Fußball

Mediokres, aber abgezocktes Real Desillusionierter FC Bayern hadert mit sich

Wie im vergangenen Jahr: Im bisher wichtigsten Spiel der Saison verliert der FC Bayern in der Champions League gegen Real und muss es nun im Halbfinal-Rückspiel richten. Das Problem: Sie verstehen nicht, warum sie verloren haben.

Sie wirkten fast ein wenig beleidigt, zumindest aber desillusioniert. Wie konnten sie nur dieses Spiel verlieren? Hatten sie nicht die besseren Torchancen gehabt? Und auch noch viel mehr davon als der Gegner? Waren sie an diesem Mittwochabend nicht die aktivere, gar die bessere Fußballmannschaft gewesen? Nun hat der FC Bayern aber sein Halbfinale in der Champions League mit 1:2 (1:1) gegen Real Madrid verloren und fährt wie im vergangenen Jahr, seinerzeit allerdings im Viertelfinale, mit schwerer Hypothek zum Rückspiel. Dieses findet am 1. Mai, im Estadio Santiago Bernabéu statt.

FC Bayern - Real Madrid 1:2 (1:1)

Tore: 1:0 Kimmich (28.), 1:1 Marcelo (44.), 1:2 Asensio (57.)

München: Ulreich - Kimmich, Jerome Boateng (34.  Süle), Hummels, Rafinha - Martinez (75. Tolisso) - Thomas Müller,  Rodriguez - Robben (8. Thiago), Ribery - Lewandowski

Madrid: Navas - Carvajal (67. Benzema), Varane, Ramos, Marcelo -  Casemiro (83. Kovacic) - Modric, Kroos - Lucas Vazquez, Ronaldo, Isco (46. Asensio)

Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande)
Zuschauer: 70.000 (ausverkauft)
Torschüsse: 15:7
Ecken: 10:3
Ballbesitz: 57:43 Prozent
Zweikämpfe: 81:82

Bis dahin sollten die Münchner die Frage klären, die sie nach dieser für sie so unerfreulichen Partie doch arg zu quälen schien: Wie konnte das passieren? Der nach 34 Minuten für den verletzten Jérôme Boateng eingewechselte Innenverteidiger Niklas Süle sagte: "Wenn wir 5:2 gewonnen hätten, hätte sich bei denen keiner beschweren können." Er habe "selten so ein schwaches Real Madrid in München gesehen". Leider hat er nicht gesagt, was das über den FC Bayern aussagt, dass er dennoch verloren hat. Kollege Kimmich antwortete auf die Frage, ob Süles Einschätzung realistisch sei, nur: "7:2!" Auch er glaubt: "Natürlich können wir noch weiterkommen."

Ebenso war Thomas Müller sichtlich sauer. Aber auch er sagte: "Real war absolut verwundbar." Daher sei noch alles drin. Aber: "Wir brauchen eine andere, eine Killermentalität im Abschluss", monierte er. Seine Mannschaft sei schlichtweg zu naiv aufgetreten - "mit zu viel Respekt".

Gut, das ist ein Ansatz, zumindest in der Theorie. Bleibt die Frage, ob sie das ändern können gegen ein Team aus Madrid, das zuletzt zweimal die europäische Königsklasse gewann und viele der 70.000 Zuschauer im ausverkauften Münchner Stadion mit seiner gnadenlosen Effizienz beeindruckte. Diese Mannschaft ist eine Maschine, die nicht immer rundläuft, aber stets noch etwas zuzulegen hat. Vor dieser Partie lautete die Frage, zu was dieser FC Bayern fähig ist. National fehlt ihm die Konkurrenz, auch in der Champions League musste er mit Beşiktaş Istanbul im Achtelfinale und danach dem FC Sevilla nicht die ganz großen Kaliber knacken. Noch beim 0:0 im Rückspiel gegen Sevilla hatten die Bayern die Theorie vom guten Pferd gezeigt. Das springt nun einmal nicht höher, als es muss. Ihr Problem ist: Nun sind sie einem solchen Pferd unterlegen.

Alaba schaut traurig in die Nacht

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Traurig auf der Tribüne: David Alaba.

(Foto: Giannakoulis)

Will meinen: Real präsentierte sich extrem abgezockt und tat nicht mehr als es musste. Madrids Trainer Zinedine Zidane hatte kein gutes Spiel seiner an diesem Abend eher mittelmäßigen Mannschaft gesehen. Aber: "Mit dem Ergebnis können wir sehr zufrieden sein." Dabei hatte es für die Bayern gar nicht so schlecht angefangen. Natürlich ist es immer gut, ein Tor zu schießen - erst recht in einem Halbfinale gegen Real. Aber es war schon sehr geschickt, es dann zu tun, als sich die Königlichen nach einem furiosen Münchner Start die Herrschaft über das Spiel zurückzuerobern schienen. Es war ein Angriff aus der Rubrik klassischer Konter. Torhüter Sven Ulreich leitete ihn ein, dann schickte James Rodríguez den Ball auf die Reise, und mit ihm den rechten Außenverteidiger Joshua Kimmich. Der rannte von der Mittellinie bis in den Strafraum der Madrilenen, schoss - und plötzlich war der Ball nach einer knappen halben Stunde im Tor.

Ob Reals Schlussmann Keylor Navas, da Kimmich zweimal den Kopf gehoben und nach innen geschaut hatte, mit einer Flanke auf Robert Lewandowski gerechnet hatte? Kimmich jedenfalls behauptete hinterher: "Den wollte ich so machen." Er habe sich durchaus darauf vorbereitet, was zu tun sei, wenn er in eine solche Situation komme. "Und ich wusste, dass Navas ein Torwart ist, der gerne spekuliert."

Den Bayern war's egal, 1:0 - und sie drängten auf das zweite Tor. Sie taten das allerdings ohne Arjen Robben, der nach acht Minuten verletzt ausgewechselt werden musste. Und auch Boateng erwischte es, er musste nach 34 Minuten raus. Für ihn rückte Süle in die Innenverteidigung neben Mats Hummels. Und dennoch dünkten sich die Bayern im Aufwind, Hummels in der 39. und 42. sowie Müller in der 41. Minute verpassten knapp das zweite Tor. Es war dann allerdings aus Sicht der Münchner eher ungeschickt, Reals Linksverteidiger Marcelo aus 18 Metern unbehelligt agieren zu lassen: Er erzielte eine Minute vor der Pause mit einem prima Volleyschuss den Ausgleich.

Es ist überhaupt nicht gut, gegen Real ein Tor zu kassieren - erst recht nicht in einem Halbfinalhinspiel. Der verletzte David Alaba, der mit den ebenfalls maladen Kingsley Coman und Arturo Vidal direkt vor den Journalisten auf der Tribüne saß, schien genau das zu denken, so traurig schaute er drein.

So hat Heynckes sich das nicht vorgestellt

Und sein Gemütszustand hellte sich nicht auf, als Rafinha, sein Vertreter als Linksverteidiger, nach 57 Minuten mit fataler Folge im Mittelfeld den Ball verlor. Der eingewechselte Marco Asensio schnappte sich ihn, also den Ball, spielte ihn zum Kollegen Lucas Vázquez, der wiederum Asensio bediente, der in den bajuwarischen Strafraum gesprintet war - 1:2. Real Madrid noch ein zweites Tor zu schenken, das ist für eine Mannschaft, die doch eigentlich sehr gerne im Finale in Kiew am 26. Mai mitmachen möchte, nun wirklich sehr schlecht.

Jupp Heynckes jedenfalls, der Trainer des FC Bayern, saß sichtlich bedient auf seiner Bank. So hatte er sich das nicht vorgestellt. "Ein Knackpunkt war, dass wir vor der Pause einen völlig unnötigen Gegentreffer hinnehmen mussten", sagte er hinterher. "Selten, dass meine Mannschaft in einem Halbfinale der Champions League so viele Torchancen hatte. Nur haben wir es nicht verstanden, die Chancen zu nutzen. Hinzu kommt, dass wir noch Geschenke verteilt haben." Aber noch sei es nicht vorbei.

"Werden in Madrid natürlich noch einmal versuchen, das Hinspielergebnis zu korrigieren. Das ist auch unsere Pflicht. Man sollte erst mal abwarten." Denn: "Ich glaube, dass wir unverdient verloren haben und das Spiel hätten gewinnen müssen. Das stimmt mich ein bisschen optimistisch."

Im vergangenen Jahr war es so, dass der FC Bayern, seinerzeit noch mit Carlo Ancelotti, den Madrilenen im Bernabéu tatsächlich einen großen Kampf geboten und nach 90 Minuten das 1:2 aus dem Hinspiel aufgeholt hatte. Erst in der Verlängerung verloren die Münchner dann 2:4. Es ist also noch nicht alles vorbei. Vielleicht aber ist es so, dass Real Madrid die bessere Mannschaft ist. Wieder einmal. Da sollten sich die Bayern nicht allzu große Illusionen machen.

Quelle: n-tv.de

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