Fußball

"Gab schon größere Geschichten" Ronaldo lässt die Bayern kollabieren

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Cristiano Ronaldos zweites Tor gegen die Münchner war sein 100. im Europapokal insgesamt.

(Foto: AP)

Der FC Bayern spielt im Viertelfinal-Hinspiel der Fußball-Champions-League eine richtig gute Halbzeit gegen Real Madrid. Doch mit dem Pausenpfiff schwindet jegliches Vertrauen in die eigene Stärke und die Münchener erleben einen brutalen Kontrollverlust.

Arturo Vidal und die Wucht. Das war so eine Geschichte am Mittwochabend in der Allianz-Arena in München. Als der FC Bayern im Viertelfinal-Hinspiel der Fußball-Champions-League auf Real Madrid traf. Es wäre womöglich sogar die Geschichte des Spiels gewesen, wenn er denn mit der Wucht etwas besser umgegangen wäre und wenn da nicht wieder einmal dieser Cristiano Ronaldo gewesen wäre. Dieser zigfache Weltfußballer, der sich im Alltag zunehmend häufiger damit auseinandersetzen muss, nur noch ein sehr guter, kein überragender Kicker mehr zu sein, der aber immer noch und jederzeit in der Lage ist, ein Spiel zu entscheiden. So wie er es gegen den deutschen Rekordmeister gemacht hat.

Mit zwei einigermaßen unspektakulären Toren (47./77. Minute) zum 2:1-Sieg vor 70.000 Zuschauern im ausverkauften Stadion in Fröttmanning. Den Treffer für die Münchner hatte übrigens Vidal erzielt. Per Kopf. Mit Wucht (25.). Mit noch mehr Wucht hatte der Chilene kurz vor der Pause eine schöne Pointe und eine noch schönere Ausgangsposition der Gastgeber vergeben, als sein Speedgeschoss vom Elfmeterpunkt über den Kasten von Reals Keylor Navas hinwegfegte. Doch so banal sich das Zusammenkommen des Ergebnisses liest, so tiefer werden die Bayern in die Analyse einsteigen müssen. Vor allem in die der zweiten Halbzeit. Denn in jenen 45 Minuten erlebte der FCB einen fatalen Kontrollverlust, der selbst das klägliche 2:2 der vergangenen Saison im Achtelfinale gegen Juventus verblassen lässt.

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Nur den teilweise überragenden Paraden von Manuel Neuer haben es die Münchner zu verdanken, dass sie nicht komplett hoffnungslos ins Viertelfinal-Rückspiel gehen.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Doch so hilflos das auf dem Platz nach Wiederanpfiff auch wirkte, so optimistisch sind die Männer von Coach Carlo Ancelotti, dass es im Rückspiel zu einem guten Ende kommen wird, sprich zum sechsten Halbfinale in Serie. "Am Dienstag gilt volle Kraft voraus, es ist noch alles möglich. Wir haben die Qualität, die Leidenschaft und das Rüstzeug, um auch in Madrid zu gewinnen. Im Fußball gab es schon größere Geschichten. Wir tun alles dafür, dass wir das Ding noch umbiegen", sagte Thomas Müller, der den verletzten Robert Lewandowski in der Spitze vertreten musste, und sowohl mit der Position als auch der Rolle arg fremdelte.

"La bestia negra" kommt nicht aus München

Freilich hat es spektakuläre Ereignisse gegeben, als einen 1:2-Rückstand aus dem Hinspiel noch zu drehen. Sogar in der heurigen Saison, als der FC Barcelona in der letzten Runde Paris St. Germain nach einem 0:4 beim Wiedersehen noch mit 6:1 demütigte. Einen solchen Furor werden die Bayern in Bernabeu wohl nicht bieten. Zumindest nicht die Bayern, die in Hälfte zwei jeden Zugriff auf das Spiel und jede Ordnung im Spiel verloren und sich das auch noch mit gleich drei Schlüsselszenen schönredeten: "Wir hatten kurz vor der Pause die Möglichkeit durch den Elfmeter auf 2:0 zu stellen. Danach waren wir kurz nach der Halbzeit einmal unachtsam. Das hat uns schon ein bisschen aus dem Tritt gebracht. Dann kam die Gelb-Rote Karte und das Spiel ist komplett in die andere Richtung gekippt."

An den aufgezählten Fakten lässt sich wenig korrigieren, wohl aber am zeitlichen Ablauf. Denn der Kollaps des FC Bayern setzte nicht erst mit dem Platzverweis (61.) gegen den bis dahin sehr guten, allerdings beim Gegentor zum 1:1 gegen Ronaldo zu spät gekommenen Javi Martinez ein. Bereits mit dem Wiederanpfiff schien den Münchenern urplötzlich und nach der mutigen ersten Hälfte völlig überraschend in die Köpfe zu schießen, dass sie nun nicht mehr "La bestia negra", die "schwarze Bestie" seien werden, sondern ihre spanischen Gegenüber. Die hatten tatsächlich die farblich entsprechenden Trikots an und spielten fortan auch so, wie es sich dafür gehört. Mit einem Cristiano Ronaldo, der von links ins Zentrum rückte und dort das Spiel eilig kippen ließ.

Nicht nur wegen dieses Treffers. Und auch nicht nur wegen seines zweiten Tores an diesem Abend (77.), seinem 100. im Europapokal insgesamt. Nein, Ronaldo war es auch, der Martinez mit all seiner Cleverness zu der folgenschweren Grätsche zwang, die die Bayern so dezimierte, dass sie sich offenbar nicht mehr in der Lage sahen, sich anständig zu wehren. "Die Gelb-Rote Karte war der Genickbruch. Aber Manuel hat uns im Spiel gehalten, so dass wir noch alle Chancen im Rückspiel haben. Aber in Madrid müssen wir mehr zeigen", erklärte Kapitän Philipp Lahm. Tatsächlich war es so, dass der gerade erst von einer Verletzung wiedergenesene Manuel Neuer in der zweiten Halbzeit gleich mehrfach überdurchschnittlich gut mitspielen musste, um eine höhere Pleite und damit den vorzeitigen Knockout zu verhindern. "Es ist bitter", sagte er später. "Wir hatten uns eine andere Ausgangslage erhofft. Wir müssen ein bisschen cooler und cleverer auftreten." Das klingt irgendwie ein bisschen niedlich. War's aber nicht.

"Man kann auch mit zehn Mann anders verteidigen. Viel besser, als es die Bayern gemacht haben. Ich habe das Gefühl gehabt, dass die Spieler das abschenken. Mit dem 2:1 wurde es noch schlimmer. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Bayern wirklich versucht haben, ein vernünftiges Ergebnis über die Zeit zu bringen", schimpfte indes der ehemalige Mia-san-mia-Prototyp Oliver Kahn in seiner Expertenrolle beim ZDF. Nicht ganz so drastisch beklagte auch Thomas Müller das identifizierte Mentalitäts-Dilemma. "Ich glaube, dass wir nicht die einhundertprozentige Überzeugung hatten, dass wir die bessere Mannschaft sind."

Die waren sie, allerdings nur 45 Minuten. Bis Cristiano Ronaldo kam und Arturo Vidal die Geschichte klaute.

Quelle: n-tv.de

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