Fußball

Von Schlaudraff zu Gnabry Der neue Transferplan des FC Bayern

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Gnabry brillierte im Halbfinale gegen Lyon mit zwei Treffern.

(Foto: imago images/Xinhua)

Der Einzug ins Champions-League-Endspiel ist nicht nur Ausdruck der neuen Stärke des FC Bayern, sondern auch einer neuen Herangehensweise. Als Schlüsselmoment dafür gilt das verlorene "Finale dahoam" vor acht Jahren und eine darauf folgende neue Strategie - mit Stärken und Schwächen.

Wahrscheinlich ist Jan Schlaudraff das beste Beispiel für den Wandel, den der FC Bayern vollzogen hat. Weil allerdings der Offensivspieler seine Karriere als Profifußballer schon vor fünf Jahren beendet hat, braucht dieses Beispiel eine Erklärung. Darin geht es um den Moment, der Schlaudraff im kollektiven Bewusstsein deutscher Fußballfans verankerte. Dieser Moment wiederum ist so lange her, dass Alemannia Aachen damals noch Bundesligist war und als solcher am 20. Dezember 2006 den FC Bayern München zum Achtelfinale des DFB-Pokals im alten Tivoli empfing.

An diesem Mittwochabend vor 14 Jahren führte die inzwischen in die Viertklassigkeit abgestürzte Alemannia zur Halbzeit mit 3:0 gegen den klaren Favoriten aus München, der nach dem Seitenwechsel auf 3:2 verkürzte. Dann kamen die 90. Minute und mit ihr Jan Schlaudraff. Der damals 23-Jährige nahm den Ball an der linken Seitenauslinie an und dribbelte los, ließ während seines Dribblings in die Mitte einen Münchner Verteidiger nach dem anderen aussteigen und vollendete schließlich mit dem rechten Fuß ins linke untere Eck zum 4:2-Endstand. Und nur wenige Tage später verpflichtete der FC Bayern Schlaudraff.

Sowohl Fans als auch Nicht-Fans witzelten lange Zeit darüber, dass die Transferpolitik des Rekordmeisters bisweilen daraus bestand, einfach die Spieler zu kaufen, die gegen die eigene Mannschaft ein starkes Spiel ablieferten. Das sorgte bei Verpflichtungen von Bundesliga-Konkurrenten nicht für die Stärkung des eigenen Kaders, sondern auch für die Schwächung der gegnerischen. Als Verstärkungen aber etablierten sich die auf diese Weise eingekauften Profis nicht, und im Wettbieten mit den Ligen in Spanien, Italien und England zog die Bundesliga auch zu dieser Zeit schon meist den Kürzeren.

Bei Arsenal ausgemustert, von Bayern geschätzt

Das änderte sich zumindest teilweise durch den Umzug aus dem Olympiastadion in die vereinseigene Arena in Fröttmaning. Die neue Heimstätte verschaffte dem in Deutschland finanziell ohnehin schon konkurrenzlosen Klub höhere Einnahmen - und damit Verpflichtungen von international angesehenen Profis wie Arjen Robben, Franck Ribéry und Luca Toni, wie es der renommierte Sportjournalist Raphael Honigstein für die US-Seite "The Athletic" skizziert.

Allerdings stellt Honigstein auch fest: "So richtig gemeistert haben sie [der FC Bayern] den Transfermarkt" erst nach dem traumatischen "Finale dahoam", nach der dramatischen Niederlage im Champions-League-Endspiel 2012 gegen den FC Chelsea. Mit den Verpflichtungen von Sportdirektor Matthias Sammer und dem Technischen Direktor Michael Reschke professionalisierte der deutsche Rekordmeister sein Scouting-Netzwerk. Zwar sind beide mittlerweile nicht mehr für den FC Bayern tätig, aber ihr Engagement "resultierte in einer Trefferquote, die viele große Klubs in Europa neidisch macht", wie Honigstein schreibt.

Schon im August 2012 gelang der erste Volltreffer: Für Javi Martínez flossen 40 Millionen Euro an Athletic Bilbao. Anfangs löste der Transfer Verwunderung aus, schließlich war Martínez der bis dahin teuerste Einkauf der Bundesliga-Historie und dafür relativ unbekannt, auch wenn er als amtierender Welt- und Europameister nach München kam. Schon nach seiner ersten Saison war das vergessen, denn mit Martínez als defensivem Mittelpunkt gewann der FCB zum ersten Mal überhaupt das Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League.

Und so bauten sich die Münchner nach und nach die Mannschaft zusammen, die nun kurz vor dem sechsten Titel der Vereinsgeschichte im höchsten europäischen Wettbewerb steht. Serge Gnabry etwa galt beim FC Arsenal zwar lange als Talent, doch selbst ein starkes Olympia-Turnier 2016 überzeugte die Londoner nicht davon, den Linksfuß zu halten. Stattdessen wechselte Gnabry nach Bremen und überzeugte dort den FC Bayern, für gerade einmal acht Millionen Euro den Angreifer zu verpflichten, der in dieser Champions-League-Saison bislang im Schnitt ein Tor pro Spiel erzielt.

Es geht sogar ohne Ablöse

Bei Joshua Kimmich machten sich die Münchner im Jahr 2015 eine Rückkaufoption des VfB Stuttgart zunutze, der Kimmich an den damaligen Zweitligisten RB Leipzig abgegeben hatte. Die Schwaben zogen diese Option und der Allrounder wechselte direkt weiter nach München. Dort wuchs er nicht nur zum unumstrittenen Stammspieler, sondern gilt mittlerweile auch als Führungskraft.

Für Leon Goretzka (2018 vom FC Schalke 04 verpflichtet) und Robert Lewandowski (2014 von Borussia Dortmund gekommen) zahlten die Münchner dagegen nicht einmal eine Ablöse, sondern überzeugten die Neuzugänge davon, nach ihrem Vertragsende zu wechseln. Das Geld, was sonst an den abgebenden Klub geflossen wäre, dürfte stattdessen zu einem guten Teil in Unterschriftsbonus und Gehalt ausgezahlt worden sein.

Der bei vielen Beobachtern überraschend gering geschätzte Thiago kam 2013 als Wunschspieler von Pep Guardiola vom FC Barcelona, die rund 25 Millionen Euro Ablöse sind allerdings eine der besten Investitionen der jüngeren Vereinsgeschichte. Ist der spanische Nationalspieler fit, gibt es im zentralen Mittelfeld im europäischen Fußball nur wenige Profis seiner Güteklasse. Das stellte er jüngst gegen den FC Barcelona und Olympique Lyon unter Beweis.

Keine 100 Prozent, aber ...

Aber die Trefferquote liegt natürlich nicht bei 100 Prozent: Corentin Tolisso wechselte 2017 für mehr als 40 Millionen Euro aus Lyon zum FC Bayern, konnte die hohen Erwartungen aber nicht vollends erfüllen. Die erste Saison von Lucas Hernández, den die Münchner im Sommer 2019 für die Bundesliga-Rekordsumme von 80 Millionen Euro aus seinem Vertrag bei Atlético Madrid herauskauften, war alles andere ein Erfolg. Hernández kämpfte mehr mit Verletzungen als um einen Stammplatz und wirkte bei seinen wenigen Einsätzen nicht wie der Defensiv-Anker, den sich Trainer Hansi Flick gewünscht hätte.

Die Stärke des Transferplans der Münchner lag in den vergangenen Jahren vor allem darin, Spieler zu holen, die bei ihnen den nächsten großen Schritt machen. Auch dafür steht die Entwicklung von Spielern wie Lewandowski, wie Kimmich, wie Goretzka. Der Versuch, den Kader mit großen Investitionen in große Namen zu verstärken, gelang dagegen nicht.

James Rodriguez und Philippe Coutinho kosteten als Leihspieler zwar keine Ablöse, dürften gehaltstechnisch aber klar über dem Durchschnitt gelegen haben. Sportlich hinterließen sie trotz vereinzelter Glanzlichter keinen nachhaltigen Eindruck, weshalb der Klub von einer Weiterverpflichtung absah. Auch Mario Götze - 2013 für rund 37 Millionen Euro von Borussia Dortmund gekommen - scheiterte an den hohen Erwartungen.

Enteilt in vielerlei Hinsicht

Dem gegenüber steht die Verpflichtung von Hernández' französischem Landsmann Benjamin Pavard, der - ebenfalls vor Jahresfrist - für knapp 35 Millionen Euro aus Stuttgart geholt wurde. Als amtierender Weltmeister, vor allem als junger Profi mit Potenzial. Zwar wird er für das Finale offenbar nicht rechtzeitig fit, machte sich aber zuvor im Saisonverlauf auf der Position des rechten Verteidigers nahezu unverzichtbar.

Und sicher, eine zurückhaltende Strategie ist dies nicht. Wer über 100 Millionen Euro für zwei Verteidiger auf den Tisch legen kann, gehört definitiv nicht zu den Vereinen, die sich über den Wahnsinn auf dem Transfermarkt beklagen dürfen. Auch, wenn solche Töne immer mal wieder vereinzelt aus der Säbener Straße zu hören sind. Aber all das Geld ist eben - rein sportlich gesehen - wenig wert, wenn es nicht zu Erfolgen führt.

Finanziell war der FC Bayern schon 2006 der Bundesliga enteilt. Während die Münchner aber damals aufgrund einer wenig durchdacht wirkenden Transferpolitik noch schlagbar erschienen - 2007 wurde der VfB Stuttgart deutscher Meister, 2009 der VfL Wolfsburg -, sind sie der heimischen Konkurrenz in jüngster Vergangenheit auch sportlich nahezu uneinholbar enteilt.

Weil sie nicht mehr nur eine deutlich besser gefülltes Portemonnaie haben, sondern dieses auch einzusetzen wissen. Dank einer veränderten und dadurch deutlich weniger fehleranfälligen Kaderplanung sind die Münchner nun nur noch einen Sieg davon entfernt, auch Europas Fußball-Gipfel zu erklimmen.

Quelle: ntv.de