Fußball

Sechs Lehren des 21. Spieltags Der FC Bayern kandidiert für zwei Titel

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Geht doch: Münchens Trainer Niko Kovac ist zufrieden mit der Leistung seines Spielmachers James Rodríguez.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Der FC Bayern ist mit James zufrieden, obwohl der nicht alles so macht, wie Trainer Niko Kovac es will. Hasan Salihamidzic versucht, sich zu profilieren. Der BVB hat in der Fußball-Bundesliga sein Euphoriepolster. Und der Trainer des Jahres steht fest.

1. Der FC Bayern ist zufrieden - auch mit James

Hätte Hasan Salihamidzic an diesem 21. Spieltag der Fußball-Bundesliga nicht versucht, seine nächste Chance zur Profilierung als Sportdirektor des FC Bayern zu nutzen, es wäre für die Münchener vermutlich das schönste Wochenende der Spielzeit 2018/2019 geworden. So aber zertrümmert eine erneute Diskussion um die eigenwillige Meinungsdiktatur des Alpha-Klubs (siehe unten) die Zufriedenheit über ein eher souveränes 3:1 gegen den FC Schalke 04, über den rätselhaften Drei-Tore-Kollaps des BVB gegen Hoffenheim und über das Losglück im DFB-Pokal mit einem Viertelfinal-Heimspiel gegen den Zweitligist FC Heidenheim. Trainer Niko Kovac war indes sehr bemüht, einzig das Sportliche zu bewerten: "Im Großen und Ganzen bin ich mit der Woche sehr zufrieden." Denn aus der medial prognostizierten Null-Titel-Saison kann urplötzlich wieder eine Zwei-Titel-Saison werden. An ein Champions-League-Überleben gegen Jürgen Klopps FC Liverpool glaubt unsere Redaktion nicht - Meinungsfreiheit ohne Expertenstatus!

Zwar schwächelt der FC Bayern weiter in der Abwehr, vor allem wenn es beim Gegner mal schnell geht (weil der FC Liverpool das besonders gut kann, glauben wir eben nicht an die Bayern), dafür organisiert sich das Angriffsspiel der Individualisten um die schnellen Außenstürmer Kingsley Coman, Serge Gnabry und Abnehmer Robert Lewandowski zunehmend besser. Vor allem dank der feinen Füßchen von Thiago und plötzlich auch wieder vom gesunden James Rodriguez. Gegen Schalke spielte der von Real Madrid ausgeliehene Kolumbianer so schön und so erfolgreich (zwei Torvorlagen), dass die Kaufoption von 42 Millionen Euro im Sommer wie ein Mondpreis-Schnäppchen klingt. Blöd ist bloß: James mag eine Sache nicht, die seinem Trainer aber eine Herzensangelegenheit ist: defensive Mitarbeit. Auch gegen Schalke krempelte er nicht als Erster die Ärmel hoch, als es um den eher destruktiven Teil des Fußballerberufs ging. Aber es ist eben auch so, befand Salihamidzic in der vergangenen Woche: "James ist einer, der wirklich Weltklasse sein kann, wenn er in Form ist." Und sooo viele Vertreter dieser Kategorie hat der FC Bayern aktuell nicht (Meinungsfreiheit).

2. Der FC Bayern sorgt sich halt um Robert Lewandowski

Wir waren schon geneigt zu sagen, dass die Bosse des FC Bayern nicht Wort halten und sich nicht wie ausgehungerte Haie in non-mia-san-mia-konformen Meinungen verbeißen. Nun aber hat Salihamidzic gezeigt, dass sie es sich nicht gefallen lassen, wenn sie eine Berichterstattung als herabwürdigend und hämisch betrachten. Wobei die Deutungshoheit, was herabwürdigend und hämisch ist, beim FC Bayern liegt. Und Kritik an Lewandowski fällt in diese Kategorie. Der Pole spielt in der statistischen Wahrheit wieder eine herausragende Saison. In 29 Spielen hat er 25 Tore erzielt und elf vorbereitet. Wie ein Problem klingt das nicht - das aber hatte Sky-Experte Dietmar Hamann ausgemacht. Freilich nicht wegen der Zahlen, sondern wegen der aus seiner Sicht oft frustrierten Körpersprache des Angreifers.

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Wut-Brazzo.

(Foto: imago/Kirchner-Media)

Eine Meinung, die man vertreten kann - oder nicht. Für eine Wut-Attacke als Reaktion taugen die Sätze von Hamann indes nicht. Erst recht nicht für einen persönlichen Angriff. So sprach Salihamidzic dem 106-maligen Bayern-Spieler und Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool indirekt sogar die Kompetenz ab. Nun ist es aber auch so: Die Bayern wissen, dass sie in den kommenden Wochen auf Lewandowski angewiesen sind, mehr als auf jeden anderen Spieler. Ihn stark zu reden, ist also eine gute Idee. Das hat übrigens dann auch Hamanns Sky-Kollege Lothar Matthäus gemacht. Das brachte ihm ein Sonderlob von Salihamidzic ein, er habe "wirklich Ahnung von Fußball". Das haben sie in München freilich nicht immer so gesehen.

3. Das Euphoriepolster trägt den BVB

Hat Borussia Dortmund ein Problem? Die Frage stellte sich an diesem Samstag durchaus, nachdem der BVB im Westfalenstadion die TSG Hoffenheim 75 Minuten dominierte, 3:0 führte, dann kollabierte, in 13 Minuten drei Tore kassierte, damit noch gut bedient war, und schließlich ein Unentschieden rettete. Nach dem Pokalaus gegen den SV Werder Bremen nach Elfmeterschießen und dem 1:1 in Frankfurt in der Liga war es das dritte Spiel nacheinander, das die Dortmunder nicht gewannen. Herrjeh! Krise? Nicht doch. Sehen wir es doch einmal so: Diese aufregende Mannschaft steht immer noch an der Tabellenspitze, mit fünf Zählern vor dem FC Bayern. Und warum tut sie das? Weil sie sich in ihrer jugendlichen Euphorie ein derart dickes Punktepolster angelegt hat, dass sie es sich nun erlauben kann, nicht jedes Spiel zu gewinnen.

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Er fehlt dann doch: Marco Reus.

(Foto: imago/photoarena/Eisenhuth)

Ko-Trainer Edin Terzic, der seinen kranken Chef Lucien Favre gegen Hoffenheim vertrat, sagte völlig zu Recht: "Wir haben eine junge Mannschaft, der wir Fehler zugestehen." Und die war dann eben nicht in der Lage, einen Vorsprung von drei Toren routiniert nach Hause zu schaukeln und gab zum dritten Mal hintereinander einen Vorsprung aus der Hand. Klar, jetzt kommt es darauf an, es demnächst besser zu machen. An diesem Mittwoch (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) geht es im Achtelfinale der Champions League nach London und dort gegen Tottenham Hotspur. Am Montag drauf, am 18. Februar, steht zum Abschluss des 22. Spieltags dann die Partie beim Tabellenletzten in Nürnberg an. Es wäre vermutlich nicht schlecht für den BVB, wäre der derzeit verletzte Kapitän Marco Reus wieder dabei. Aber eine Krise ist das nicht. Noch können sie sich auf ihr Euphoriepolster verlassen.

4. Der Trainer des Jahres steht fest

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Nachdem Oliver Fink an diesem Sonntagabend für Düsseldorf das 2:0 gegen Stuttgart erzielt hatte, hielt es Trainer Friedhelm Funkel nicht mehr auf der Bank. Er suchte das Gespräch mit einem Balljungen. Was er ihm gesagt hat, ist nicht überliefert. Aber vermutlich wird Funkel ihn darauf hingewiesen haben, dass er den Ball nicht unbedingt so flugs zu einem Spieler des Gegners hätte werfen müssen, wie er es getan hatte. Benito Raman schoss fünf Minuten vor dem Ende der Partie noch das dritte Tor für die Fortuna gegen einen desolaten VfB. Und Funkel sagte: "Der Klassenerhalt hätte den größten Stellenwert in meiner Karriere." Der Aufsteiger steht nun auf Tabellenplatz zwölf und hat zehn Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Das ist angesichts der finanziellen und damit personellen Möglichkeiten der Düsseldorfer in der Tat bemerkenswert. Funkel ist 65 Jahre alt und hat in seiner langen Karriere viel erlebt, die Partie gegen Stuttgart war sein 800. Einsatz im bezahlten Fußball. Als Spieler gewann er mit Bayer 05 Uerdingen mit einem 2:1 im Endspiel gegen den FC Bayern den DFB-Pokal. Er war beim "Wunder von der Grotenburg" dabei, als Uerdingen im März 1986 im Viertelfinalrückspiel des Uefa-Cups mit 7:3 gegen die SG Dynamo Dresden gewann und ins Halbfinale einzog. Als Trainer feierte er sechs Aufstiege, das ist ein Rekord. Seit dem Wirbel um seine Vertragsverlängerung in der Winterpause steht Funkel im Fokus. Es ist erstaunlich, was er aus diesem Team herausholt. Und was sagt er? "Mit 25 Punkten wird man höchstwahrscheinlich absteigen. Wir brauchen noch einige Siege und dafür muss man hart arbeiten."

5. Der VfB glaubt tatsächlich an Weinzierl

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Lösung in der Not? Markus Weinzierl.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

An Kandidaten scheint es nicht zu mangeln: Jürgen Klinsmann würde es wohl gerne machen, auch Markus Gisdol und Felix Magath sollen der "Bild"-Zeitung zufolge Interesse angemeldet haben, den desolaten VfB Stuttgart vor dem erneuten Abstieg in die zweite Bundesliga zu bewahren. Doch sie müssen warten. Trainer Markus Weinzierl bleibt - mindestens bis zum nächsten Spieltag, wenn es gegen RB Leipzig geht. Das hat Sportvorstand Michael Reschke bestätigt. Dieses Vertrauen (oder ist es nur eine aufgeschobene Entscheidung, um die Hoffnungen eines Trainerwechsels durch die RB-Wucht nicht sofort zu enttäuschen?) mag der Fußball-Traditionalist vielleicht als beruhigend gegen die übliche Trainer-Not-Rotation empfinden, besonders gute Argumente hat aber vermutlich auch er nicht. In 14 Partien gelangen Weinzierl, der Mitte der Hinrunde für Tayfun Korkut übernommen hatte, nur drei Siege. Bei der 0:3-Klatsche in Düsseldorf am Sonntagabend wirkte seine Mannschaft nervös, harm-, mitunter sogar teilnahmslos – sie spielte wie ein Absteiger, sie hat mit dem 1. FC Nürnberg, dort ist Trainer Manuel Köllner ebenfalls hart angezählt, den schwächsten Angriff der Liga und trotz Weltmeister Benjamin Pavard und Ex-Nationalspieler Ron-Robert Zieler die anfälligste Abwehr der Liga. Und nun kommt gegen Leipzig die Wende mit Weinzierl? Puh…

6. Das neue Werder feiert sein Alter

Vier Tore schießt Werder ja gerne mal. Die Bremer Fans lieben ihren Klub für die quasi unerschütterliche Philosophie, offensiven Fußball zu spielen. Das Weserstadion übertönte jahrelang mit bester Stimmung, dass vier eigenen Treffern in der Regel drei bis fünf Gegentore entgegenstehen. Nicht so an diesem Geburtstagssonntag. Zum 120-jährigen Vereinsjubiläum beschenken Kapitän Max Kruse und seine Kollegen sich und das Publikum mit einem abgezockten 4:0 gegen den FC Augsburg. Mitten rein in die Euphorie über das Pokalspektakel in Dortmund setzt der SVW das nächste europaorientierte Ausrufezeichen.

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"Es ist Anfang Februar, wir sind im Pokal-Viertelfinale und haben eine sehr realistische Chance auf einen Europapokalplatz. Ich glaube, das hat es hier ziemlich lange nicht mehr gegeben." Das hat Trainer Florian Kohfeldt gut beobachtet. Normalerweise stecken die Bremer Ambitionen zu diesem Zeitpunkt der Saison knietief im Abstiegskampfsumpf. Normalerweise stottert die Offensiv-Philosophie dem Hagel an Gegentoren hinterher. Normalerweise verlieren die Bremer Punkte in Spielen, in denen sie besser sind.

"Das Spiel war nicht so deutlich, wie das Ergebnis aussieht", sagte Maximilian Eggestein, Eigengewächs-Durchstarter der Saison. Und genau das ist eben nicht normal an dieser Saison. Auf dem Weg zurück nach Europa präsentieren sich Kohfeldts junge und alte Jungs abgezockt und machen vorne vieles richtig. Die Gegentorflut verhindert hinten die gefeierte Nummer eins: Jiri "Der Kraken" Pavlenka erledigt Augsburgs Großchancen fast im Alleingang. Auch daran könnten sich die offensivliebenden Werderfans gewöhnen. Sie hoffen auf eine neue Normalität. Und alles begann an einem Sonntag im November 2017. Damals stand Kohfeldt im Spiel gegen Hannover 96 erstmals als Coach an der Seitenlinie. Und das Weserstadion feierte seinen neuen Hoffnungsträger: Es war das bis gestern letzte 4:0 des SV Werder Bremen.

Quelle: n-tv.de

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