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Der nächste Schlag in den Nacken des BVB - nur 1:1 gegen Apoel Nikosia.
Der nächste Schlag in den Nacken des BVB - nur 1:1 gegen Apoel Nikosia.(Foto: imago/Uwe Kraft)
Donnerstag, 02. November 2017

Leichtgewicht ernüchtert Bosz: Dortmund taumelt in die Krise

Von Felix Meininghaus, Dortmund

Borussia Dortmund schwächelt in der Liga und spielt die schwächste Champions-League-Vorrunde seiner Geschichte. Ausgerechnet jetzt kommt der schwerste aller möglichen Gegner zum Bundesliga-Gipfel ins Revier: Bayern München.

Nach dem Abpfiff gab es für Dortmunds Spieler nur eine Richtung: runter vom Rasen und rein in die Kabine. Kein Zwischenstopp bei den Kameras der TV-Stationen, keine Worte für die Öffentlichkeit, dafür erst einmal sammeln und eine Bestandsaufnahme des wahrlich dürftigen Ist-Zustands vornehmen.

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Als erster wurde Manndecker Ömer Toprak vor die Tür gelassen, um zu erklären, was denn los ist mit dem BVB im beginnenden Herbst, der reichlich ungemütlich zu werden droht. Toprak wirkte bei seinen rhetorischen Bemühungen ähnlich ungelenk wie seine Mannschaft zuvor in 90 dürftigen Minuten, in denen sie gegen Apoel Nikosia nicht über ein 1:1 (1:0) hinausgekommen war. "Was in der Kabine besprochen wurde, bleibt bei uns", sagte der türkische Nationalspieler: "Dass die Enttäuschung groß ist, ist ja klar. Wir müssen jetzt schauen, dass wir den dritten Platz in der Gruppe verteidigen."

"Da müssen wir gemeinsam durch"

Kurz darauf betrat Kapitän Marcel Schmelzer die Szene, auch der Außenverteidiger war nicht zu beneiden um seinen Job, für den blamablen Auftritt gegen ein europäisches Fliegengewicht die richtigen Worte zu finden. Der Außenverteidiger hatte arge Probleme, die rhetorische Balance zu finden. Dortmunds Kapitän rang mit sich, er sprach von einer "etwas schlechten Phase", fand die Worte "zusammenstehen" und "zusammenarbeiten", formulierte reichlich kraftlose Durchhalteparolen, die jene Ratlosigkeit dokumentieren, die alle im Dortmunder Lager ergriffen hat: "Da müssen wir jetzt gemeinsam durch. Mit der Mannschaft, dem Trainer und dem gesamten Team."

Um dann - unvermeidlich - jenen Begriff zu intonieren, den sie beim BVB am liebsten auf den Index setzen würden, aber der sich schon längst nicht mehr vermeiden lässt: "Krise ..." Das Wort war dem 29-Jährigen rausgerutscht, schnell unterbrach er seinen Gedanken, um ihn mit den Worten "schlechte Situation" wieder aufzunehmen.

Kampf um den Trostpreis

Entsetzen in der Chefetage.
Entsetzen in der Chefetage.(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Wie auch immer man die Dinge dreht oder wendet, Borussia Dortmund ist dabei, die seit Wochen grassierende Leistungsdelle zu einer veritablen Krise zu verdichten. In der Bundesliga hat sich der so komfortabel anfühlende Fünf-Punkte-Vorsprung auf den FC Bayern innerhalb von nur zwei Wochen zu einem Rückstand von drei Zählern gewandelt, in der Champions League spielt der BVB die schlechteste Vorrunde seiner Geschichte. Den deutlichen Niederlagen gegen Tottenham Hotspur und Real Madrid folgten zwei peinliche Unentschieden gegen Apoel Nikosia, die sich anfühlen wie schallende Ohrfeigen.

Während die Spitzenteams aus England und Spanien Lichtjahre vom börsenorientierten Fußballunternehmen aus dem Revier entfernt den Gruppensieg unter sich ausmachen, kämpft die Borussia verzweifelt darum, zumindest den Trostpreis zu ergattern und in der Europa League zu überwintern.

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Um die Dinge richtig einordnen zu können, ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, mit welchem Gegner sich die Dortmunder da auf gleicher Augenhöhe auseinandersetzen: Serienmeister Nikosia ist in der Heimat nach einem 1:1 gegen den Tabellenletzten Ethnikos Achnas derzeit nur achter. Und das in einer Spielklasse, die im Vergleich zu den Verhältnissen hierzulande höchstens Drittliganiveau bietet. Im Sturmzentrum schoss mit Mikael Poté im Hin- und Rückspiel ein Spieler zwei Tore, der einst beim Zweitligisten Dynamo Dresden spielte, bevor er über Umwege auf der Ferieninsel landete. Das allein macht schon deutlich: Der europäische Adel, mit dem sich die Dortmunder so gerne messen würden, spielt woanders.

"Das Vertrauen geht runter"

Gegen einen Kontrahenten wie Nikosia in beiden Partien keinen Sieg einzufahren, kommt einem Offenbarungseid gleich. Borussia Dortmund ist in der Champions League gewogen und für zu leicht befunden worden. Der Wind, der dem Revierklub eh schon ins Gesicht bläst, dürfte noch rauer werden. "Gegen solch einen Gegner musst du gewinnen", sagt Trainer Peter Bosz: "Die Phase, in der sich die Mannschaft befindet, ist sehr schwer. Das Vertrauen geht runter."

Bei weiter ausbleibenden Erfolgserlebnissen wird es nicht mehr lange dauern, bis diese Einschätzung auch den Niederländer einholt. Obwohl sie sich in der Mannschaft und auch in der Führungsetage diesem Exkurs zumindest offiziell verweigern, wird seit Wochen darüber diskutiert, ob die Gründe für das Dortmunder Tief auch in dem Umstand zu suchen ist, dass Bosz seine Mannschaft zu hoch verteidigen lässt und sie damit allzu anfällig für Konter macht. Diese Systemdebatte wurde in der Champions League ausgesetzt, weil der mit neun Akteuren verteidigende Gegner aus Zypern dafür keine Ansätze bot.

Bayern kommt zur Unzeit

Schon am Samstag könnten die Fragen nach der Bosz-Taktik schon wieder an Dringlichkeit zunehmen. Die Aufgabe, die dann auf die taumelnde Borussia wartet, könnte anspruchsvoller nicht sein: Dann kommt Rekordmeister Bayern München zum Bundesligagipfel ins Revier (18.30 Uhr im n-tv.de-Liveticker), der unter Altmeister Jupp Heynckes zu neuer Souveränität gefunden hat. Obwohl der Zweite den Ersten empfängt, könnte die Ausgangslage deutlicher nicht sein: Der BVB geht als klarer Außenseiter ins Spiel.

Viel ist es nicht, was den Dortmundern in ihrem jetzigen Zustand Hoffnung machen kann. Toprak spricht von einem "besonderen Spiel, da müssen wir versuchen, gemeinsam eine besondere Energie zu entwickeln". Und Bosz, der trotz einer Situation, die sich auch für ihn immer mehr zuspitzt, erstaunlich gelassen auftritt, bemüht die Erinnerung an bessere Zeiten, die nur wenige Wochen zurückliegen. Fast beschwörend sagt der Niederländer: "Wir haben am Anfang der Saison ein sehr gutes Dortmund gesehen, wir haben sehr gute Spieler. Da ist Qualität."

Quelle: n-tv.de

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