Fußball

Eklat im Stadion mit Ansage Diese Ungarn-Farce blamiert die UEFA gnadenlos

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Bei Geisterspielen erlaubt die UEFA, dass Kinder und Jugendliche ins Stadion kommen - in Budapest waren inklusive Begleitpersonen gestern 30.000 Menschen vor Ort.

(Foto: IMAGO/PA Images)

Die ungarische Nationalmannschaft wird nach diskriminierenden Entgleisungen bei der EM 2021 von der UEFA bestraft. Das Team muss Geisterspiele austragen - dennoch kommen nun 30.000 Zuschauer und blamieren den Verband auf absurde Weise.

In Ungarn war man im vergangenen Sommer sehr empört. Die UEFA sei ein "erbärmliches und feiges" Gremium, schimpfte Außenminister Peter Szijjarto. Den Fußballverband zu drei Geisterspielen zu verhaften, weil sich einige (Anmerk. d. Red.: nicht wenige) Fans bei der Europameisterschaft massiv danebenbenommen hatten, rassistisch und diskriminierend entgleist waren, das sei dann zu viel. Doch die UEFA blieb standhaft, zumindest offiziell, und rückte von der Entscheidung nicht ab.

Wie es aber um die Standhaftigkeit der UEFA bestellt ist, das offenbarte sich am Samstagabend. Als die Ungarn in der Nations League gegen England antraten. Gemäß der Regularien dürfen bei Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit Kinder bis zum Alter von 14 Jahren ins Stadion, wenn sie eingeladen und von einem Erwachsenen begleitet werden. Mehreren Medien zufolge waren bis zu 30.000 Fans im Stadion. Bei einem Geisterspiel. Was für eine Farce!

Und die Ungarn bestraften die "Standhaftigkeit" der UEFA gnadenlos. Mit Pfiffen gegen die Engländer, die vor dem Anpfiff auf die Knie sanken, als Zeichen für mehr Toleranz und Akzeptanz, als Zeichen im Kampf gegen Rassismus. Was besonders schockierend war, selbst die Jüngsten im Stadion, also jene, die erwünscht waren, pfiffen und buhten. Englands Coach Gareth Southgate wollte bei "Channel 4" keine direkte Kritik an den Fans üben, wunderte sich aber. "Wir gehen auch auf die Knie, um Leuten in der Welt etwas zu vermitteln und das Bewusstsein zu schärfen. Die Kinder können nicht wissen, warum wir das tun, aber sie werden offensichtlich von den Erwachsenen beeinflusst."

Ungarns Problem mit der Toleranz

Und von der Führung des Landes, das beim Thema Toleranz eine äußerst seltsame Haltung vorlebt. In bester Erinnerung ist noch der Streit um das untersagte Regenbogenleuchten der Münchner Arena bei der EM, als sichtbares Zeichen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, wie sie von Ungarns Regierungschef Viktor Orbán betreiben wird. Der hatte im Sommer 2021 ein Gesetz erlassen, das "Werbung" für Homosexualität verhindern soll. Als handele es sich bei der Sexualität um eine bewusste Entscheidung. Und es geht auch nicht um "Werbung", sondern darum, jegliche Inhalte über Schwule, Lesben, Transsexuelle, Bisexuelle und queere Menschen aus den Schulen und von der öffentlichen Bühne verschwinden zu lassen.

Statt für Anti-Diskriminierung und Gleichstellung einzutreten, zog sich die UEFA auf Formalien zurück, während es um Menschenrechte ging. Was letztlich dann doch wieder ein klares - wenngleich auch verheerendes - Zeichen war. Richtung Ungarn, an Orbán. Den guten Freund der UEFA. Während sich weite Teile des Kontinents unter der Regenbogenflagge vereinen, greift der Hass in Ungarn um sich. Die Kampftruppe "Carpathian Brigade" zeigte im Stadion LGBTIQ-feindliche Doppelhalter - und sah sich im Spiel gegen Deutschland dem unmissverständlichen Herzchen-Jubel von Leon Goretzka ausgesetzt. Eine Szene, die durch Europa ging. Eine Szene, die gefeiert wurde. Eine Szene, wie sie von der UEFA niemals zu erwarten gewesen wäre.

Ob die UEFA jetzt ernst macht?

Klar, die UEFA hat eingegriffen. Sie hat ermittelt, bestraft und nun Pseudo-Geisterspiele durchführen lassen. Die UEFA wurde blamiert, von einer signifikanten Zahl an Menschen mit Gesinnungen gegen eine freie und offene Gesellschaft. Genau das Verhalten gezeigt, weshalb das Stadion eigentlich leer bleiben sollte. Ob das Konsequenzen hat? Das dritte Geisterspiel ist zur Bewährung ausgesetzt. Schon jetzt hart durchzugreifen, wäre ein starkes Signal des mächtigen Verbands, der in diesen Tagen von einer Schande zur nächsten taumelt.

Beim Champions-League-Finale vergangene Woche war der Einlass der Zuschauer komplett außer Kontrolle geraten. Die UEFA redete sich dabei um Kopf und Kragen, machte den Fans massive Vorwürfe - und entschuldigte sich später kleinlaut. "Kein Fußballfan sollte in eine solche Situation gebracht werden, und es darf nicht wieder passieren", hieß es in einer Erklärung des Kontinentalverbands. Darin wurden die Fans angesprochen, die "beängstigende und erschreckende Ereignisse" vor dem Endspiel in Paris "erleben oder beobachten mussten".

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Die UEFA hatte das Chaos beim Einlass durch das hohe Aufkommen von Fans ohne gültige Tickets erklärt. Die Drehkreuze am Eingang für Liverpool-Fans seien blockiert gewesen, weil Tausende Anhänger mit gefälschten Tickets diese nicht passieren konnten. Fanvertreter kritisieren eine einseitige Darstellung der UEFA. Der Verband betonte unter dem Druck später noch einmal, dass sie eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle unter Leitung des ehemaligen portugiesischen Umweltministers Tiago Brandao Rodrigues eingeleitet habe. Sie soll "Mängel und Verantwortlichkeiten aller an der Organisation des Endspiels beteiligten Stellen ermitteln".

Die UEFA will wieder einmal standhaft sein. Ein gutes Zeichen ist das aber nicht.

Quelle: ntv.de

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