Fußball

DFB-Remis im Schnellcheck Der Riesen-Makel schwächt Flicks Superserie

Die Superserie von Hansi Flick hält an: Unter ihm ist die Nationalmannschaft weiter ungeschlagen. Nach dem Härtetest gegen Italien aber finden weder der Trainer noch seine Spieler etwas richtig Gutes am Remis. Gegen England soll es besser werden.

Was ist im Stadion Renato Dall'Ara von Bologna passiert?

Deutschland spielt gegen den Europameister in einem Freundschaftsspiel, äh, pardon, in der Auftaktpartie der diesjährigen Nations League. So darf die Mannschaft von Bundestrainer Hansi Flick also gegen Italien ran, das sich nicht für die Weltmeisterschaft Ende des Jahres in Katar qualifizieren konnte. Kleine Erinnerung: Im Sommer 2021 war das Land Europameister geworden, danach aber auf eine unerklärliche Weise in sich zusammengebrochen. Trainer Roberto Mancini ist noch im Amt - er wurde trotz der vermasselten WM-Qualifikation nicht entlassen -, aber er hat ein völlig neues Team aufgestellt. Auch Torhüter Gianluigi Donnarumma ist noch dabei, der ewige Verteidiger Giorgio Chiellini bekam neulich bei der Finalissima - so taufte die FIFA das Spiel des Europameisters gegen den Besten Südamerikas, Argentinien - seinen Abschied. Bei einer Niederlage, bitteres Ende. In der Nations League in einer Gruppe mit Deutschland, Ungarn und England soll dem frischen Team der Neustart gelingen.

Und Deutschland? Flick sucht seine Startelf für die WM. Statt in Freundschaftsspielen nun eben in der Nations League. Erstes Zwischenergebnis: 1:1, viele Fehler, wenig Tempo und der Makel, immer noch keine Top-Nation in der Post-Joachim-Löw-Ära geschlagen zu haben. Die Riesen, sie machen Flick zu schaffen.

Teams und Tore

Italien: Donnarumma/Paris St. Germain (23 Jahre/43 Länderspiele) - Florenzi/AC Mailand (31/48), Acerbi/Lazio Rom (34/24), Bastoni/Inter Mailand (23/12), Biraghi/ AC Florenz (29/14) ab 80. Dimarco/Inter Mailand (24/1) - Frattesi/Sassuolo Calcio (22/1) ab 85. Ricci/FC Turin (20/1), Cristante/AS Rom (27/24), Tonali/AC Mailand (22/9) ab 80. Pobega/FC Turin (22/1) - Politano/SSC Neapel (28/6) ab 65. Gnonto/FC Zürich (18/1), Scamacca/Sassuolo Calcio (23/4) ab 85. Cancellieri/Hellas Verona (20/1), Pellegrini/AS Rom (25/23). - Trainer: Mancini

Deutschland: Neuer/Bayern München (36 Jahre/110 Länderspiele) - Henrichs/RB Leipzig (25/7) ab 59. Hofmann/Borussia Mönchengladbach (29/11), Süle/Bayern München (26/38), Rüdiger/FC Chelsea (29/51), Kehrer/Paris St. Germain (25/19) - Kimmich/Bayern München (27/65), Goretzka/Bayern München (27/42) ab 69. Gündogan/Manchester City (31/57) - Gnabry/Bayern München (26/32) ab 80. Raum/TSG Hoffenheim (24/6), Müller/Bayern München (32/113) ab 70. Havertz/FC Chelsea (22/26), Sane/Bayern München (26/43) ab 59. Musiala/Bayern München (19/12) - Werner/FC Chelsea (26/50). - Trainer: Flick

Schiedsrichter: Srdjan Jovanovic (Serbien)

Tore: 1:0 Pellegrini (70.), 1:1 Kimmich (73., nach Videobeweis)

Der Nations-League-Auftakt im Spielfilm

Vor Anpfiff: Es geht los mit einem deutlichen Zeichen der Fairness. Während die deutsche Nationalhymne erklingt, ertönen Buhrufe und Pfiffe von der Tribüne. Doch die italienischen Nationalspieler und die meisten Fans greifen ein - und übertönen mit Klatschen das unsportliche Verhalten. Bemerkenswert gut.

15. Minute: Serge Gnabry testet Keeper Gianluigi Donnarumma: Nach kurzem Antritt lässt er Biraghi stehen, schließt kraftvoll ab - doch der italienische Torhüter ist Sieger des kleinen Duells.

36. Minute: Mehr vorm gegnerischen Tor spielt die DFB-Elf, die dickste Chance aber haben die Italiener. Nur der Außenpfosten steht dem 1:0 durch Gianluca Scamacca im Weg! Der satte Schuss aus der Ferne hätte Manuel Neuer überlistet, doch der Torpfosten steht um wenige Zentimeter im Weg.

40. Minute: Auch die Deutschen zielen jetzt besser, aber (noch) nicht gut genug. Im Klein-Klein will es der Angriff lösen, gefühlt jeder darf mal aufs Tor zielen oder weiterpassen. Leon Goretzka verpasst einen Abschluss aus guter Position, sein Abpraller landet bei Gnabry, der aber schießt weit drüber.

Halbzeit

48. Minute: Und wieder Scamacca! Von den Deutschen sträflich allein gelassen, setzt er den Ball mit dem Kopf knapp an der langen Ecke vorbei.

56. Minute: Italien dringt jetzt deutlich stärker aufs Tor als in Halbzeit eins. Deutschland hat damit so seine Probleme. Lorenzo Pellegrini zieht in guter, alter Robben-Manier von rechts nach innen und schlenzt den Ball. Vorbei an Thilo Kehrer, aber auch vorbei am langen Eck. Knapp war's!

60. Minute: Den Ball hält Donnarumma locker, immerhin aber können wir einen Offensivversuch der DFB-Elf registrieren. Gnabry spielt von rechts in die Mitte, Timo Werner kommt jedoch zu spät, Italiens Torhüter lässt sich nicht beirren.

70. Minute: TOOOOORRR für Italien! Das Spiel hatte sich gerade so eingelullt und kaum etwas Zwingendes hergegeben, da trifft Pellegrini für Italien. Völlig unbewacht steht er am langen Pfosten, als der eingewechselte Wilfried Gnonto von rechts in den Fünfmeterraum passt. Die Führung ist verdient, Italien hat aktuell mehr vom Spiel.

73. Minute: TOOOOORRR für Deutschland! Die prompte Antwort kommt von Joshua Kimmich. Plötzlich ist wieder richtig Stimmung im Stadion. Der Bayern-Motor leitet den Angriff selbst ein, der Ball kommt über Kai Havertz zum eingewechselten Jonas Hofmann. Der Gladbacher flankt, schießt dabei allerdings Teamkollege Timo Werner an. Der Ball fällt dabei Kimmich vor die Füße, der muss aus kurzer Distanz nur noch abziehen. Kurze Diskussionen der Italiener, die ein Handspiel von Werner gesehen haben wollen, werden im Keim erstickt.

78. Minute: Der Ausgleich weckt die DFB-Elf auf, diese tut jetzt wieder mehr fürs Spiel. Donnarumma aber ist zur Stelle, als Kimmich sich am Führungstreffer versucht. Seine Direktabnahme nach Querpass kann der italienische Keeper mit der rechten Hand ablenken.

90.+4 Minute: Letzte Ecke für Deutschland, Kimmich bringt den Ball vors Tor, Donnarumma greift vorbei, weil Rüdiger ihn stört. Es entsteht ein Konter für Italien, der allerdings im Nichts versandet.

Was war gut?

Hansi Flick bleibt ungeschlagen. Zehn Spiele hat das Team jetzt mit ihm als Trainer absolviert, es gab acht Siege und nun das zweite Unentschieden. Weil die Mannschaft in Bologna gut reagiert, als sie in Rückstand gerät. Nur drei Minuten nach dem Führungstreffer von Pellegrini gleicht Kimmich aus - und hat kurz darauf sogar das Siegtor auf dem Fuß. Dieses gelingt nicht, das 1:1 ist statistisch gesehen bei elf zu elf Torschüssen leistungsgerecht.

Gut sind auch die ersten 15 Minuten. Die DFB-Elf attackiert früh, bestimmt das Tempo, das Spiel, hat offensichtlich Bock aufs Zusammenspielen. Diese Frühphase mündet in der ersten größeren Chance durch Gnabry. Es ist eine Viertelstunde, mit der auch das Team selbst überaus einverstanden ist.

Dass die deutsche Delegation mit vielem von dem, was danach folgt, nicht zufrieden ist, kann man ebenfalls positiv umdeuten. Selbstkritik ist der erste Schritt zur Besserung. Und von der Selbstkritik gibt es am schwülen Abend in Bologna einiges: "Für uns ist es zu wenig, wir wollten gewinnen", sagt Kimmich bei RTL. "Der Anspruch ist der, dass wir dominanter, zielstrebiger und klarer nach vorn spielen mit einer deutlich geringeren Fehlerquote", gibt Thomas Müller zu Protokoll. "Wir haben viele Fehler gemacht, den Rhythmus verloren, uns den Schneid abkaufen lassen", mäkelt auch Flick nach der Partie. Gegen England am kommenden Dienstag (20.45 Uhr/ZDF und im ntv.de-Liveticker) gibt Flick vor, "die Dinge besser zu machen, die wir nicht gut gemacht haben". Die Partie ist dann der dritte Härtetest in Folge nach den Spielen gegen die Niederlande und eben Italien - es scheint sich niemand damit zufriedengeben zu wollen, wenn dann das dritte Remis herausspringt. Und auch diese Einstellung darf positiv gewertet werden.

Was war schlecht?

Die Selbstkritik ist deutlich. Die Deutschen lassen sich nach einem guten Beginn einlullen und wirken teilweise seltsam passiv. Das Tempo schläft ein, die Offensivgefahr verliert sich. Das liegt auch an der schwachen Leistung von Leroy Sané. Der kann sein Formtief vom FC Bayern beim DFB nicht abschütteln. Zwar beginnt er wie seine Kollegen engagiert, fällt aber schnell ab. Es gibt weder gefährliche Zuspiele noch irgendeine sonstige Szene, die der DFB-Offensive zupass kommt. Völlig harmlos spielt der Flügelstürmer - das schaut sich Flick immerhin 59 Minuten lang an, dann hat er genug. Auswechslung.

Nun ist es nicht Sanés Schuld allein, dass Italien zunehmend ins Spiel kommt. Es fehlt dem Spiel über große Phasen an Unterhaltung und Szenen, die Fans wie Gegner gleichermaßen überraschen könnten. Chancen gibt es nur wenige, weil die Deutschen nur selten Ideen haben, wie sie die Italiener clever ausspielen können.

Die verlegen sich vor allem in der ersten Halbzeit aufs Kontern, doch das durchaus gefährlich. Insbesondere mit dem wuchtigen Stürmer Gianluca Scamacca haben die ebenfalls in die Kategorie "wuchtig" gehörenden Niklas Süle und Antonio Rüdiger so ihre Probleme. Dessen Pfostenschuss ist in der ersten Halbzeit dann auch die beste Chance des Spiels. Es wird selten so brenzlig, dass Flick um seine Superserie bangen muss, WM-reif aber ist das Team bislang nicht.

Das sagen die Beteiligten

Hansi Flick (Bundestrainer) bei RTL: "Wir können nicht zufrieden sein. Die erste Viertelstunde war ganz okay, danach haben wir nicht mehr die Räume gefunden und den Rhythmus verloren. Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen. Es war insgesamt ein ausgeglichenes Spiel. Wir hatten zu wenig Tempo und insgesamt viel zu viele Fehler in unserem Spiel."

Joshua Kimmich (Torschütze): "Egal, ob es gerecht war oder nicht. Für uns ist es zu wenig. Wir wollten heute gewinnen. Wir wussten, dass Italien im Umbruch ist und sie den einen oder anderen Spieler nicht auf dem Platz hatten. Leider ist es uns nicht gelungen. Wir haben es nicht geschafft, unser Spiel auf den Platz zu bringen. Wir haben nicht so intensiv gespielt, wie man es von uns gewohnt ist. Vielleicht lag es etwas an der hohen Luftfeuchtigkeit."

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Thomas Müller: "Wir haben in der ersten Viertelstunde eigentlich ganz gut angefangen, dann aber durch einfache Fehler im Ballbesitz das Spiel verschleppt. In der ersten Halbzeit müssen wir das 1:0 machen. Die Italiener haben es gut gemacht. Aber der Anspruch ist der, dass wir dominanter und klarer nach vorne spielen - mit einer geringeren Fehlerquote."

Roberto Mancini (Nationaltrainer Italien): "Mir hat besonders gut gefallen, wie die jungen Talente aufgetreten sind - mutig gegen Deutschland, eine der besten Mannschaften der Welt. Nach dem zögerlichen Beginn haben sie die nötige Lockerheit gefunden."

Quelle: ntv.de

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