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Stürmer klagt, Team reagiert Der FC Bayern widerlegt Lewandowski

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Ein Führungsspieler fürs Mittelfeld, einer für die Abwehr und vorne ein glücklicher Lewandwoski.

(Foto: imago images/Michael Weber)

Nur Manuel Neuer und Robert Lewandowski reichen nicht. Das jedenfalls findet Robert Lewandowski. Vor dem Bundesliga-Spitzenspiel gegen den BVB kritisiert er den Mangel an Anführern beim FC Bayern. Und wird von seinen Mitspielern widerlegt. Das liegt auch an Hansi Flick.

Thomas Müller haute sich immer wieder auf die Brust. Grün und blau müsste die nun eigentlich sein, so oft hämmerte der 30-Jährige mit der flachen Hand darauf rum. Oft an der Stelle, wo auf seinem Trikot das Logo des FC Bayern aufgenäht ist. Seines FC Bayern. Und wenn seine flache Hand mal nicht seine Brust malträtierte, dann gestikulierte sie. Bei Einwürfen des Gegners ordneten die Müllerhände die Zuteilung. Bei eigenem Ballbesitz zeigte er seinen Mitspielern alle denkbaren Passrichtungen an. Und wenn es mal leiser wurde in der mit 75.000 Zuschauern ausverkauften Münchener Fußballarena - das wurde es an diesem Samstagabend beim Topspiel gegen Borussia Dortmund eher selten - dann hörte man Thomas Müller auch mal schreien. Ein Führungsspieler halt.

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Thomas Müller schreit. Thomas Müller gestikuliert. Thomas Müller gewinnt.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Mit 4:0 fertigte der beschwingte, kreative, ballsichere, kombinationsfreudige und sehr forsch und früh pressende FC Bayern eine wirklich fürchterlich schlechte Borussia an diesem 11. Spieltag der Fußball-Bundesliga ab. Müller traf zwar nicht - nun bereits im 20. Ligaspiel in Folge nicht. Aber er bereitete zwei Tore vor und knackte so dann die magische 100er-Grenze bei Vorlagen. Nie zuvor hatte das ein Spieler in der Liga geschafft. Zumindest nicht seit es die Datenerfassung gibt. Das 2:0 von Nationalspieler Serge Gnabry (47.) und das 3:0 durch Robert Lewandowski (76.) waren eben möglich, weil Müller sehr präzise zumüllerte. Und natürlich erneut von Anfang an spielen durfte. Der zauberhafte Coutinho, der sich mit dem Zaubern seit längerer Zeit etwas schwer tut, fror auf der Ersatzbank.

Lewandowski hatte bereits vor Müllers erster Vorarbeit einen Treffer erzielt, den zum 1:0 (17.). Das war ebenfalls ein Moment für die Liga-Geschichte. Denn auch in diesem Moment hatte ein Fußballer Erstmaliges geschaffen. An jedem der bislang absolvierten elf Spieltage hat Lewandowski nun mindestens ein Tor erzielt. Außerdem stellte der 31-Jährige damit zunächst den 15-Tore-Rekord während der elften Runde des legendären Gerd Müller ein, um ihn später schließlich für sich alleine zu beanspruchen. Ein Führungsspieler halt. Der vierte Treffer der Münchener übrigens kam aus Dortmund, von Mats Hummels. Ebenfalls ein Führungsspieler. Ein ziemlich unglücklicher allerdings.

Müller hat wieder Spaß

Aber zurück zu Müller, der war nämlich nicht nur richtig auffällig, weil seine Hände ein sehr dominantes Eigenleben führten, sondern weil er einfach alles machte. Überall war. Er rannte, er kämpfte, er grätschte und zeigte auch richtig guten Fußball. Thomas Müller spielte wieder so, wie Thomas Müller früher einmal gespielt hatte. Wie er es unter dem am Sonntag verabschiedeten Ex-Trainer Niko Kovac nur selten zeigen durfte. Und dann auch nur selten zeigen konnte. "Wir waren sofort da, präsent in den Zweikämpfen. Wir haben von der ersten Sekunde an klargemacht, dass wir dieses Spiel gewinnen wollten", erklärte er. So mache es dann auch mal wieder Spaß in der Mixed Zone zu reden.

Und ein bisschen Spaß erlaubte er sich dann auch auf dem Nacken des BVB. "Es war vor dem Spiel von Männerfußball ein bisschen die Rede. Da ich schon ein bisschen älter bin, 30 - da kann man sich als Mann zählen, fühlt man sich dann halt schon angespornt." Diese Art des Fußballs sei dann eben der große Unterschied zwischen den sieben Liga-Titeln der Münchener nacheinander und den sieben Nicht-Titeln der Dortmunder. Aber natürlich sei es trotzdem "immer wieder herrlich", wenn die Borussia zu Gast sei. Haha. Vergessen die frustrierenden Zeiten der Müller'schen Notnagelei.

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Mit Thomas Müller hat Robert Lewandowski nun auch endlich seinen Lieblingsmitspieler zurück. Der, der für ihn wichtige Lücken reißt. Der, der Gegenspieler bindet. Und Müller ist in tragender Rolle wieder da. Die hat ihm Interimstrainer Hansi Flick auferlegt. Mitreißen und führen solle er die Mannschaft, hatte der Coach bei seiner ersten Chef-Pressekonferenz vor seinem Chef-Debüt gegen Olympiakos Piräus in der Champions-League über den offensiven Freigeist gesagt. Ihn und Javi Martinez hatte Flick wieder wichtig gemacht. Den Spanier als Chef der personell geschrumpften Abwehr um die lange verletzten Niklas Süle und Lucas Hernandez, Müller als Entertainer am anderen Ende des Spielfelds. Ihr Auftrag: Stabilität geben. Halt geben. Führungsspieler sein eben.

Dass es davon beim FC Bayern derzeit nicht genug gebe, das hatte Lewandowski über die "Süddeutsche Zeitung" überraschend am Tag des Topspiels ausrichten lassen. Nur zwei waren ihm eingefallen: er selbst und Torhüter Manuel Neuer. Es ist nur so, klagte die Münchner Torgarantie: "Eine Achse, die nur aus Neuer und Lewandowski besteht, ist zu wenig." Und übte danach wenig subtile Kritik: "In jedem Mannschaftsteil, in jeder Linie sollte es einen Anführer geben: Torwart, Abwehrspieler, einer aus dem Mittelfeld, einer aus der Offensive, das wäre perfekt. Es kann nicht ein Spieler führen, das ist unmöglich."

Kritik an Kovac kaum versteckt

FC Bayern München - Borussia Dortmund 4:0 (1:0)

München: Neuer - Pavard, Martinez, Alaba, Davies - Kimmich, Goretzka (72. Thiago) - Gnabry (70. Coutinho), Thomas Müller, Coman (75. Perisic) - Lewandowski. - Trainer: Flick
Dortmund: Bürki - Hakimi, Hummels, Akanji, Schulz - Witsel, Weigl (61. Alcacer) - Sancho (36. Gurreiro), Brandt, Hazard - Mario Götze (61. Reus). - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin)
Tore: 1:0 Lewandowski (17.), 2:0 Gnabry (47., nach Videobeweis), 3:0 Lewandowski (76.), 4:0 Hummels (80., Eigentor)
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Coman, Kimmich (4) - Reus

Gegen den BVB darf sich Lewandowski beeindruckend widerlegt fühlen. Neuer, der Torwart war wie immer da, auch wenn er bei lediglich zwei Torschüssen - der von Paco Alcacer in der 69. Minute war allerdings eine Topchance - kaum gebraucht wurde. Martinez stabilisierte mit dem zweckentfremdeten, aber starken David Alaba die Abwehrmitte. Gefordert wurden sie aber ebenfalls nicht. Müller vitalisierte das zweikampfstarke und spielfreudige Mittelfeld. Und Lewandowski, der machte halt Dienst nach Vorschrift. Was bei ihm natürlich immer sehr, sehr viel ist. Neuer und Lewandowski, dazwischen nun Martinez und Müller: Achse komplett. Aber nicht nur sie spielten chefig. Auch der einen Führungsanspruch erhebende Joshua Kimmich war giftig, gallig, kreativ. Eigentlich galt das gar für alle Spieler.

Und die sehen ihr Wiedererstarken klar im Trainerwechsel und dem neuen Input. "Wir hatten viel mehr hohe Ballgewinne, so haben sie nicht ins Spiel gefunden. Wir hatten klare Vorgaben, wer wen anläuft, es gab klare Strukturen, an die wir uns gehalten haben. Jeder wusste, was zu tun ist. Und es ist leichter, schon früh den Ball zurückzugewinnen als erst am eigenen Strafraum, bevor du dann wieder zehn Feldspieler ausspielen musst", sagte Kimmich. Eine kaum versteckte Kritik an Kovac, gegen den es innerhalb der Mannschaft zuletzt "Strömungen" gab, die den Klub zum Handeln zwangen, wie Präsident Uli Hoeneß nun im ZDF-Sportstudio verriet. Kapitän Neuer erklärte: "Hansi hat einen guten Draht zu den Spielern, er hat viel gesprochen. Dass wir viel offensiver verteidigen, ist ein guter Schritt." Leon Goretzka befand: "Er hat an den richtigen Punkten angesetzt. Er hat eine hohe Empathie, ein gutes Fingerspitzengefühl. Das ist essenziell."

Die gute Stimmung rund um Flick ist auch den Bossen nicht verborgen geblieben. Klubchef Karl-Heinz Rummenigge verlängerte nach dem Überschreiten der Zwei-Spiele-"Ziellinie" mit zwei Zu-Null-Siegen das Interims-Engagement bis "auf Weiteres." Flick hatte zumindest für den Abend erst einmal andere Pläne: "Ich genieße heute eine schöne Flasche Rotwein mit der Familie, dann bin ich zufrieden."

Quelle: n-tv.de

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