Fußball

"Eines seiner besten Spiele" Emre Can, die DFB-Notelf-Überraschung

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Den Auftrag gegen Argentinien hat Emre Can bemerkenswert gut erledigt.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Die akute Personalnot des Bundestrainers stellt Emre Can mal ins internationale Schaufenster. Und was der Fußballer von Juventus Turin im Testspiel des DFB-Teams gegen Argentinien zeigt, lässt Zweifel daran aufkommen, dass sein Vereinscoach mit seinem Europabann richtig liegt.

Am Ende, so erzählte Emre Can am späten Mittwochabend um kurz vor Mitternacht, sei er ein bisschen platt gewesen. Das müsse er schon zugeben. Es klang ein wenig nach einer Rechtfertigung. Nötig war die allerdings nicht. Denn wie sehr sich Emre Can zuvor im Testspiel gegen Argentinien (2:2) verausgabt hatte, wie engagiert und leidenschaftlich er sich den Frust der vergangenen Wochen aus den Knochen gelaufen war, das konnte nur der nicht sehen, der ihm nicht zugeschaut hatte. Mindestens mal bei den beiden phänomenalen Monstersprints, die der 25-Jährige für die deutsche Nationalmannschaft hingelegt hatte.

In Halbzeit eins stürmte der rechte Mann der defensiven Dreierkette vehement nach vorne. Mindestens 30 Meter legte er sich dabei den Ball vor, drückte die Brust raus, den Rücken durch und rannte, schneller, immer schneller. Knapp gestoppt nur von seinem Gegenspieler. Noch länger war sein Lauf zehn Minuten nach der Pause. Von Tor zu Tor sprintete er, während Julian Brandt und Kai Havertz den Ball nach vorne brachten, Can bedienten und der mit der Picke nur am stark reagierenden Agustin Marchesin scheiterte.

Es wäre vermutlich die Entscheidung in diesem Testspiel im Dortmunder Stadion gewesen. Von dem 3:0 hätten sich die bis zu dieser 55. Minute beschämend auftretenden Argentinier nicht erholt. So aber gab ihnen der knapp verpasste Knockout Kraft und Mut. Über die eingewechselten Lucas Alario (66.) und Lucas Ocampos (85.) drehten die Südamerikaner den durch die sehr starken Serge Gnabry (22.) und Kai Havertz (15.) herausgespielten 0:2-Rückstand noch zum Remis. Es war ein Remis, das Bundestrainer Joachim Löw durchaus beeindruckte, auch wenn seine junge Notelf am Ende reichlich ins Schwimmen geriet.

"... mache ich das gerne"

Eigentlich, so war der Plan des 59-Jährigen gewesen, sollte die junge Mannschaft den vierten Lehrgang des Jahres nutzen, um sich weiter einzuspielen. Um Automatismen zu finden, die es zulassen, im kommenden Jahr bei der paneuropäischen Meisterschaft eine gute bis sehr gute Rolle zu spielen. Weil aber 13 Spieler absagten und mit Marco Reus und Ilkay Gündogan zwei weitere angeschlagen waren, musste Löw heftig improvisieren. So stürmte beispielsweise Debütant Luca Waldschmidt von Beginn an. Auch Robin Koch, Waldschmidts Teamkollege vom SC Freiburg, stand in der Startformation. An der Seite von Emre Can.

Can ist eigentlich eher ein Mann für das zentrale, defensive Mittelfeld. "Rechts in der Dreierkette habe ich für Juve letzte Saison zweimal gespielt", erklärte der 25-Jährige später in den Katakomben. "Ich kann das, und wenn der Trainer mich da hinstellt, mach ich das gerne." Den letzten Teil des Satzes hätte Can wohl unabhängig von der Position an diesem Abend immer so gesagt. Denn endlich bekam er mal wieder eine Chance. Über 90 Minuten. Und international. Beides ist für den Turiner keine Selbstverständlichkeit mehr.

Sein neuer Coach, Maurizio Sarri, sieht in Can etwas, das ihn nicht befähigt regelmäßig zu spielen. Von der Stammkraft ist er zum Gelegenheitsarbeiter herabgestuft worden. Und Gelegenheiten erhält er dann auch nur sehr selten. Auf gerade einmal 78 Minuten kommt er in drei Ligaspielen. International darf er sich gar nicht beweisen, er wurde nicht für den Champions-League-Kader benannt. Wütend und sauer, so sagte er Anfang September bei der Nationalmannschaft, mache ihn das. Er fühlte sich belogen, denn eigentlich war etwas anderes ausgemacht. Auch deswegen verließ er Juventus nicht. Paris St. Germain hatte Interesse.

"Es war eines seiner besten Spiele"

Die 90 Minuten gegen Argentinien waren also gewissermaßen auch eine Erinnerungshilfe an die Turiner, dass Can auf internationalem Niveau absolut konkurrenzfähig ist. Sehr präsent und souverän im Tackling, ruhig im Aufbau, so spielte er lange Zeit. Erst am Ende, als er dann ein bisschen platt war, unterliefen ihm Fehler. Wie dem gesamten Team. So fälschte er den Ausgleichstreffer von Ocampos unhaltbar für Marc-André ter Stegen ab. Er stand dabei auch ein bisschen weit weg vom Torschützen. "Es war mein erster Einsatz von Anfang an in dieser Saison", sagte Can, der die betriebene Eigenwerbung auch als Hoffnung auf mehr Spielzeit mit zum Klub nimmt. "Jetzt muss ich weiter hart arbeiten und zeigen, dass ich gut genug für mehr Einsätze bin. Aber ich glaube, dass sich meine Situation bessern wird."

Es habe auf jeden Fall einen "Riesenspaß gemacht gegen eine Weltklassemannschaft." Nun, Argentinien ist allerdings auch im Umbruch und war ohne den bei der Copa América erst ausgerasteten und dann gesperrten Weltfußballer Lionel Messi und die nicht berücksichtigten Sergio Agüero, Angel Di Maria, Mauro Icardi oder Gonzalo Higuain zumindest ein bisschen weniger weltklasse als mit ihnen.

Für die Bewertung von Cans Leistung ist das aber nur ein marginaler Unterschied. Denn mit Paulo Dybala, der spielt übrigens auch bei Turin und darf auch in der Champions League ran, und Lautaro Martinez musste Can auch so ziemlich viel Qualität verteidigen. "Es war eines der besten Spiele, die ich von Emre bei uns erlebt habe", begeisterte sich Löw gegenüber Sport1 vor allem über die wuchtige Art mit der Can den Argentiniern begegnete. "Extrem körperbetont und zweikampfstark. Er hat richtig dagegengehalten. Er hat klasse gespielt." Und womöglich darf er am Sonntag, wenn es in der EM-Qualifikation gegen Estland geht (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei ntv.de), erneut ran. Und womöglich wieder in der Abwehr. Da herrscht immer noch Not, auch weil Startelfkandidat Niklas Stark sich auf absurde Weise verletzt hat.

Quelle: n-tv.de