Fußball

Sanés Heimatklub kurz vor Pleite Der zähe Existenzkampf der SG Wattenscheid

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Früher war's: Lothar Matthäus vom FC Bayern haut's um, Uwe Neuhaus von der SG Wattenscheid wetzt im September 1992 davon.

imago sportfotodienst

Im Laufe ihrer fast 110-jährigen Geschichte bringt die SG Wattenscheid 09 zahlreiche Fußballtalente hervor - allen voran Leroy Sané. Nun kämpft der Ex-Bundesligist und zweimalige Bayern-Bezwinger ums Überleben. Die Aussichten sind düster.

Seine Enttäuschung kann Oguzhan Can nur schwer verbergen. "Die haben sich überhaupt nicht gerührt", sagt der Aufsichtsratschef der kurz vor der Pleite stehenden SG Wattenscheid 09 im Gespräch mit n-tv.de. Die Rede ist von den ehemaligen Nullneunern Leroy Sané und seinem Vater Souleymane. Der Ex-Fußball-Bundesligist taumelt gen Abgrund und je näher dieser rückt, desto mehr wachsen im Westen Bochums die Hoffnungen auf Hilfe durch Sané junior - dem wertvollsten Eigengewächs der Klubgeschichte. Bisher vergebens. "Das macht mich traurig", sagt Can. Bis Montag benötigt der Viertligist 350.000 Euro, um das Aus abzuwenden und "die laufende Saison in der Regionalliga West überhaupt zu Ende spielen zu können". Doch wenig spricht dafür, dass der Traditionsverein sein 110. Jubiläum am 18. September dieses Jahres erleben wird.

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Noch Mitte Dezember skandierten die Fans nach dem überraschenden 3:0-Erfolg gegen Liga-Spitzenreiter Viktoria Köln und dem Sprung auf Tabellenplatz zwölf: "Die SGW ist wieder da." Donnerstagabend hielten sie eine Mahnwache ab. Der Klub hat eine Spendenkampagne initiiert, mit mäßigem Erfolg. Unter anderem wurden eine 20.000 Euro teure Namens-Patenschaft für das Lohrheidestadion und ein DFB-Medaillenset von 1993 für 499 Euro verscherbelt. Etwas mehr als 1900 Teilnehmer zählt die Aktion bisher, es ist ein zäher Kampf.

Allerdings werde laut Krisenmanager Can zusätzlich im Hintergrund viel getan. "Es sind in den vergangenen Tagen zahlreiche Sponsoren auf uns zugekommen", erklärt er: "Viele von ihnen wollen auch über die Saison hinaus mit uns zusammenarbeiten." Can ist es gelungen, Josef Schnusenberg für die Rettungsmission zu begeistern. Der ehemalige Präsident des FC Schalke 04 wirkt ab sofort im SGW-Aufsichtsrat mit. "Mit seinem Wissen und seinem großen Netzwerk werden wir den Verein wieder auf Kurs bringen", sagt Can. Der Beweis steht noch aus, die tatsächlich erzielten Spendeneinnahmen belaufen sich bislang lediglich auf knapp 134.000 Euro. Die Zeit für die Schwarz-Weißen rinnt dahin.

Vereinsikone Peter Kunkel bedauert, dass es so weit gekommen ist, weiß aber auch: "Das ist einfach Fußball. Der hängt nun mal mit Geld zusammen", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. Mit 314 Einsätzen zählt er zu den Rekordspielern des Klubs und erinnert sich gern an seine aktive Zeit bei der SGW. "Der Verein ist extrem gut geführt worden, es gab nie irgendwo Probleme", sagt der 62-Jährige: "Es war familiär." Viele Spieler hätten damals in der "Firma" gearbeitet.

"Schlimmste, was der Bundesliga passieren konnte"

Gemeint ist damit das Modeunternehmen von Klaus Steilmann, der die SGW jahrelang als Präsident geführt und gesponsert hat. Ein typisches Mäzenatentum habe es unter Steilmann aber nicht gegeben, wie Kunkel betont: "Das war nicht so, dass die mit Geld um sich geschmissen haben. Es war immer solide und hat den Verein so besonders gemacht."

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Präsident Klaus Steilmann (l., hier 1974 mit Trainer Karl-Heinz "Kalli" Feldkamp) führte die SG Wattenscheid bis in die Bundesliga.

(Foto: imago/Horstmüller)

Und so haben es die Wattenscheider sogar in die Bundesliga geschafft. Von 1990 bis 1994 maß sich die SGW mit den deutschen Topklubs, unvergessen bleiben aus dieser Zeit zwei Siege gegen den FC Bayern München. Wie passend, hatte Uli Hoeneß doch zuvor den Aufstieg der Wattenscheider als "das Schlimmste, was der Bundesliga passieren konnte" gebrandmarkt. Namhafte Spieler wie Guiseppe Reina, Michael Preetz und Thorsten Fink liefen für den Klub auf - doch mit dem Niedergang der "Firma" begann auch der sportliche Abstieg der SGW, bis in die sechste Liga. Symptomatisch für die Wattenscheider Chaosjahre ist das ambitionierte Vorhaben vom vergangenen Sommer, den Verein zum "digitalisiertesten Klub in Europa" aufzumotzen und so in den Profifußball zurückzukehren. Die anvisierte Partnerschaft mit einem Start-up platzte, nun droht die Insolvenz.

RWO hilft, Sané nicht

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Kein Wunder, dass der Verein in seiner Misere jegliche Hilfe annimmt. Und die kommt zu großen Teilen aus der Nachbarschaft im Ruhrgebiet. "Hier im Revier sind die Menschen so. Da hilft der eine dem anderen", sagt Kunkel. Da es ihn nach seiner aktiven Karriere unter anderem zu Rot-Weiß Oberhausen zog, freut sich der Dauerbrenner umso mehr, dass RWO unter dem Motto "Tradition verbindet" eine Trikotauktion für die Wattenscheider startete. "In Oberhausen sind vernünftige Leute, das ist eine klasse Aktion", sagt er. Kunkel selbst hat sich einem Unterstützerkreis aus ehemaligen Spielern angeschlossen, um zur Rettung beizutragen: "Das ist doch selbstverständlich, dass man hilft."

Für Leroy Sané scheint das nicht zu gelten. Der 23-jährige Nationalspieler erhält bei Manchester City ein geschätztes Wochengehalt von 90.000 Pfund - das sind umgerechnet etwa 100.000 Euro. Kurzum: Sané müsste nur etwas mehr als zwei Wochen arbeiten, um seinen Ausbildungsverein im Alleingang zu retten. Ohnehin erscheint die von Wattenscheid benötigte Summe in Zeiten von Millionentransfers und Goldsteaks in Trainingslagern lapidar. Der Fall verdeutlicht abermals das Gefälle zwischen den Profiligen und den unteren Spielklassen.

Einer von mehreren

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Ins Lohrheidestadion kommen durchschnittlich nur 766 Zuschauer zu Heimspielen der SG Wattenscheid.

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Der drohende Kollaps der SG Wattenscheid offenbare laut dem Westdeutschen Fußball-Verband (WDFV) allerdings kein strukturelles Problem. "Die momentane Situation besorgt mich", teilt WDFV-Präsident Hermann Korfmacher n-tv.de mit. Allerdings biete "die Regionalliga West mit ihren Traditionsklubs und einem guten Umfeld den Vereinen viele Voraussetzungen, um sich zu stabilisieren". Korfmacher verweist hierzu unter anderem auf die lukrativen Fernsehverträge. Die Erfahrung zeige allerdings, "dass sich manche Vereine leider bezüglich der Zuschauerkalkulation irren". Neben der SG Wattenscheid, zu deren Spielen in dieser Saison durchschnittlich lediglich 766 Zuschauer erscheinen, befinden sich aus der Regionalliga West der Wuppertaler SV und der TV Herkenrath in Existenznot.

Tief im Westen sind die Probleme also nicht großartig anders als im Osten, wo sich in der jüngeren Vergangenheit Traditionsklubs wie der FC Rot-Weiß Erfurt und der Chemnitzer FC zahlungsunfähig meldeten, der Hallesche FC konnte zu Beginn des Jahres 2018 eine Insolvenz im letzten Moment noch abwenden. Selbst wenn dies nun auch der SGW gelingen sollte, mahnt Kunkel: "Interessant ist ja eher, was im Sommer passiert." Dann stehe die Zukunft des Vereins mit seinen mehr als 200 Jugendspielern womöglich erneut auf dem Spiel. Er wünsche sich, dass bei der SGW "endlich wieder solide gewirtschaftet wird". Dafür ist Aufsichtsratsboss Can zuständig. Laut seiner Aussage verhandelt die SGW derzeit mit namhaften Klubs aus der unmittelbaren Nachbarschaft über Benefizspiele.

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So stemmen sie sich auch ohne die Unterstützung ihres wertvollsten Fußball-Eigengewächses aus dem fernen Manchester weiter gegen den Exitus und tun alles Mögliche, damit der Refrain der schmissigen und von der Punkband "Die Kassierer" neu vertonten Vereinshymne weiter gilt: "Wattenscheid 09 wird niemals untergeh'n". Und dass die erste Mannschaft Mitte Februar zum Ligaspiel gegen den Bonner SC antreten kann.

Quelle: n-tv.de

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