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Freitag, 25. November 2016

Patriarch "ungeschminkten Größenwahns": Der FC Bayern inthronisiert Uli Hoeneß

Von Stefan Giannakoulis

Es dürfte das meist beachtete Comeback im deutschen Fußball sein: Uli Hoeneß kehrt zurück an die Spitze des FC Bayern. Wird nun alles anders? Zumindest haben sie jetzt in München wieder einen, der die Mia-san-mia-Kultur hegt.

Es wird ein Spektakel. Sie werden ihm applaudieren. Sie werden ihn inthronisieren, ihn feiern. Und dann ist Uli Hoeneß wieder der Präsident des FC Bayern München. Dann ist er zurück, nach zweieinhalb Jahren. Die Frage ist, was nun anders wird. Und ob sich überhaupt irgendwas ändert. Beim FC Bayern, aber auch im deutschen Fußball. Es ist in diesen Tagen viel davon die Rede, was er als Manager und später als Präsident geleistet hat. Dass er es war, der den Klub zum Primus der deutschen Branche gemacht hat. Dass er es war, der die Familie zusammengehalten hat. Und dass er dem Klub gefehlt hat, als er im Gefängnis saß. Die Fans, seine Fans, sehen in ihm einen, der dafür sorgen wird, dass ihr Lieblingsverein nicht zu einem kalten Großklub wird. Einen, der das Gefühlige betont und pflegt.

Und zwischendurch zum Golf.
Und zwischendurch zum Golf.(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Die Mitglieder des FC Bayern werden ihn genau deshalb wählen, das ist sicher. Ob mit einem überragenden, einem sehr guten oder nur einem guten Ergebnis, steht heute Abend fest. Die jährliche Hauptversammlung des Vereins im Audi Dome mit seinen 6700 Plätzen beginnt um 19 Uhr, Punkt sechs der Tagesordnung kündigt die Wahl des Präsidenten an. Der Andrang ist groß. Sogar ein Zelt haben sie vor der Halle aufgestellt, damit alle unterkommen. Was soll da schon passieren?

Einziger Kandidat ist Uli Hoeneß, 64 Jahre alt - und seit Ende Februar 2016 nach 21 Monaten als Häftling und Freigänger auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen. Mindestens 28,5 Millionen Euro Steuern hat er hinterzogen, das Landgericht München verurteilte ihn deshalb im März 2014 zu dreieinhalb Jahren Haft. Im Juni 2014 trat er seine Strafe an, ab Januar 2015 arbeitete er als Freigänger in der Jugendabteilung das FC Bayern. Ende Februar 2016 dieses Jahres dann die Entlassung auf Bewährung. Sein Freund Edmund Stoiber, früher Bayerns Ministerpräsident, hat nun im Interview mit der "Zeit" die Gemengelage so zusammengefasst, dass das getrost als offizielle Lesart beim FC Bayern gelten kann: "Er hat einen schweren Fehler gemacht und trotzdem wie jeder andere Straftäter eine Chance zur Resozialisierung verdient. Das müssen Sie mir jetzt einfach glauben: Uli ist mehr mit sich ins Gericht gegangen als viele andere. Damit muss man erst mal auch selbst fertig werden und dann sagen, okay, ich packe es noch mal an." Das sei, sagte Stoiber noch, wohl nur im Fußball möglich.

"Ein tief sitzender Impuls"

Wahrscheinlich ist das nur in München möglich. Dass Hoeneß die moralische Autorität eingebüßt hat, die er stets selbst für sich reklamierte, die aber auch andere ihm weit über den Fußball hinaus zuschrieben, ist dabei beim FC Bayern kein Thema. Der Autor Axel Hacke, den die "Zeit" zusammen mit Stoiber befragte, führt das auf den Stolz zurück, den sie dort hätten: "Dieser Stolz führt beim FC Bayern zu einer Idee von sich selbst. Das fehlt vielen Fußballvereinen. Beim FC Bayern gibt es da im Zentrum etwas sehr Schönes: ungeschminkten Größenwahn". Anfang August sagte Uli Hoeneß, dass er sich wieder zur Wahl stellen wolle. Zu Beginn der Woche kündigte er im "Kicker" an: "Das deutliche Wort wird weiter mein Markenzeichen sein." Uli Hoeneß ist also wieder da. Und nun? Was will er bewirken?

Zwei Alphatiere.
Zwei Alphatiere.(Foto: imago/Jan Huebner)

Wieder Präsident seines Vereins zu sein, dabei wird es Uli Hoeneß nicht belassen. Der Klub hält 75 Prozent an der in die FC Bayern München AG ausgegliederten Fußballabteilung. Die Statuten besagen, dass dem Präsidenten des e. V. und seinem Stellvertreter Sitze im Aufsichtsrat der AG zustehen. Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, dass Hoeneß auch dort wieder - wie in München üblich - den Vorsitz übernehmen wird. Stoiber, ebenfalls Mitglied des Kontrollgremiums, geht davon aus, dass Hoeneß an die Spitze zurückkehre, sagte er der "Zeit". Dann werde es "die Aufgabe der beiden Großen sein, Rummenigge als Vorstandsvorsitzenden und Hoeneß wohl als Präsidenten und Vorsitzenden des Aufsichtsrates, den gemeinsamen Weg weiterzugehen". Entschieden wird diese Personalie im Januar, wenn die neun Mitglieder des Aufsichtsrats - darunter immer noch der über Diesel-Gate gestürzte Ex-VW-Boss Martin Winterkorn - ihren Vorsitzenden wählen. Aber was soll da schon passieren?

"Das war’s noch nicht"

Kurzum: Uli Hoeneß sitzt bald wieder am Hebel der Macht. Während der Präsident des e. V. zum Beispiel darüber befindet, ob die Beiträge der Mitglieder erhöht oder gesenkt werden, entscheidet der Aufsichtsrat über die großen Themen bei den Profifußballern. Alle Transferausgaben, die 25 Millionen Euro übersteigen, muss Hoeneß dann absegnen. Er wird dem Vorstand um dessen Vorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge auf die Finger schauen. Rummenigge, in Hoeneß' Abwesenheit Alleinherrscher, wird seine Macht wieder teilen müssen. Das Verhältnis zwischen den beiden Alphatieren gilt, ganz vorsichtig formuliert, als nicht unbelastet. Hier der kalte "Killer-Kalle", wie ihn der "Spiegel" einst nannte. Der, wenn er es für nötig hält, auch einen Weltklasseverteidiger wie Jérôme Boateng öffentlich abwatscht. Dort der herzensgute Uli, der Patriarch, der jedem aus der Familie hilft, wenn er in Not geraten ist. Und sei es im Gefängnis, wo er, wie Stoiber der "Zeit" erzählte, in der Kleiderkammer gearbeitet und für die neuen "Häftlinge noch nicht gebrauchte Kleidung ausgesucht" habe. "Das war für ihn ein tief sitzender Impuls."

"Das war’s noch nicht", hatte Hoeneß in seiner letzten Rede vor dem Haftantritt im Mai 2014 den johlenden Mitgliedern zugerufen. Und emotional wird es heute Abend auch wieder. Erst Emotionen, dann Erfolg, noch mehr Erfolg, so schwebt es Hoeneß vor. "Ich denke, dass Karl-Heinz Rummenigge und ich Bayern noch stärker machen", hatte er im September gesagt. "Ich könnte mir vorstellen, dass Karl-Heinz mehr fürs Geld verantwortlich ist und ich fürs Herz."

So sieht er sich, so sehen sie ihn beim FC Bayern, über den er sagt: "Ich werde diesem Verein dienen, bis ich nicht mehr atmen kann." Dennoch wird nicht mehr alles so wie früher, der FC Bayern hat sich ein Stück weit von Uli Hoeneß emanzipiert, er funktioniert auch ohne ihn. Der Klub war auch ohne ihn erfolgreich, sportlich und als Unternehmen. Als Hüter der gefühligen Mia-san-mir-Kultur wird Uli Hoeneß aber schnell seinen Platz wieder finden, als mächtiger Patriarch auch. Er ist wieder da.

Quelle: n-tv.de