Tuchel und Watzke. Doch das Revier war bereits klar abgesteckt: für Watzke. Den Chef. Der den Klub als Geschäftsführer ab 2005 aus einer tiefen, existenzbedrohenden Depression befreite. Der dem Verein mit Jürgen Klopp die Leidenschaft und den Erfolg zurückgab, der die "echte Liebe" als Slogan und gelebte Empathie implementierte.

Ein Kampf nur mit Verlierern

Tuchel konnte diesen Kampf nicht gewinnen. Der kühle Analytiker hat die so unglaublich talentierte Mannschaft zwar besser gemacht, taktischer reifer, intelligenter. Er hat den jetzt in Liverpool regierenden Heavy-Metal-Fußball durch noch nicht immer harmonisch zusammenspielende Fußball-Philharmoniker ersetzt. Er hat Erfolg über Empathie gestellt. Unübersehbar wurde das ausgerechnet in der erfolgreichsten schwarzgelben Nacht seit fünf Jahren, als sich Kapitän Marcel Schmelzer nach dem Pokalsieg gegen den Trainer und dessen rein sportlich vertretbaren Verzicht auf den beliebten Ur-Borussen Nuri Sahin stellte. Schmelzer konnte das tun, weil die Entscheidung gegen Tuchel längst gefallen war - und der BVB geschlossen gegen seinen Noch-Trainer agierte.

21 Minuten hat der "ergebnisoffene" Trennungsgipfel gedauert, als schnelles Ende einer demütigenden Abnutzung. Der BVB und sein Trainer, sie haben sich schlimmstmöglich entliebt und ein letztes Mal verzweifelt um Machtproben und Deutungshoheit bemüht. Dabei wissen beide Seiten: In diesen Kampf haben sie viel, zu viel verloren.

Quelle: n-tv.de

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