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Das vorletzte Europa-Wunderić? Eintracht Frankfurt - Energiewende, jetzt!

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Auf den Schultern von Luka Jović, Filip Kostić und Ante Rebić lasten im Halbfinal-Rückspiel der Europa-League die großen Hoffnungen der Frankfurter.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Noch ein Spiel bis Baku: Eintracht Frankfurt träumt vom Endspiel in der Europa League. Der Weg dorthin führt über Chelseas Stamford Bridge. Während Coach Adi Hütter die Rückkehr von Ante Rebić herbeisehnt, muss er eigentlich ein ganz anderes Problem lösen.

Makoto Hasebe schlurfte, den Blick gesenkt, durch die Interview-Zone des Waldstadions. Reden wollte der Kapitän der Frankfurter Eintracht nicht nach dem leidenschaftlich erkämpften 1:1 im Halbfinal-Hinspiel der Europa League gegen den FC Chelsea am vergangenen Donnerstag. Fast hatte er es geschafft, fast war er an den Journalisten vorbei, als jemand rief: "Komm Hase, nur kurz." Hasebe schaute auf, ging ein paar Schritte zurück und sprach, langsam und mit müdem Blick: "46 Spiele in einer Saison, das habe ich noch nie absolviert." Aber um die körperliche Frische müsse sich dennoch niemand Sorgen machen. Frische, das sei halt vor allem "Kopfsache". Nun, das mit der Kopfsache, das hat im Sandwich-Spiel des europäischen Traums einen kompletten Systemabsturz erlitten: Mit 1:6 kollabierten die Frankfurter am 32. Spieltag bei Bayer Leverkusen.

Es war historischer Kollaps. Nie zuvor hatte eine Mannschaft in der Fußball-Bundesliga nach 36 Minuten bereits sechs Gegentore kassiert. In Frankfurt nahmen sie das Debakel aber gelassen hin. Kann passieren. Und eigentlich ist ja nichts passiert. Schließlich steht der Klub immer noch auf Platz vier der Tabelle und wäre so spielberechtigt für die Champions League. "Es gibt solche Tage", sagte Sportvorstand Fredi Bobic. Und es war ihm besonders wichtig zu betonen: "Für Donnerstag heißt das gar nichts." Nun (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) steht das Rückspiel beim FC Chelsea an der Stamford Bridge an. Es ist für Frankfurt die bislang schwerste Etappe auf ihrer wundersamen Reise. Zwar haben sie schon bei Lazio Rom gespielt, bei Olympique Marseille, bei Inter Mailand und bei Benfica Lissabon - beim 2:4 kassierten sie ihre einzige Niederlage im Wettbewerb - gespielt, die Blues aus London aber, die haben sie nach dem Hinspiel nochmal als ein anderes Level empfunden.

Eine Topleistung mit Makel

Nach einer mutigen halben ersten Halbzeit und der 1:0-Führung durch Luka Jović, vorbereitet von Filip Kostić, versagte das auf hohes Pressing, Ballgewinne und schnelles Umschalten ausgerichtete System gegen die Spielfreude des FC Chelsea. Zwar verzichtete der umstrittene Trainer Maurizio Sarri zunächst wie so oft in der Europa League auf seinen Schlüsselspieler Eden Hazard, dafür bemühte sich die zweite offensive Reihe hinter Mittelstürmer Olivier Giroud um Kurzpässe und Abschlüsse: Wieder und wieder feuerten der sehr starke Ruben Loftus-Cheek, Pedro und Willian auf das Tor der Eintracht, was nicht geblockt wurde, das entschärfte Kevin Trapp - nur beim 1:1 durch Pedro (45.) gab's eine fatale Lücke. Angesichts der bis zur Erschöpfung betriebenen Abwehrmaloche lobte Hütter: "Das war eine absolute Topleistung." Der Mut den Favoriten zu fordern war da, die Leidenschaft und der Wille sowieso. Was den Mentalitätsmonstern fehlte: ein zweiter Stürmer neben Jović, der das malochende Kollektiv entlastet.

Sie haben diese Typen, aber sie konnten sie im Hinspiel nicht einsetzen: Sebastian Haller fehlte der Eintracht wegen einer Bauchmuskelverletzung. Womöglich reicht es nun zu einem Kurzeinsatz. Zumindest konnte der Franzose wieder annähernd schmerzfrei trainieren. Und Ante Rebić fehlte. Der durfte nicht, weil er gesperrt war. Dabei war es gerade er, den die Eintracht gebraucht hätte. Ein Spieler, umtriebig im Zweikampf, schnell im Umschaltspiel, abschlussstark. Einer, der seiner Mannschaft hilft, das kreative Loch im zentralen Mittelfeld zu überspielen. Das war im Hinspiel nur allzu offensichtlich. Weder Hasebe, der überraschend als Sechser und nicht wie sonst üblich als Abwehrchef aufgeboten worden war, noch Gelson Fernandes, Sebastian Rode und Mijat Gaćinović konnten sich im Zentrum behaupten. Die Mitte, sie war Hoheitsgebiet von N'Golo Kanté, dem französischen Weltmeister. Der allerdings fällt aus. Wegen Problemen mit dem Oberschenkel. So jedenfalls kündigte es Sarri an.

Frische für das "Wunderić"

Für das Spiel mit dem Ball brauchen sie bei der Eintracht nun vor allem eine ausgeruhte -ić-Connection. Für das Wunder beim FC Chelsea brauchen sie Rebić, Jović, Gaćinović und Kostić. Rebić als unermüdlichen Ballschlepper, Jović als Torjäger, Gacinović als zentrale Verbindungsstation zwischen den Männern, die auf jeden Fall mindestens ein Tor schießen müssen und den Malochern um Hasebe, Rode, Kapitän David Abraham und Abwehrkante Martin Hinteregger. Und Kostić muss es auf dem linken Flügel mit seiner Dynamik, mit seiner Wucht, mit seinen nimmermüden Läufen und seinen präzisen Flanken richten - ebenso wie auf der anderen Seite Danny da Costa. Gegen die spielerisch überlegenen Gastgeber geht's wieder nur mit Leidenschaft, Kampf, Einsatz bis zur Erschöpfung. Das Problem, das Coach Hütter lösen muss: Wo kommt die Frische für diesen vorfinalen Kraftakt her? Reicht der eine Tag Pause, den der Österreicher seinem Team nach dem Bayer-Debakel gewährte, zur Energiewende? Nun: "Ich hatte ein gutes Gefühl, als ich die Mannschaft wiedersah."

So könnten sie spielen

FC Chelsea: Kepa - Azpilicueta, Christensen, David Luiz, Alonso - Loftus-Cheek, Jorginho, Kovacic - Willian, Higuain, Hazard; Trainer: Sarri.
SG Eintracht Frankfurt: Trapp - Abraham, Hasebe, Hinteregger - Da Costa, Fernandes, Rode, Kostic - Gacinovic - Jovic, Rebic.; Trainer: Hütter.
Schiedsrichter: Hategan (Rumänien)

Und dann sprach Hütter noch über etwas, was in diesen Tagen phänomenal häufig auftritt: "Ja, es wäre ein kleines Fußball-Wunder, wenn Eintracht Frankfurt ins Endspiel käme." Der FC Liverpool hat's gegen den FC Barcelona in der Champions League genial vorgemacht, Tottenham im gleichen Wettbewerb gegen Amsterdam spektakulär nachgelegt. So dramatisch muss es für Hütter aber nicht werden: "Der FC Liverpool hat gezeigt, was möglich ist, wenn man an etwas glaubt, wenn man in einem schwierigen Spiel so spielt, wie man es das ganze Jahr über getan hat. Das wünsche ich mir von meiner Mannschaft, dass sie sich etwas zutraut, dass sie sich daran erinnert, wieso wir ins Halbfinale gekommen sind, weil wir eine super Kampagne gespielt haben mit Mut und Herz. Chelsea ist der Favorit, wir haben die Leidenschaft."

Der FC Chelsea übrigens, der hat am Sonntag ebenfalls gespielt. Zuhause an der Stamford Bridge gab's ein müheloses 3:0 gegen den FC Watford und so die wichtige und sichere Qualifikation für die Champions League. Die steht nun auch für Frankfurt auf dem Spiel: entweder durch Platz vier in der Bundesliga oder durch einen Triumph in der Europa League am 29. Mai in Baku. Alles Kopfsache. Vor allem in den Beinen.

Quelle: n-tv.de

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