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Überraschend konkurrenzfähig Bundestrainer Löw ist dann doch beeindruckt

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"Die erste Halbzeit war echt gut, das war sehenswert." Bundestrainer Joachim Löw zieht positive Erkenntnisse aus dem 2:2 gegen Argentinien.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Die deutsche Freundschaftsspielbilanz gegen Argentinien ist wenig erfreulich. Aus 15 Duellen gibt es nur drei Siege. Der vierte ist am Mittwochabend in Dortmund lange wahrscheinlich, ehe die Albiceleste merkt, mit wem sie es eigentlich zu tun hat.

Bundestrainer Joachim Löw hatte am Dienstagnachmittag noch einmal ein Bild aus seiner Erinnerung hervorgekramt. Das vom nur wenige Stunden später karriereendenden Bastian Schweinsteiger, der am 13. Juli 2014 in der 109. Minute des WM-Finales gegen Argentinien blutüberströmt auf dem Feld sitzt. Als er sich wieder aufrappelte, aufs Feld wankte, sich auch den letzten heftigen Attacken des Gegners erwehrte und seine Mannschaft zum Titel führte. Der Triumph von Rio war die Belohnung für eine sehr lange deutsche Reise, die irgendwann vor der Weltmeisterschaft 2010 begonnen hatte. Auf einer Reise ist Löw auch jetzt wieder, im Herbst 2019. Und eigentlich, so dachte er, wäre er schon ein wenig weiter auf dem Weg zu einem nächsten Triumph.

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Doch die Entwicklung seiner neuen Reisegruppe, sie stockte zuletzt. Nicht ganz optimal sei es gelaufen, bilanzierte Löw in Dortmund am Tag vor dem 2:2 (2:0) im Testspiel gegen Argentinien an diesem Mittwochabend. Und er ging auch nicht davon aus, dass sich seine Sicht auf die Dinge nach Abpfiff elementar verändern sollte. Zu viele Fußballer hatten abgesagt, waren krank oder angeschlagen. Junge Menschen wie Luca Waldschmidt rückten da plötzlich ins Bild. Oder auch dessen Freiburger Teamkollege Robin Koch, der den Berliner Niklas Stark vertrat, weil der spontan Probleme mit dem Magen bekam. Vielen wäre das womöglich gar nicht aufgefallen. Sie wissen weder wie der eine noch wie der andere aussieht. Dieses Problem hat Serge Gnabry nicht mehr. Auch wenn er mit seinen bislang elf Einsätzen eigentlich noch nicht zum Establishment gehört. Was der Bundestrainer übrigens ganz anders sieht und ihm zuletzt eine arg ungewöhnliche Einsatzgarantie aussprach.

Dass das keine besonders naive Idee ist, sondern ein Entschluss auf zuverlässiger Faktenlage, dass untermauerte Gnabry nun erneut. Beim bittersüßen Remis gegen Argentinien erzielte er mit einer spektakulären Drehung samt Außenristabschluss die Führung (15.) - sein bereits zehnter Treffer für Deutschland -, ehe er das DFB-Premierentor für Kai Havertz (22.) zum 2:0 souverän auflegte. "Überragend", fand Joshua Kimmich das, was sein Kollege aus München gespielt hatte. Jeder Mannschaft der Welt könne er mit seinen Qualitäten weiterhelfen. "Weltklasse" sei das. Ganz so viele Spieler aus dieser Kategorie hat die deutsche Nationalmannschaft nicht. Zwei allerdings, die sich das höchste Qualitätssiegel im internationalen Fußball verdienen, die duellieren sich aber blöderweise im Tor. Denn nur einer spielt. Diesmal war es Marc-André ter Stegen, der zuletzt frustrierte Herausforderer von Manuel Neuer. Ob er die Tore der eingewechselten Lucas Alario (66.) und Lucas Ocampos (85.) ebenso als "harten Schlag" bewertet wie seine Nichtspielberücksichtigung beim letzten DFB-Lehrgang? Nun, vorerst ist es mal so: "Für mich war es wichtig, die 90 Minuten zu spielen. Wenn du nicht spielst, kannst du dich nicht zeigen. Ich will immer weitermachen und arbeiten."

"Sehr vielversprechende Ansätze"

Damit hatte ter Stegen zumindest das erfüllt, was der Bundestrainer vor diesem verzwergten Duell der Fußballriesen ausgerufen hatte. Jeder Spieler solle sich anbieten, die Aufgabe seriöse angehen und seine Chance nutzen. Das Ergebnis, so fand Löw, sei zweitrangig. Eine durchaus clevere Schutzbehauptung, um eventuellen Unannehmlichkeiten die Wucht zu nehmen. Dass das Spiel nun aber Remis endete und Deutschland im 15. Freundschaftsspiel gegen Argentinien bei drei Siegen (der Trost sind die Turniererfolge 2006, 2010 und eben 2014) stehen bleibt, den letzten gab's vor 31 Jahren, das ärgerte ihn aber auch doch. "Klar ist man enttäuscht, dass man nur 2:2 gespielt hat", sagte der Bundestrainer. Aber als er dann schnell ein bisschen nachgedacht habe, wurde ihm bewusst: "Die erste Halbzeit war echt gut, das war sehenswert." Viele positive Erkenntnisse habe er aus dem Spiel gezogen und ein Kompliment müsse er der Mannschaft, die erstmals seit dem Rio-Triumph ohne einen Weltmeister spielte, machen, "mit welchem Mut und welchem Herz sie gespielt hat. Das hat mir sehr gefallen. Da waren sehr, sehr vielversprechende Ansätze."

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Zum Beispiel die Offensivlaune vom Leipziger Rechtsverteidiger Lukas Klostermann, der die Angriffe zu den deutschen Toren mit Ballgewinnen einleitete - und beim 1:0 auch den Pass auf Gnabry spielte. Oder eben der Münchener selbst, der ständig unterwegs war, in die Tiefe sprintete, immer Zug zum Tor hatte. "Serge ist ein wahnsinniges Tempo gegangen. Er hat unglaubliche Wege gemacht, ist überall aufgetaucht", lobte Löw. Auch Debütant Koch spielte souverän, unaufgeregt, auch wenn er sich bei der Flanke vor dem Anschlusstreffer verschätzte. Der Turiner Emre Can räumte in der Abwehr alles ab, robust, bissig, fehlerfrei und sorgte nach Ballgewinnen für viele der vielen guten deutschen Umschaltmomente. Bemerkenswert war auch die Ruhe, mit der Leverkusener Kai Havertz den Ball in jeder Situation behauptete oder weiterspielte.

Häufig spielte er zu Joshua Kimmich, der seine Chefigkeit, die sie in München zuletzt mal etwas einzudämpfen versuchten, erstmals als Kapitän mit allerdings etwas zu großer Binde auslebte. Der dirigierte, organisierte, die bissigen Argentinier attackierte und gleichermaßen attackiert wurde, der lobte und kritisierte. "In der ersten Halbzeit war es sehr ordentlich. Da haben wir gut verteidigt und hatten immer wieder gute Angriffe und Kombinationen. In der zweiten Halbzeit sind wir dann sehr viel hinterhergelaufen. Dann kriegen wir die Gegentore. Das ist uns jetzt schon ein paar Mal passiert. Das ärgert mich dann schon." Vielleicht auch, weil es gegen allerdings stark drückenden Argentinier einfach ziemlich schlecht verteidigt war? Weil plötzlich, besonders nach dem 1:2, der Mut und die Zielstrebigkeit der ersten Hälfte fehlten? Besonders als Kapitän, da hätte er schon gerne gewonnen. "So ist es schon bitter." Und dennoch viel besser als erwartet. Sogar als vom Trainer.

Quelle: n-tv.de

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