Fußball

Nächstes DFB-Drama um Reus WM-Fragezeichen: Wohin mit Müller, Kimmich und Götze?

Torschutze Joshua Kimmich (l) und Thomas Müller jubeln über das 1:0.

Torschutze Joshua Kimmich (l) und Thomas Müller jubeln über das 1:0.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Der Countdown läuft. Am Donnerstagmittag nominiert Hansi Flick seinen finalen Kader für die Fußball-WM. 26 Spieler darf und wird er mitnehmen. Zuletzt bekannte der Co-Trainer Danny Röhl, dass große Teile des Aufgebots bereits klar sein. Überraschungen und prominente Enttäuschungen nicht ausgeschlossen. ntv.de schaut vorab noch einmal auf die größten Fragen beim DFB-Team.

Wie ist die Lage im Tor? Die Hierarchie zwischen den Pfosten ist klar. Wenn, ja wenn, die Schulter der Nation stabil bleibt. An Manuel Neuer, das hat Bundestrainer Hansi Flick ja bereits in seiner Bayern-Zeit sehr klargemacht, geht kein Weg vorbei. Aber die Lage ist eben so: Wie schon vor acht Jahren, vor dem Triumph in Rio, zickt der Körper, zickt die Schulter, des Titanen rum. Am Samstag gab er sein Comeback gegen Hertha BSC - danach war er glücklich, dass alles gut gelaufen war. Auch einen kleinen Trainingsschreck, als er auf die gesunde Schulter gefallen und Schmerzen verspürt habe, sei verdaut. "Da habe ich kurz gedacht: Uups, was ist jetzt los?"

Spannend wird die deutsche Torwartfrage also nur, wenn Neuer passen muss. Mit Marc-André ter Stegen, dem deutschen "Prinz Charles", steht die Nummer 1b seit Ewigkeiten in der Warteschlange und wäre aufgrund der Geschichte und natürlich seiner Leistungen beim FC Barcelona die logische Nummer zwei. Aber es gibt da ein kleines Problem: Kevin Trapp spielt mit Eintracht Frankfurt eine phänomenale Saison und dürfte ebenfalls sehr berechtigte Ansprüche anmelden, sollte der unersättliche Neuer tatsächlich ausfallen. Wer als vierter Mann, so plant Flick, mitfährt, das ist noch unklar. Im Verteiler: Oliver Baumann und Bernd Leno. Sagen wir mal so: Über das Wohl und Wehe der WM wird diese Personalie nicht entscheiden. Da in der Vergangenheit immer wieder berichtet wurde, dass es zwischen Leno und ter Stegen atmosphärisch nicht so passt, könnte das den Ausschlag geben. Zumal der Bundestrainer und sein Team bei der Auswahl des Kaders auch solche Dinge berücksichtigen.

Wie ist die Lage in der Abwehr? Die Null muss stehen. So einfach ist das. Weniger einfach aber stellt sich die Lage in der Abwehr dann tatsächlich dar. Die Not soll so groß sein, dass Flick in den letzten Wochen sogar bei Ex-Nationalspieler Jonas Hector vorstellig geworden sein soll. Der Kölner aber hatte ein Comeback ausgeschlossen und den Bundestrainer somit wieder einmal an Joachim Löws Leitmotiv erinnert. Einen Linksverteidiger könne man sich "nicht schnitzen", sagte er einst mit Blick auf den Dortmunder Marcel Schmelzer. Bei der Brasilien-WM 2014 beantwortete er die Frage nach Außenverteidigern mit vier Innenverteidigern.

Ein denkbares Modell auch für Katar? Ja klar, warum denn nicht! Mit Real Madrids (noch verletztem) Gladiator Antonio Rüdiger und dem wiedererstarkten, meinungsstarken Teamstimmungsrisiko Mats Hummels stände ein Heldengrätscher-Bollwerk im Zentrum. Zugegeben, die schnellste Variante wäre das nicht. Flankiert werden könnte der innere Block mit den Dortmunder Hummels-Kollegen Nico Schlotterbeck (links) und Niklas Süle (rechts). Der ehemalige Münchner weiß aus bester Erfahrung, wie man als Rechtsverteidiger Titel gewinnt. Bei Bayern München füllte er die Rolle oft und gut aus! Trainer damals: Hansi Flick. Möglich wäre auch, wenn Hummels gar nicht dabei sein sollte, dass Joshua Kimmich seinen bayrischen Stolz ablegt und sich doch wieder der ungeliebten Aufgabe in der Kette stellt. Er kann das. Vielleicht besser als jeder andere im Kader. Aber er ist Kimmich.

Aber wer ist denn überhaupt noch dabei? Ridle Baku vom VfL Wolfsburg? Oder aber Mitchell Weiser von Werder Bremen? Beide waren zuletzt in starker Form. Und im RTL-Interview hatte Flick ja durchblicken lassen, dass auch Spieler in Betracht kommen, die bisher nicht in Erscheinung getreten sind. Aber ordnen wir es mal realistisch ein: Ihre Nominierung/Nominierungen wären eine Sensation. Andere Optionen: Innenverteidiger Matthias Ginter, der formstarke Freiburger, Jonas Hofmann, der polyvalente Gladbacher, oder Thilo Kehrer, der Allrounder von West Ham United. Alles ausprobiert, für tauglich befunden. Aber nie als Königslösung gebrandet. David Raum geht nach seinem Wechsel von Hoffenheim zu Leipzig den sportlichen Nico-Schulz-Weg. Das ist kein guter Weg. Auch Robin Gosens, der 2021er-Überflieger, ist bei Inter Mailand längst hart gelandet.

Wie ist die Lage im Mittelfeld? Eigentlich doch fantastisch. Mit Jamal Musiala weiß Deutschland die globale Fußball-Sensation in seinen Reihen. Neben dem englischen Borussen Jude Bellingham dürfte er der größte "Rising Star" des Turniers werden. Und hätte Louis van Gaal noch etwas zu sagen (hat er, aber nur bei den Niederländern), dann wäre es das hier: Musiala spielt immer. Er muss. Weil er der beste und formstärkste Mann ist. Weil er unberechenbar ist. Weil er dribbeln, vorbereiten und treffen kann. Ein fantastisches Paket. Aber wo spielt er? Auf der Acht? Auf der Zehn? Und wer muss dann gehen? Thomas Müller vielleicht, der notenbeste Nationalspieler (laut "Kicker"). Nun, noch ist er angeschlagen und nicht fit. Das wäre ein gutes Argument. Aber der 33-Jährige bietet ebenfalls etwas Besonderes: Kommunikationsstärke, Pressingwucht und brutale Erfahrung.

Die Aufstellung im Mittelfeld wird ein spannendes Puzzle. Zumal auch klar ist: Neben Musiala muss auch Leon Goretzka immer spielen. Kein Spieler rennt so dynamisch und gewinnbringend zwischen beiden Strafräumen umher, wie der gebürtige Bochumer. Er ist der Power Tower im deutschen Spiel. An seiner Seite steht seit jeher Kimmich (siehe oben und unten). Eine galliger Stratege, aber kein Abräumer. So ein echter Sechser, der fehlt. Auf der Liste, die ja nur noch halb geheim ist, soll der Unioner Rani Khedira stehen. Ein Malocher, ein Verdichter, ein lebendes Stoppschild. Wie einst sein Bruder Sami, der 2014 Weltmeister wurde. Auch ein Mann, der das kann: Sebastian Rode. Das Mentalitäts- und Arbeitsmonster von Eintracht Frankfurt ist zwar körperlich labil, aber sportlich ein Gewinn. Weil er unermüdlich ist, gierig und sich nicht und nie schont. Aber dann ist da immer noch Kimmich. Der gesetzt ist, der aber den Ball manchmal zu oft hält und hinter dem sich bei Ballverlusten klaffende Löcher auftun. Vielleicht doch nach hinten rechts? Ach, das Ego!

Aber zurück nach Frankfurt: Was ist mit Mario Götze? Von allen Seiten wird der furiose Spielmacher ins DFB-Team gequatscht. Hymnen über Hymnen werden über seine Auferstehung gesungen. Als Achter beflügelt er das Spiel seiner Mannschaft. Diese Rolle wäre im Flick'schen 4-2-3-1-System so nicht vorgesehen. Als Joker dann? Könnte eine gute Idee sein, niemand weiß das besser als der Bundestrainer. Außerdem wäre für die offensive Achter-Rolle ja noch İlkay Gündoğan da. Wohin eigentlich mit ihm? Es ist die ewige Frage. Als Sechser ist er verschenkt. Und so offensiv, wie er bei Manchester City spielt (und glänzt) wird er im DFB-Team fast nie eingesetzt. Wenig Diskussionen auf den Außenbahnen: dort spielen Unterschiedsfußballer Leroy Sané und der wankelmütige Serge Gnabry. Oder Musiala, wenn Müller in der Mitte spielt.

Wie ist die Lage im Sturm? Timo Werner fehlt. Das ist schlecht. Weil er unter Hansi Flick viele Tore geschossen, allerdings auch viele Chancen liegen ließ. In Leipzig aber war Werner zuletzt sehr gut unterwegs, was an Coach Marco Rose lag. Nun, egal. Er kann nicht mitmachen. Was die Frage aufwirft: Wer macht's? Die naheliegendste und daher wahrscheinlichste Lösung: Kai Havertz. Der Londoner hat sich für die Rolle mehrfach angeboten. Er bringt auch alles mit. Eine herausragende Ballbeherrschung, einen überragenden Schuss und einen guten Kopfball. Die Krux: Havertz agiert weniger wie ein klassischer Neuner, eher wie eine hängende Spitze. Das führt dann gerne mal zur Abwesenheit im wichtigen Raum.

Als Alternativen drängen sich zwei Spieler ohne jede Erfahrung auf: Dortmunds Sensations-Teenager Youssoufa Moukoko, der je näher die WM rückt, immer besser wird. Das Spiel gegen den VfL Bochum am Samstag war ein herausragendes Bewerbungsschreiben. Von denen hat der Bremer Niclas Füllkrug in dieser Saison ebenfalls reichlich abgeschickt. Flick hat sie gesehen und bekannt, dass der 29-Jährige etwas habe, was es im DFB-Team so noch nicht gibt. Vermutlich auch dabei: Lukas Nmecha vom VfL Wolfsburg. Der bullige Stürmer hat ebenfalls gut in die Saison gefunden und wird von Flick geschätzt. In Brighton wartet derweil die offensive Allzweckwaffe Pascal Groß auf einen Anruf. Der trifft ja sogar als Rechtsverteidiger.

Und sonst so? Es droht das nächste große Drama. Und wieder droht es Marco Reus. Der Körper des Dortmunder Kapitäns ist seit jeher zerbrechlich. Und ganz besonders, wenn ein großes Turnier ansteht. Dieser herausragende Spieler, der einer der größten der deutschen Geschichte hätte sein können, wird wohl einer der tragischsten. Es ist noch ein Spiel auf Zeit, ein Drama aber wahrscheinlicher als ein Happy End. Seine Karriere bleibt ein großes "Hätte". Schade für einen der größten internationalen Stars des Landes. Für einen anderen Dortmunder, das ewige Versprechen Julian Brandt, scheint immerhin ein Kaderplatz reserviert. Den soll es auch für eine der großen Geheimhoffnungen Flicks geben.

Noch dreht er seine Runden auf den Nebenplätzen der BayArena in Leverkusen, doch schon bald könnte er in Katar groß auftrumpfen: Das hofft Flick zumindest, wenn er an Youngster Florian Wirtz denkt. Das Supertalent von Bayer Leverkusen hat zwar wegen eines Kreuzbandrisses seit einem halben Jahr nicht mitwirken können, soll aber irgendwie doch noch mit nach Katar. Seine Qualitäten hebeln das Prinzip der Leistung aus. Aber gut, das war in der deutschen Fußballgeschichte immer mal wieder so.

Quelle: ntv.de

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