Fußball

Überragend, tragisch und absurd Eine verrückte Horrorshow des FC Bayern

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Was war das denn?!

(Foto: ULMER)

Der FC Bayern muss um die Titelverteidigung in der Champions League bangen - und zwar schon im Viertelfinale. Im Hinspiel gegen Paris St. Germain setzt es eine wilde Heimpleite. Das einzige Reizthema ist das an einem eigenartigen Abend aber nicht.

Es ging um Jérôme Boateng. Und um Manuel Neuer. Und um Niklas Süle. Und um Hansi Flick. Und um Hasan Salihamidzic. Und um Thomas Müller. Ein bisschen ging's auch um Eric Maxim Choupo-Moting und Joachim Löw. Und natürlich auch um die Champions League. Damit auch um den FC Bayern und um Paris St. Germain. Um Kylian Mbappé und um Mauricio Pochettino. Hallo? Noch da? Okay, ist auch alles ein bisschen viel, aber nun gut, so war's halt an diesem Mittwochabend in der Münchner Arena, als der deutsche Rekordmeister im Viertelfinale auf die Milliardentruppe aus Frankreich traf. Das Ergebnis, 2:3 (1:2) ging's aus, war (fast) noch das Belangloseste an einem Abend, der für den FC Bayern in einem kuriosen Zwischenraum endete, irgendwo zwischen überragend gut, katastrophal bitter und absurd komisch.

Hallo? Noch da? Okay, ist tatsächlich alles ein bisschen viel. Und bedarf eines höchsten Maßes an kritischer Beobachtung. Also, das Ergebnis ist ziemlich blöd. So viel Einigkeit besteht bei allen, die dem FC Bayern zugeneigt sind. Und es ist keine gefühlte Wahrheit, sondern eine, die sich prima auf Fakten stützt. 31 Mal schossen die Männer von Trainer Flick auch ohne den verletzten Weltfußballer, Tormaschine, Fabelrekordjäger Robert Lewandowski und den positiv auf Corona getesteten Serge Gnarby aufs Pariser Tor, nur zweimal landete der Ball trotz allerbester Gelegenheiten (Aluminium, knapp vorbei, stark pariert) dort, wo er landen sollte. Im Netz.

Dass Choupo-Moting einen der beiden Treffer erzielte, den zum 1:2, war eine schöne Geschichte, denn Choupo-Moting war ja erst im Sommer aus der französischen Hauptstadt nach München gewechselt. Und dort in seiner zugewiesenen Rolle als Ersatz von Lewandowski bisher zwar solide, aber doch eher unauffällig. Dass Müller das zweite Tor erzielte, war ebenfalls eine schöne Sache. Zumindest für die Anhänger der ewigen Comeback-Saga rund um die Nationalmannschaft.

Löw sah Müller und Draxler

Deren Chefanleiter, Joachim Löw, war dann auch mal wieder im Stadion zugegen und sah, was dieser Müller alles kann: Tore schießen, wild wuseln, sich von einer kräftig blutenden Wunde nicht abschrecken lassen und ein Pressing anleiten. Aber er sah auch, wie Müller sich kurz vor Schluss aus guter Position den Ball selbst ans Bein schoss. Passte irgendwie zu diesem kuriosen Abend, an dem Löw übrigens erklärte, dass er nach der letzten Blamage mit der Nationalmannschaft gegen Nordmazedonien (noch) nicht an einen sofortigen Rücktritt gedacht habe. Gut, das kam etwa so überraschend, wie die Ansage, dass er auch (noch) nicht entschieden, ob er Müller mit zur Abschieds-EM nimmt.

Unbeantwortet ist dieses Thema auch für Julian Draxler, der an der letzten Zusammenkunft des DFB-Teams seit Ewigkeiten mal wieder nicht teilnehmen durfte. Er selbst würde schon gerne, aber mal sehen. Weniger Fragezeichen stehen hinter Süle, dem verhinderten Abwehrchef des FC Bayern und der Nationalmannschaft. Warum er unbedingt mit muss, konnte er gegen Paris nicht beantworten. Er warf eher die Frage auf, ob er wirklich unbedingt mit muss. Beim ersten Gegentor durch Mbappé agierte er gegen Passgeber Neymar viel zu passiv und war dann zu weit weg vom Torschützen.

Der Fehler wäre wohl nicht sonderlich hängengeblieben, hätte Neuer den Schuss nicht mittig unter sich durchflutschen lassen. Bittere Sache. Noch viel bitterer wurde es beim 0:2 durch Marquhinos. Nach einer geklärten Aktion schaltete Süle gänzlich ab, trabte als letzter Mann mit hängendem Kopf nach vorne. Ja, mit HÄNGENDEM KOPF! Neymar schubste den Ball sofort gekonnt zurück in die Gefahrenzone, Tor. Neuer ohne Chance. Aber die Schuldfrage war ja ohnehin geklärt.

Dass Süle dann auch noch verletzt runtermusste, ebenso übrigens wie Leon Goretzka, was wiederum Joshua Kimmich lautstark nervte, weil sein Team fünf Minuten in Unterzahl spielte - schlimmer kann so ein Abend (Stichwort Süle) nicht laufen. Für ihn kam Boateng. Der ist ja laut Uli Hoeneß kein Mann mehr für die DFB-Elf. Und laut Sportvorstand Hasan Salihamidzic auch kein Mann mehr für den FC Bayern. Was die Welt dank des "Kicker" schon wusste, bestätige der Bosnier vor Anpfiff. Garniert mit der pikanten Information, dass Flick in diese Entscheidung eingebunden war. Dass dieser aber noch am Tag zuvor ein flammendes Mini-Plädoyer für den Verteidiger gehalten hatte - vermutlich ein kommunikatives Missverständnis. Oder doch ein Widerspruch? Und damit neues Zoff-Potenzial in dieser Beziehung die im allerbesten Fall nur kompliziert ist. Vermutlich ist sie viel schlimmer.

Über den verkündeten Abgang direkt vor Anpfiff (und ob so etwas ablenke oder störe), dazu jedenfalls hat Flick eine sehr deutliche Meinung und sie war nicht sehr freundlich: "Ich muss hier professionell auf Fragen antworten, und alles muss ich auch nicht beantworten, weil ich es nicht möchte. Ich muss da auch ein bisschen schauspielern, auch das gehört zum Trainerjob."

"Müssen an der Effizienz arbeiten"

Nun, Boateng spielte lang sehr ordentlich. Wie er es unter Flick ja allermeistens tut. Dass er aber beim entscheidenden 2:3 ziemlich steif gegen den geschmeidigen Mbappé agierte und sich auch noch tunneln ließ, tja. Fast schon süle'sch bitter. Kurios auch: Der zweite Treffer des 22-Jährigen war bereits der 50. Gegentreffer im 42. Pflichtspiel der Münchner. Zahlen, die sonst eher dem FSV Mainz 05 oder Arminia Bielefeld zugeschrieben werden. Zum Thema machen wollten sie das hernach nicht.

Müller beispielsweise stimmte dann eher ein hymnisches Klagelied auf Topspiel und Chancenwucher an. "Wir müssen deutlich mehr Tore machen. Wenn es 5:3 oder 6:3 für uns ausgeht, kann sich anhand der Chancen keiner beschweren. Jetzt haben wir uns das Ei selbst ins Nest gelegt." Etwas weniger phrasentastisch befand Flick: "Mit den Chancen, die wir hatten, hätten wir trotz der drei Gegentore ein gutes Ergebnis erzielen können. Wir müssen an der Effizienz arbeiten. Man verliert nicht gerne (Anm.d.Red.: Es war seine erste Niederlage (!) in der Champions League überhaupt). Aber die Art und Weise, wie die Mannschaft Fußball gespielt hat, war top."

"Ich bleibe" bleibt aus

Ja, Flick und der FC Bayern, das ist ja wirklich eine sportlich feine Beziehung. Wenn da nicht der ständige Dissens mit Salihamidzic (siehe oben) bei der Transferpolitik wäre. Die soll den Trainer laut "Sport Bild" ja so belasten, dass der sich Gedanken um seine Zukunft in München über den Sommer hinaus macht. Und, wie schaut's aus? "Jedes Mal das Gleiche", kommentierte er bei Sky. "Sie können mich immer wieder fragen. Ich habe alles dazu gesagt", sagte er. Nur eben kein "Ja, ich bleibe." Das sagt über Flick beim FC Bayern übrigens auch kein anderer. Lothar Matthäus deutet das als Zeichen der Trennung im Sommer - gut, mit Scheidungen kennt er sich aus (sorry). Absurd alles.

Hallo? Noch da? Okay, ist auch alles ein bisschen viel. Aber eine Sache ist da noch - und zwar die mit Pochettino. Der versteht offenbar immer noch nicht, wie man gegen den FC Bayern verteidigt. Zwar fing er sich dieses Mal keine sieben Gegentore (!) wie bei dieser surrealen Horrorshow, der 2:7-Niederlage am 1. Oktober 2019 in der Gruppenphase mit den Tottenham Hotspur, aber viel geschickter in der Abwehrleistung war's auch dieses Mal nicht. Immerhin: den Horror hat der eigentlich überragende FC Bayern. Und die Monsteraufgabe im Rückspiel am kommenden Dienstag. Hallo? Noch da? Schön, jetzt fertig.

Quelle: ntv.de

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