Fußball

Da gibt's nichts zu lachen Die überraschende Klugheit der Schalker

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(Foto: RHR-FOTO)

Der Kampf um den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga wird für den FC Schalke 04 eine sehr schwere Angelegenheit. Aber womöglich hat der Klub gerade noch rechtzeitig die sportlich wohl größten Defizite mit einer kleinen Transferoffensive behoben.

Es ist ein Brasilianer! Ja, tatsächlich. Die rechte Außenbahn, vornehmlich der defensive Bereich, des FC Schalke 04 wird in den kommenden Monaten von einem Südamerikaner beackert. Und doch bedeutet dieser Transfer einen krachenden Stilbruch in der winterlichen Einkaufspolitik des Tabellenletzten der Fußball-Bundesliga. Denn entgegen aller Gerüchte kehrt nach Sead Kolasinac und Klaas-Jan Huntelaar nicht der nächste Ehemalige heim, nein, der Brasilianer auf rechts ist nicht der alte Rafinha. Es kommt tatsächlich ein Ortsfremder. Es kommt William. Aus Wolfsburg. Nun, auch um den gab's reichlich Gerüchte. Sie haben sich bestätigt. Und womöglich ist auch die Idee mit dem 25-Jährigen keine schlechte.

Womöglich haben die Schalker nach einem Jahr voller falscher Entscheidungen und eines sportlich beinahe historischen Horrortrips plötzlich viel mehr richtig gemacht, als der oberflächliche Blick auf die dringend benötige Kaderkorrektur offenbart. Klar, einen Kolasinac konnten die Königsblauen ja nur verpflichten, weil er beim FC Arsenal verzichtbar war. Einen Huntelaar gab's nur, weil er für Ajax Amsterdam längst nicht mehr für die Rolle des Sturmchefs taugt und nach dem Transfer von Sébastien Haller sowie der Genesung zahlreicher offensiver Stammkräfte vermutlich noch geringe Joker-Einsätze bekommen hätte. Und William, ja, der war sehr lange verletzt (Kreuzbandriss) und in Wolfsburg hinten rechts nur noch die Nummer drei. Das klingt in Summe also eher nach einem gewaltigen "Kann-klappen-muss-aber-nicht"-Risiko. Und wurde bereits mancherorts (Soziale Medien, Kommentare) belächelt.

Aber tatsächlich haben die Schalker aus ihren eigentlich nicht vorhandenen Möglichkeiten ziemlich viel gemacht. Natürlich mit einem großen Risiko. Aber ohne das geht's halt nicht, wenn kaum Geld verfügbar ist. Und so lindern die drei Transfers gleich mehrere Sehnsüchte der Königsblauen. Ganz vorneweg die nach Führung und Identität. Für beides stehen Kolasinac und Huntelaar. Den bosnischen Linksverteidiger feiern sie in Gelsenkirchen als "personifizierten Wahnsinn." Und in jener Rolle sorgt er bislang offenbar dafür, dass der lange trüb vor sich hintrabende Amine Harit nun den Glauben an die eigene Genialität wiederentdeckt, kämpft, rennt, trickst, wobei das gelegentlich noch in absurden Dribblings endet. Aber ein formstarker Harit, das würde bei S04 sehr viel sehr viel wahrscheinlicher machen im Abstiegskampf.

Selbst wenn die Konkurrenz aus Mainz mit Danny da Costa und Dominik Kohr (beide ausgeliehen von Eintracht Frankfurt) sowie aus Köln mit dem Sturm-Talent Emmanuel Denni (ausgeliehen vom FC Brügge) ebenfalls kluge Ergänzungen des Kaders getätigt hat.

Warum die Neuen weiterhelfen

Und Huntelaar, der kennt den Klub. Der liebt den Klub. Der lebt den Klub. Auf ganz andere Art zwar als Kolasinac. Nicht ganz so wahnsinnig, dafür als positive Persönlichkeit und als Stürmer mit einem immer noch sehr intakten Torinstinkt. Zwar sind mangelnde Tore dank Matthew Hoppe gerade nicht das ganz große Problem der Gelsenkirchener - das liegt in den vogelwilden Aussetzern der Abwehr -, aber es ist immer gut, noch einen zweiten Mann im Kader zu haben, der Spiele entscheiden kann. Tja und William, der hat sich beim VfL Wolfsburg zwar auch dank seiner Anfälligkeit für Fehler einen Namen gemacht, ist aber ein dynamischer Typ. Und damit genau das, was sich Trainer Christian Gross unbedingt gewünscht hat. Und in Kombination mit dem zweikampfstarken, aber nach vorne doch eher ungefährlichen Timo Becker, kann da auf Rechts was Gutes wachsen. Abwechselnd (je nach Gegner) oder gemeinsam.

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Allerdings muss das alles schnell wachsen. Sportlich und muskulär. Denn bei Kolasinac und Huntelaar zwickte es zuletzt gegen den FC Bayern. Das war nun nicht weiter schlimm. Denn obwohl sich das Team aus Gelsenkirchen gegen den Rekordmeister überraschend mutig gewehrt hatte (taugt zur Hoffnung), wäre das Spiel wohl auch in Schalker Bestbesetzung verloren gegangen. Nun geht's am Wochenende zu Werder Bremen. Die haben sich mit sieben Punkten aus den vergangenen vier Spielen zwar (vorerst) aus dem Tabellenkeller verzogen, sind aber ein Gegner, der aus Schalker Sicht unbedingt geschlagen werden muss, um den nächsten derben Dämpfer bei der schwierigen Rettungsmission zu vermeiden.

Womöglich kann ein Sieg dort gar die große Wende bringen. So sieht es Manuel Neuer, der Ex-Schalker, der bekanntermaßen seit Jahren das Tor des FC Bayern weltbestens behütet: "Den Schalkern fehlt einfach ein richtiger Erfolgsmoment. Gegen eine Mannschaft wie uns wird es echt schwierig. Aber wenn sie gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte zwei- oder dreimal hintereinander gewinnen, kann sich das Blatt noch wenden", befand er nach dem 4:0-Sieg des Rekordmeisters auf Schalke am Sonntag. "Es wird schwierig für Schalke. Aber ich drücke alle Daumen." Vielleicht auch ein bisschen für ihn selbst, denn das Szenario "nie wieder gegen Schalke" ist für den gebürtigen Gelsenkirchener weiterhin absolut realistisch - trotz mutmaßlich ein paar überraschender und richtig kluger Entscheidungen der Königsblauen.

Quelle: ntv.de