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Mehr als Chelsea-Wohlfühlfaktor Der unheimliche, historische Tuchel-Lauf

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Thomas Tuchel hat beim FC Chelsea alles im Griff.

(Foto: imago images/PA Images)

Der nahezu unheimliche Lauf von Thomas Tuchels FC Chelsea kennt kein Ende. Mit 13 ungeschlagenen Spielen in Serie stehen die Londoner nun erstmals seit sieben Jahren wieder unter den besten Acht Europas. Der Trainer zeigt gegen Atlético, warum gegen ihn "keiner spielen will".

Wie Thomas Tuchel es geschafft hat, den FC Chelsea in dieser immensen Geschwindigkeit zum Erfolg zu führen? "Das war ehrlich gesagt ganz einfach", beantwortete der Trainer nach dem 2:0-Erfolg über Atlético Madrid in der Champions League die große Frage. "Weil ich mich vom ersten Tag an als Teil dieses Klubs gefühlt habe." Die Erleichterung nach dem gewonnenen Spiel sah man Tuchel leicht an. Mittlerweile nimmt sein Lauf bei den Blues unheimliche Züge an: Kein anderer Chelsea-Trainer konnte seine ersten 13 Spiele ungeschlagen bleiben, Tuchels Elf kassierte dabei insgesamt lediglich zwei Gegentore.

Natürlich steckt hinter dem Erfolg etwas mehr als der Wohlfühlfaktor. In das Achtelfinal-Rückspiel war Tuchel noch mit Bauchschmerzen gestartet, wie er verriet. Das Hinspiel hatte Chelsea schließlich nur knapp mit 1:0 gewinnen können. Aktuell führt Diego Simeones Team die Tabelle in der spanischen Primera División an und trat nun in Bestbesetzung an. Bei den Londonern fehlten auf dem Platz die wichtigen Mason Mount, Jorginho und der langzeitverletzte Thiago Silva.

Immer Glück ist Können

Die drei waren trotzdem an der Stamford Bridge anwesend und gaben einen eindrucksvollen Einblick in das Innenleben der Mannschaft. Routinier Silva fieberte auf der Tribüne mit, gegen Spielende hielt es ihn nicht mehr auf seinem Sitzplatz, er gab Anweisungen und tigerte sichtlich mitleidend über die Treppen der leeren Tribüne. Nach dem erlösenden 2:0 in der Nachspielzeit fielen sich alle drei Verletzten freudig in die Arme.

Fußballerisch zeigte die Tuchel-Elf, was sie die letzten Wochen schon ausgezeichnet hat: die starke Abwehr und pfeilschnelle Angriffe. Dazu kam auch etwas Glück, wie der Trainer überraschend ehrlich nach dem Abpfiff zugab. Denn das mulmige Gefühl Tuchels hätte sich ganz schnell bestätigen können. In der 25. Minute spielte César Azpilicueta einen unsauberen Rückpass zum eigenen Torwart, Atléticos Yannick Carrasco preschte dazwischen, um daraufhin vom Chelsea-Verteidiger gefällt zu werden. "Auf der Bank bin ich zusammengezuckt", gab Tuchel danach bei Sky zu, doch der Elfmeterpfiff blieb zu seinem Glück aus.

Mit der bewährten Dreierkette stand die Defensive sicher und erlaubte sich - abgesehen von dem Kann-Elfmeter - keine größeren Aussetzer. Offensiv zeigte DFB-Nationalspieler Timo Werner seine große Stärke beim sehenswerten 1:0. In der 34. Minute machte Kai Havertz einen von N'Golo Kante abgefangenen Ball fest und schickte Werner auf die Reise. Der Stürmer sprintete im Affenzahn über das halbe Feld und legte im gegnerischen Sechzehner auf Hakim Ziyech quer, der den Ball nun noch ins Netz schieben musste. Der gesamte Spielzug dauerte lediglich knappe 15 Sekunden.

Ein verzerrtes Bild

"Ein fantastisches Tor", schwärmte Tuchel über den Treffer nach dem Spiel, obwohl die Offensivabteilung unter ihm mit "nur" 15 Treffern in 13 Spielen noch Anlaufschwierigkeiten hat. Generell konnte er die Freude über die Leistung seiner Spieler wenig verbergen und lobte überschwänglich: "Jungs zu trainieren, die regelmäßig in der Premier League spielen, das ist schon etwas Besonderes, und das ist ein großer Spaß." Auch die Art und Weise, wie er Antonio Rüdiger und Co. nach dem Abpfiff herzte, sprach Bände.

Dabei hält sich nach seiner Dortmunder Zeit in Deutschland noch wacker das verzerrte Bild des wenig emphatischen Analytikers, der nach Jürgen Klopp die Mannschaft zwar zum Erfolg führte, aber menschlich angeblich zu distanziert sei. Befeuert wurde das durch die öffentlichen Auseinandersetzungen mit der Klubführung der Borussia, in der man sich nach dem Anschlag auf den BVB-Teambus gegenseitig der Falschaussage bezichtigte. Doch auch dass sich PSG-Star Kylian Mbappé nach dem 4:1-Erfolg über Barcelona vor einigen Wochen bei seinem Ex-Trainer bedankte, spricht für Tuchel.

Der deutsche Trainer-Rekord

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Selbstredend spielt Tuchel bei Chelsea auch das englische Teammanager-Modell in die Hände. Er ist weitestgehend alleine verantwortlich für den Erfolg des Vereins, ihm wird nur wenig hereingeredet. Anders war das in Paris, als er sich mit den katarischen Verantwortlichen auseinandersetzen musste, oder beim BVB, als er den öffentlichen Machtkampf gegen Klubboss Hans-Joachim Watzke verlor.

So kommt es, dass der FC Chelsea mit dem 47-Jährigen erstmals seit sieben Jahren wieder zu den besten Acht Europas zählt. Auf die Auslosung am Freitag freut sich Tuchel schon und gibt sich selbstbewusst: "Keiner will gegen uns spielen." Zum ersten Mal in der CL-Geschichte werden vier der Lose von Übungsleitern aus der gleichen Nation betreut: Bayerns Hansi Flick, Dortmunds Edin Terzic, Liverpools Jürgen Klopp und eben Tuchel. Er fühle sich geehrt, zu dieser auserwählten Gruppe zu gehören, erzählt Tuchel: "Lauter gute Trainer, lauter gute Mannschaften. Ich kenne das Geheimnis nicht." Es wird ihm auch vermutlich egal sein. Hauptsache der neu gefundene Wohlfühlfaktor kommt nicht wieder abhanden.

Quelle: ntv.de

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