Fußball

Abstieg nicht mehr aufzuhalten Die Leiden des jungen Werder(-Fans)

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Weiß nicht mehr weiter: Florian Kohfeldt und dem SV Werder Bremen scheint in der Bundesliga nichts mehr zu gelingen.

(Foto: imago images/Poolfoto)

Werder Bremen spielt nach der Corona-Pause genauso schlecht wie vorher. Der Offensive mangelt es an Ideen und Durchschlagskraft, die Abwehr agiert stümperhaft. Den Fans wird bei dieser Spielweise langsam klar: Sie müssen sich auf den ersten Abstieg seit 40 Jahren einstellen.

Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang Goethe erzählt vom Rechtspraktikanten Werther, der wegen seiner unglücklichen Liebesbeziehung zu Lotte Suizid begeht. Auch Werder Bremen leidet schon seit längerem: an einer unglücklichen Liebe zu einem immer erfolgloseren Trainer und an konstant amateurhaften Auftritten. Werders Selbstmord in Form vom Abstieg in die Zweite Liga scheint mittlerweile genauso festzustehen wie Werthers Ende - weil sich niemand wirklich dagegen stemmt.

Die Bremer Mannschaft beginnt am Montagabend gegen Bayer Leverkusen tief stehend. Bloß kein frühes Gegentor. Zwar fällt damit jeglicher Offensivdrang weg, aber immerhin: Werder lässt kaum etwas zu gegen kombinationssichere Leverkusener. Das hat aber eher damit zu tun, dass die Werkself sich den Gegner bis zur 28. Minute nur zurechtgelegt hat, um dann mit einer simplen Aktion zuzuschlagen. Aushilfslinksverteidiger Marco Friedl lässt Moussa Diaby an die Grundlinie ziehen und flanken, in der Mitte steigt niemand hoch außer Kai Havertz und schon steht es 1:0.

Dass eine einfache Flanke eine so große Bedrohung für eine Bundesliga-Hintermannschaft darstellen kann, dürfte Werder-Fans bereits Kopfschmerzen bereitet haben. Aber dass nach dem schnellen Bremen Ausgleichstreffer postwendend der nächste Kopfball zum erneuten Rückstand führt, schaffen derzeit wohl nur die Nordlichter. Wie vor der Corona-Pause ist es mal wieder ein Gegentor nach einer Standardsituation - der 18. bereits. Wieder beweist Werder bundesligauntaugliches Timing, wieder darf Havertz völlig unbedrängt einnicken.

Kein Kampf, kein Aufbäumen

Anschließend kommt von Werder weiterhin wenig. Der Spielaufbau ist behäbig und ängstlich, das Flügelspiel ist nicht präsent, sodass Mittelstürmer Davie Selke dadurch erst gar nicht zur Geltung kommen kann. Nach einem herausragenden Pass von Milos Veljkovic gelingt Leonardo Bittencourt frei vor dem Keeper fünf Meter über das Tor zu zielen. Zum Haare raufen. Manch Werderaner wird sich bei einem Abstieg freuen, dass wenigstens die Kaufpflicht von sieben Millionen Euro für den konstant schwachen Leihspieler entfällt.

Anfang der zweiten Hälfte werden jegliche Bemühungen Werder Bremens schnell im Keim erstickt: Die Mannschaft verspielt vorne mehrere gute Möglichkeiten, ohne auch nur ansatzweise gefährlich zum Torabschluss zu kommen. Und hinten fängt sie sich im Stile eines Absteigers das 3:1. Wieder hält niemand in der Bremer Abwehr es für nötig, zum Kopfball hochzusteigen, sodass diesmal Mitchell Weiser - nicht gerade als Ungeheuer der Lüfte bekannt - völlig blank die Stirn hinhält. Der Genickbruch - für Werder. Nun geht gar nichts mehr, die Köpfe der Werder-Spieler hängen sackschwer nach unten. Wäre das Stadion nicht ohnehin schon leer, die Fans hätten auch ohne Corona entsetzt geschwiegen und realisiert, dass ihr Team wohl nicht mehr gut genug für die Bundesliga ist.

Das Beängstigende: Nach Weisers Treffer sind noch 30 Minuten zu spielen, aber es wirkt, als hätten die Männer von der Weser sich aufgegeben. Kein Kampf, kein Aufbäumen, kein Kratzen und Beißen. "Wir haben gestern nicht eklig genug gespielt", schimpft Neu-Anführer Kevin Vogt einen Tag danach im Werder-Strom-Talk. "Ich wünsche mir von den Jungs, dass sie da genauso denken. Es muss in den Zweikämpfen auch mal richtig rauchen." Es sagt einiges über eine Mannschaft aus, dass es ein in der Winterpause geholter Leihspieler ist, der auf den Tisch haut. Werder wirkt leer und harmlos - nicht nur auf dem Spielfeld. Lautsprecher Max Kruse beispielsweise hätte schon längst vehement Alarm geschlagen.

"Es hat nicht gereicht"

Trainer Florian Kohfeldt wiederholt zwar seit einem guten halben Jahr, dass er intern Fehler kritisch anspricht, aber möglicherweise tut er das nicht mit der nötigen Heftigkeit und in der richtigen Art und Weise. Der trostlose Auftritt führt deshalb sogar dazu, dass sich Werder-Fans die Frage stellen: Ist Kohfeldt, den vor einem Jahr noch die halbe Bundesliga haben wollte und an dem Bremen in (vielleicht zu) romantischer Art und Weise auch jetzt wieder festhält, eventuell doch ein schlechter Trainer? War sein Lauf mit Werder, der 2019 noch fast bis ins europäische Geschäft führte, doch nur der Extraklasse von Kruse und Milot Rashica geschuldet? Hemmt die unglückliche Liebe mit dem Coach die Mannschaft?

Fragen, deren Beantwortung wohl ohnehin zu spät käme. Nach dem 1:4 ist das rettende Ufer bereits neun Punkte entfernt und auch der Tabellensechzehnte aus Düsseldorf schon fünf Punkte enteilt. Werder hat zwar noch das Nachholspiel gegen Eintracht Frankfurt, aber nach dem erneuten bundesligauntauglichen Auftreten glaubt wohl kaum noch jemand in Bremen daran, dass der erste Abstieg seit 1980 verhindert werden kann.

Bremens Kapitän Niklas Moisander fasst die Problematik im Anschluss an die Partie gegen Leverkusen passend zusammen: "Wir haben alles gegeben, aber es hat nicht gereicht." Das ist die Realität, die nun auch die Fans anerkennen. Selbst wenn Werder alles gibt, ist es nicht mehr gut genug für die Bundesliga. Seit Anfang der Saison leidet Bremen bereits vor sich hin. Und ähnlich, wie Werther bei Goethe sich mehr und mehr dem Selbstmord nähert, ist für Werder das Leiden wohl nach den neun verbleibenden Spielen ebenfalls zu Ende.

Quelle: ntv.de