Fußball

DFB-Rumpftest gegen Argentinien Löw ist angespannt, ter Stegen ist es nicht

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Manuel Neuer steht im Fokus, aber nur der Kamera. Kleiner Scherz.

(Foto: imago images / Schüler)

Der Plan von Joachim Löw ist, dass sich seine deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Test gegen Argentinien einspielt. Doch dann erlebt der Bundestrainer zwei schwarze Tage. In der Rumpfelf steht daher die Chance für Marc-André ter Stegen noch stärker im Fokus.

Womöglich wird Marc-André ter Stegen am Mittwoch in Dortmund erneut viel Arbeit bekommen. Vielleicht wird der Torwart im Testspiel der deutschen Fußball-Nationalelf gegen Argentinien (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) ähnlich viele Schüsse parieren müssen, wie am 17. September, als er mit seinem FC Barcelona die heimische Borussia und deren Kapitän Marco Reus in der Champions League mal aufreizend, mal spektakulär entnervte. Zwar fehlt den Argentiniern mit dem gesperrten Lionel Messi der beste Mann, und auch die ebenfalls ziemlich guten Sergio Agüero, Angel di Maria und Gonzalo Higuain spielen nicht, doch dieses drohende Ungleichgewicht an Qualität kompensiert die DFB-Elf mit bis zu 14 (!) Ausfällen. Automatismen? Abstimmung? Abläufe? Allesamt abwesend. Fehler? Vorhersehbar.

Wie sehr das den Bundestrainer nervt, das hat er bereits am Montag nach seiner Ankunft im Teamhotel erklärt. "Ich finde es sehr schade, weil unsere Mannschaft, wenn sie sich entwickeln will, eingespielt sein muss", sagte Joachim Löw. "Das tut uns weh. Das ist ungewöhnlich hart für uns, wir müssen von vorne beginnen." Lamentieren wolle er aber nicht. Wohl aber sprach er einen Tag später dann die Warnung an all jene Funktionäre aus, die jegliche Klubwettbewerbe weiter aufblasen wollen. Eine solche Situation, lenkte Löw wieder um, "ist manchmal auch eine Chance für andere, junge Spieler". Einer dieser Spieler ist eben ter Stegen. Auch wenn er mit 27 Jahren nicht mehr der Kategorie jung zugeordnet wird. Aber die Chance, die der Torwart nun erhält, steht unter besonderer Beobachtung. Schließlich hatte er zuletzt sein sportliches Schicksal als Ersatzmann beklagt und damit beim FC Bayern eine eigenartig eskalierte Debatte ausgelöst. In München spielt Manuel Neuer, dessen Status ter Stegen angreifen will.

Die "Nummer eins" bleibt das Ziel

Wer so alles ausfällt

Neben den Weltmeistern Matthias Ginter (1) von Borussia Mönchengladbach, Toni Kroos (2) von Real Madrid und dem Pariser Julian Draxler (3) fehlen die ebenfalls verletzten Jonas Hector (4) vom 1. FC Köln, Antonio Rüdiger (5) vom FC Chelsea, Leon Goretzka (6) vom FC Bayern, Nico Schulz (7) von Borussia Dortmund, Leroy Sané (8) von Manchester City, der Frankfurter Torhüter Kevin Trapp (9) sowie Thilo Kehrer (10) ebenfalls von PSG. Hinzu kommt, wie der Bundestrainer nun berichtete, dass Timo Werner (11) zwar am Spieltag aus Leipzig nach Dortmund komme, nach seiner Grippe aber nicht spielen könne. Der Leverkusener Jonathan Tah (12) werde "wahrscheinlich ausfallen", dito Ilkay Gündogan (13) von Man City. Ein wenig angeschlagen sei der Dortmunder Marco Reus (14).

Die Chance für ter Stegen gegen Argentinien war schon länger geplant. Das betonte Löw am Tag vor dem verzwergten Klassiker. Niemand solle auf die Idee kommen, dass die Klage des Stellvertreters oder die Polterei aus Bayern Einfluss auf die Entscheidungen des Trainers habe. Spiele für ter Stegen, die hatte er tatsächlich bereits Anfang März in Aussicht gestellt. Beim 1:1 im Test gegen Serbien durfte er in der zweiten Halbzeit ran. Bei den EM-Qualifikationsspielen im Juni gegen Weißrussland und Estland sollte er eigentlich auch mal spielen, fehlte aber verletzt. Bei den Partien im September gegen die Niederlande und Nordirland ließ Löw einen Einsatz für ter Stegen offen, wie er nun betonte. Argentinien aber, das war fix. Auch wenn's nun kein Toptest wird. Aber: "Das wird ein ordentliches Brett", sagt der Torwart, dessen Einladung zur Pressekonferenz an diesem Dienstag durchaus aus Signal der unangreifbaren und unbeeinflussbaren Entscheidungsautonomie des Trainers war. "Es ist ein Spiel, in dem ich wie immer mein Bestes geben möchte." Besonderen Druck, nein, den spüre er nicht.

Dabei kann ter Stegen in diesem Spiel mehr verlieren als gewinnen. Spielt er in der deutschen Notelf groß auf, bestätigt er nur seine Leistungen der vergangenen Monate und hält den Druck auf Neuer hoch. Patzt er, verlieren seine Ansprüche das Fundament. Doch mit dem Selbstvertrauen, einer der besten Torhüter der Welt zu sein, pariert er alle kritischen Fragen höchst souverän. Über die Attacken aus München, vor allen vom eskalierten Präsidenten Uli Hoeneß, habe er sich "nicht viele Gedanken" gemacht. Auch wenn zu viel geredet worden sei. Sein Ziel bleibe, die "Nummer eins zu sein". Aber über den persönlichen Ambitionen stehe das "gemeinsame Ziel". Was das ist, das führte er nicht aus. Aber beim DFB hatten sie ja bereits ohnehin die Rückkehr in die Weltspitze ausgerufen. Gerne schon im kommenden Sommer. Das Verhältnis zu Neuer, so ter Stegen, sei gut. Man werde sich unterstützen, "egal in welcher Konstellation oder Situation".

"Für mich ist das das kleinste Problem"

Dass die ziemlich klar ist, auch das weiß ter Stegen. Er ist der Herausforderer, Neuer der Gesetzte. "Wenn man die Aussage sieht, die der Bundestrainer getroffen hat, sieht man schon, dass Manu einen Vorteil hat. Aber in einem Dreivierteljahr kann so viel passieren. Im Fall der Fälle möchte ich da sein." Für Löw ist das Duell zwischen den Torhütern ohnehin die komfortabelste Situation im Kader. Keine andere Position hatte diese Dichte an Weltklasse. "Ich weiß, dass die Diskussionen in der Öffentlichkeit geführt werden. Aber für mich ist das das kleinste Problem. Das ist die kleinste Baustelle, ach, es ist überhaupt keine Baustelle. Die Situation ist klar. Marc wird seine Spiele bekommen. Er ist auf dem höchsten Niveau." Und gegen Argentinien kommt dem 27-Jährigen auch direkt eine Führungsrolle zu, mit dem Bayern-Duo Niklas Süle als Abwehrchef und Joshua Kimmich als Mittelfeldlenker. Angesichts des personellen Notstands ist das eine natürliche Hierarchie.

So könnten sie spielen

Deutschland: ter Stegen (FC Barcelona/27 Jahre/22 Länderspiele) - Klostermann (RB Leipzig/23/4), Süle (FC Bayern/24/22), Stark (Hertha BSC/24/0), Halstenberg (Leipzig/28/4) - Kimmich (FC Bayern/24/44), Can (Juventus Turin/25/22) - Havertz (Leverkusen/20/5) - Gnabry (Bayern/24/10), Waldschmidt (Freiburg/23/0), Brandt (BVB/23/27). - Trainer: Löw
Argentinien: Marchesin (FC Porto/31/5) - Foyth (Tottenham Hotspur/21/7), Pezzella (AC Florenz/28/13), Otamendi (Manchester United/31/67), Tagliafico (Ajax Amsterdam/27/22) - de Paul (Udinese Calcio/25/13), Paredes (Paris St. Germain/25/20), Rodriguez (CF America (25/5), Pereyra (FC Watford/28/18) - Dybala (Juventus Turin/25/26), Lautaro Martinez (Inter Mailand/22/13). - Trainer: Scaloni
Schiedsrichter: Clement Turpin (Frankreich)

Die Ansprüche und Erwartungen an das Testspiel in Dortmund, für das bislang erst gut 41.000 Karten verkauft worden sind, reduziert der Bundestrainer auf ein Minimum. "Ich will, dass jeder einzelne Spieler versucht, seine Chance zu nutzen." Nach nur zwei gemeinsamen Trainings fordert Löw lediglich die Basiselemente ein: "Was man erwarten kann, ist, dass die Mannschaft engagiert, seriös und mit viel Einsatz zu Werke geht." Der ursprüngliche Plan war dagegen ein ganz anderer. "Wir hätten das Jahr schon nutzen wollen, um uns vorzubereiten, einzuspielen. Das werden wir jetzt nicht können", sagte Löw.

Die Absagenflut ist für ihn und sein neues Team eine schwere Hypothek auf dem Weg zur EM im kommenden Sommer. "Im März und Juni", sagte der Bundestrainer, "hatte man das Gefühl, dass viele Dinge fließender sind und greifen." Doch bei den Spielen gegen die Niederlande und in Nordirland "gab es einen Bruch". Optimal sei es zuletzt nicht gelaufen. Wer also macht's nun? Ter Stegen spielt, Süle spielt, Kimmich spielt, Gnabry sowieso. Auf den defensiven Außenbahnen werden erneut die Leipziger Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann ran dürfen. In der Innenverteidigung kommt der Berliner Niklas Stark zu seinem Debüt. Im defensiven Mittelfeld könnte der Turiner Emre Can mal wieder eine Chance bekommen. Im Angriff ist Luca Waldschmidt gesetzt und der nächste Debütant. Für die Zuspiele bieten sich Julian Brandt, der ein Heimspiel hätte, und Kai Havertz an.

Von dessen Qualitäten ist Löw ja überzeugt, auch wenn er ihn zuletzt nur einwechselte. Ein bisschen Werbung für seine ehemaligen Mitspieler in Leverkusen (und auch für sich selbst) machte Brandt: "Wir freuen uns immer, wenn wir bei der Nationalelf sind, weil wir ein blindes Verständnis miteinander haben." In einem Team, das sich kaum kennt, ist das eine schöne Sache. Denn das Problem ist ja: "Man muss auf die Schnelle eine Mannschaft finden, die sehr kompakt spielt", erklärt Brandt. "Ich glaube, man kann Einsatz von uns erwarten. Und den Willen, das Spiel zu gewinnen. Es werden sicherlich mal Fehler passieren." Um die darf sich dann Marc-André ter Stegen kümmern. Er macht das sicher gerne.

Quelle: n-tv.de

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