Fußball

Seepferdchen in der Einzelkritik DFB-Elf schwimmt beherzt, Gnabry voran

imago43283864h.jpg

Serge Gnabry hat auch gegen Argentinien wieder mal einen weggerührt.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Für eine Not-Elf ist das ganz gut, was die deutsche Fußball-Nationalelf im Test gegen Argentinien zeigt. Gleich vier Debütanten stehen auf dem Platz. Da verzeiht Bundestrainer Löw seinem Team auch den Bruch im Spiel nach der ersten Halbzeit.

Sieh einer an: Da bekommt der Bundestrainer so gerade einmal eine Fußballmannschaft zusammen. Und dann bietet diese Not-Elf beste Unterhaltung, schießt zwei Tore und vermittelt Freude am Spiel. Dass die Testpartie gegen Argentinien an diesem Mittwochabend vor 45.197 Zuschauern im nur zu zwei Drittel gefüllten Dortmunder Westfalenstadion letztlich 2:2 (2:0) endete - sei's drum. Nicht nur Joachim Löw war mit der Darbietung seines Teams zufrieden. "In der ersten Halbzeit waren wir sehr mutig, beherzt, haben viel Tempo in den Aktionen gehabt und auch gut verteidigt. Das war richtig gut." Und dass es in der zweiten Halbzeit nicht mehr so lief? Geschenkt. "Natürlich ärgert es einen immer, wenn man ein 2:0 verspielt. Aber heute muss man das ein wenig nachsehen." Wegen zu vieler Ballverluste sei sein Team dann doch "ein bisschen ins Schwimmen gekommen. Wir konnten das Spiel nicht über 90 Minuten halten, das muss man sagen". Muss man, zumal es alle gesehen hatten.

Schließlich fehlten ihm, hier noch einmal im Überblick: Toni Kroos (1), Jonas Hector (2), Antonio Rüdiger (3), Leon Goretzka (4), Kevin Trapp (5), Nico Schulz (6), Julian Draxler (7), Thilo Kehrer (8), Leroy Sané (9), Matthias Ginter (10), Timo Werner (11), Jonathan Tah (12), Niklas Stark (13). Die beiden Spieler Marco Reus (14) und Ilkay Gündogan (15) saßen zwar auf der Bank, waren aber angeschlagen. Löw rechnet aber damit, dass Reus am Sonntag zum EM-Qualifikationsspiel wieder fit ist. Dann geht es (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) in Tallinn gegen Estland. Werner, der im Stadion zusah, soll am Freitag wieder trainieren. Bei Stark müsse man mal sehen. Und "beim Ilkay ist einfach noch ein Fragezeichen". Wenn er fit ist, soll er aber gegen die sehr wahrscheinlich sehr defensiven Esten auf jeden Fall spielen. Warten wir es ab. Bis dahin erst einmal die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

*Datenschutz

Marc-André ter Stegen: Die Frage ist, so unbedeutend dieses Testspiel auch war, ob der Ersatzmann seine Chance genutzt hat. Wenn der denn überhaupt eine echte hat. Der Bundestrainer hat es ja gesagt: Die Nummer eins ist Kapitän Manuel Neuer vom FC Bayern. In Dortmund aber stand, wie abgesprochen, sein 27 Jahre alter Konkurrent vom FC Barcelona im Tor. Und hat er sich in seinem 22. Länderspiel nun bewährt? Der Bundestrainer kommentierte etwas schmallippig: "Seine Leistung bewerte ich als gut, die Tore waren nicht haltbar. Ansonsten hat er das gehalten, was er halten musste." Das hört sich jetzt nicht so an, als ob sich in absehbarer Zukunft an der Hierarchie im deutschen Tor etwas ändern würde. Ter Stegen muss damit leben, die mutmaßlich beste Nummer zwei der Welt zu sein. Und darauf hoffen, dass Neuer nach der Europameisterschaft im Sommer kommenden Jahres zurücktritt. In der Tat hielt er, was zu halten war. Dass der Ball nach dem Freistoß von Rodrigo de Paul in der 33. Minute an den linken Pfosten knallte, war einfach Glück. Die einzige Aktion, die mit etwas gutem Willen in die Kategorie Parade passt, war die, als er in der 70. Minute einen Schuss des Argentiniers Leandro Paredes abwehrte. Und jetzt bitte keine Witze mit Namen. Er reagierte auch souverän, wenn die Kollegen ihn mit leicht riskanten Rückpässen anspielten, zum Beispiel Niklas Süle schon nach elf Minuten. An Selbstbewusstsein mangelt es ter Stegen nicht. Sein Problem ist einfach: Er hat keine echte Chance, solange Neuer so spielt, wie er zurzeit spielt.

Emre Can: Da sein Verein Juventus Turin ihn nicht für die Champions League gemeldet hat, sind die Auftritte bei der DFB-Elf für den 25 Jahre alten Mittelfeldspieler in dieser Saison die einzige Chance, sich auch auf internationaler Bühne zu präsentieren. Nun hatte er es zum ersten Mal seit einem Jahr wieder in die Startelf geschafft und übernahm in seinem 23. Länderspiel den Job am rechten Ende der Dreierkette der Abwehr. Das machte er prima: Gut im Stellungsspiel, sehr gut im Duell Mann gegen Mann, rettet nach neun Minute gegen Lautaro Martínez, der drauf und dran war, den Ball ins deutsche Tor zu köpfen. Can zeigte sich clever in der Spieleröffnung, war also auch offensiv aktiv. Kleiner Makel: Den Schuss zum Ausgleich fälschte er leicht, aber entscheidend mit dem Ellbogen ab. Nach einem sehr langen Sprint scheiterte er in der 55. Minute mit einem piekfeinen Schuss aus 14 Metern am argentinischen Torhüter Augustin Marchesín. Und je länger das Spiel dauerte, desto mehr wurde offensichtlich, dass Can bei aller Kampfeslust mit seinen Kräften am Ende war.

Robin Koch: Der Bundestrainer hätte am Nachmittag vor dem Spiel auch flugs einen Wagen schicken können, um Mats Hummels abholen zu lassen. Schließlich gehen Löw die Innenverteidiger aus. Nach Antonio Rüdiger, Matthias Ginter und Jonathan Tah meldete sich auch Niklas Stark mit Magen-Darm-Problemen ab. Für den Berliner ist das besonders bitter. Sechs Mal war er schon dabei, sechs Mal saß er nur auf der Bank. Nun, für den siebten Streich, war ihm das Debüt versprochen. Tja. So kam der 23 Jahre alte Freiburger Koch, Sohn des großen Harry vom 1. FC Kaiserslautern - die Älteren erinnern sich - zu seinem allerersten Länderspiel, in zentraler Abwehrposition, flankiert von den Kollegen Can und Niklas Süle. Koch machte das überraschend abgeklärt, sollte er nervös gewesen sein, hat das keiner gemerkt. Paulo Dybala von Juventus Turin dürfte spätestens nach dieser Partie wissen, dass der Sohn von Harry Koch ein guter Innenverteidiger ist - der allerdings wie seine Kollegen nach der Pause etwas den Überblick verlor, ebenso das Kopfballduell vor dem ersten Tor der Argentinier. Sein Problem aber ist vielmehr, dass in der Hierarchie noch vier Innenverteidiger vor ihm stehen.

Niklas Süle: Dieses Problem des Kollegen Koch hat der Münchner nicht. Mit seinen 24 Jahren darf er längst den inoffiziellen Titel des Abwehrchefs für sich reklamieren. In seinem 23. Länderspiel war er zwar der mit Abstand erfahrenste Nationalspieler in der Defensive, ein wenig jugendlicher Elan hätte ihm aber ganz gutgetan. In der ersten Halbzeit noch souverän, schwamm auch er nach der Pause. Da halfen auch seine durchaus lautstarken Anweisungen an die Kollegen nicht mehr. Vor dem 2:2, das Lucas Ocampos in der 85. Minute erzielte, konnte er dem Leverkusener Lucas Alario, der das Tor vorbereite, nicht folgen. Das wirkte ein wenig wie deutsches Seepferdchen gegen das argentinische Schwimmabzeichen in Gold. Sagen wir es so: Süle kann es besser. Und Abwehrchef bleibt er eh.

Lukas Klostermann: Wenn es bei diesem Unentschieden Gewinner gab, und die gab es, dann ist der 23 Jahre alte Leipziger einer von ihnen. Er bot in seinem fünften Länderspiel auf der rechten Seite im 3-4-3-System eine ganz starke Leistung: stark im Zweikampf, mutig in der Balleroberung und zumindest vor der Pause wie vom Bundestrainer gefordert sehr präsent in der Offensive. Das erste Tor bereitete er mit einer schönen Flanke nach einer Viertelstunde vor, schnell ist er ja. Was Serge Gnabry dann daraus machte, war allerdings auch sensationell. Beim zweiten Tor, das Kai Havertz in der 22. Minute erzielte, leitete er, also Klostermann, den Konter ein. Ansonsten hatte er in der zweiten Halbzeit gut damit zu tun, den eingewechselten Marcos Acuna von Sporting Lissabon in den Griff zu bekommen, der ihn einige Male ins Schwimmen brachte.

*Datenschutz

Kai Havertz: Hach, was für ein feiner Fußballer. Schade eigentlich, dass erst 15 Spieler ausfallen müssen, bevor der 20 Jahre alte Leverkusener in der Startelf steht. In seinem sechsten Länderspiel kam er in Abwesenheit von Kroos an der Seite von Joshua Kimmich auf der Doppelsechs zum Einsatz. Eine interessante, durchaus erfolgversprechende Kombination. Spannend wäre es auch, mal Kroos und Havertz als Duo im defensiven Mittelfeld zu sehen. Wie wär's, Herr Löw? Havertz hat jedenfalls kein Problem damit, auch unter Druck einen gescheiten Pass zu spielen und sich so erstaunlich ruhig aus brenzligen Situationen zu befreien. Er tut das alles mit einer Eleganz und technischen Raffinesse, die Freude bereitet. Und nach einem Pass von Gnabry schoss er in auch noch das 2:0 nach Art eines Mittelstürmers, es war sein allererstes Tor für die DFB-Elf. Auch, weil wir es uns wünschen, prophezeien wir ihm eine goldene Zukunft. Zum Glück ist das keine exklusive Einschätzung, Havertz gilt schon länger als das größte Versprechen, das der deutsche Fußball zu bieten hat. Nach 83. Minuten war Schluss, für ihn kam der Hoffenheimer Rückkehrer (und, ähm, Notnagel) Sebastian Rudy mit seinen 29 Jahren in die Partie und zu seinem 28. Länderspiel.

Joshua Kimmich: So richtig passte die Binde nicht, immer wieder rutschte sie ihm vom linken Oberarm. So gesehen kann er ganz froh sein, dass der wesentlich kräftigere Neuer am Sonntag in Tallinn wieder im Tor steht und seines Kapitänsamtes waltet. Ansonsten fühlte sich der 24 Jahre alte Kimmich vom FC Bayern in seinem 45. Länderspiel als offizieller Anführer sehr wohl. Und auch für den Bundestrainer war es "keine Frage, dass er der Kapitän sein wird". Das habe nichts damit zu tun, dass er von allen am häufigsten dabei war, sondern damit, dass er "immer Anweisungen gibt und ein kämpferisches Vorbild ist". Manchmal übertreibt er es allerdings, so sah er nach elf Minuten nach einem Foul am Mittelkreis am bereits erwähnten Parades die Gelbe Karte. Überhaupt kann er mit seiner übermotivierten, ja wie sagen wir es, hektischen Aggressivität dem geneigten Beobachter auf die Nerven gehen. Aber zum Glück ist das kein Maßstab für erfolgreichen Fußball. Dafür steht Kimmich, der bestimmt nicht zum letzten Mal in seiner Karriere die Kapitänsbinde getragen hat. Er war einer der wenigen im Dortmunder Oktoberregen, der auch in der zweiten Hälfte einigermaßen den Kopf über Wasser hielt und dadurch Dreh- und Angelpunkt im Spiel seiner Mannschaft blieb. Er eroberte, aggressiv halt, viele Bälle und leitete sie gekonnt zum Konter an die Kollegen weiter. Irgendwo haben wir den Begriff "zentraler Umschaltspieler" aufgeschnappt. Das klingt zumindest sehr modern.

Marcel Halstenberg: Der zweite Leipziger im Team überzeugte als linker Verteidiger, der eigentlich keiner war, weil er sich, analog zum etwas besseren Klostermann auf der rechten Seite, häufig ins Offensivspiel einschaltete. Der 28 Jahre alte Halstenberg, dem beim 2:0 im EM-Qualifikationsspiel in Belfast das nicht ganz unwichtige und sehr schöne erste Tor per Volleyschuss gelungen war, hätte beinahe in seinem fünften Länderspiel sein zweites Tor für die DFB-Elf erzielt. Doch der Ball landete nach seinem nahezu brillanten Freistoß in der 31. Minute nur am Querbalken des argentinischen Tores. Seine Kernkompetenz ist aber eigentlich das Verteidigen, und da hatte er vor allem mit Rodrigo de Paul und Roberto Pereyra bisweilen dann doch kleinere Probleme. Aber er kämpfte sich ins Spiel und bleibt die erste Option für die linke Seite. Was wohl der Kölner Jonas Hector dazu sagt?

Julian Brandt: Zuletzt hatte er mit Borussia Dortmund dreimal hintereinander 2:2 gespielt, von daher musste sich der 23 Jahre alte Offensivspieler in seinem 29. Länderspiel nicht groß umstellen. Auf der rechten Angriffsseite spielte er recht unglücklich, dynamisch zwar, aber fahrig und unzuverlässig, wenn es darum ging, mit ein wenig Zweikampfhärte nach hinten abzusichern. Nach einer knappen Viertelstunde hatte er die erste Torchance des Spiels, scheiterte mit seinem Flachschuss aber an Marchesin. Sechs Minuten später spielte er einen dieser riskanten Rückpässe auf ter Stegen, mit dem der deutsche Torhüter aber, wir hatten es erwähnt, souverän umging. Nach 27 Minuten rauschte er im Ansinnen, den Ball nach einer Kopfballvorlage von Süle noch ins Tor zu bugsieren, arg dynamisch gegen den Pfosten, verletzte sich aber zum Glück nicht. Was bleibt, ist der Eindruck, dass dieser Brandt mehr kann, als er an diesem Abend gezeigt hat. Löw jedenfalls schien auch nur mäßig begeistert, jedenfalls wechselte er ihn nach 66. Minuten aus. Und so geschah es, dass auch der 22 Jahre alte Nadiem Amiri von Bayer 04 Leverkusen zu seinem Länderspieldebüt kam. Für ihn war es als durchaus talentierter Offensivspieler ein wenig blöd, dass er zu einem Zeitpunkt in die Partie kam, als es mit den deutschen Angriffsbemühungen nicht mehr so weit her war. Aber wir behalten ihn im Auge. Der Bundestrainer sehr wahrscheinlich auch.

*Datenschutz

Serge Gnabry: Kommen wir endlich zum besten Spieler des Abends. Er ist gerade in der Form seines Lebens. Und da der Angreifer des FC Bayern erst 24 Jahre alt ist, kann man da noch einiges erwarten. Nicht nur, dass er in seinem elften Länderspiele sein zehntes Tor erzielte. Er tat das auch noch auf wunderbare Weise. Nachdem Klostermann den Ball in der 15. Minute von der rechten Seite nach innen geschlagen hatte, nahm Gnabry ihn erst, umringt von drei Abwehrspielern, elegant an und streichelte ihn dann nicht minder filigran mit dem Außenrist am machtlosen Marchesin vorbei zum 1:0 ins Tor. Auch sonst war er nicht zu halten, wich als nomineller Mittelstürmer immer wieder auf die Flügel aus und bereitete auch noch das zweite Tor vor. "Weltklasse", befand Klubkollege und Kurzzeitkapitän Kimmich. Langsam schwant auch uns, warum der Bundestrainer gesagt hat, dass dieser Gnabry bei ihm immer spiele. Ausgewechselt habe er ihn nur, sagte Löw, um ihn zu schonen. "Er hat ein wahnsinniges Tempo drauf, ist schon irgendwie überall aufgetaucht. Da war mir das Risiko zu groß, dass irgendetwas passieren könnte." Spätestens aber, als er nach 72. Minuten mit viel Beifall bedacht rausging, war es auch vorbei mit der Angriffsherrlichkeit. Das lag aber nicht am 22 Jahre alten Suat Serdar, der für ihn in die Partie kam und ebenfalls sein Debüt feierte. Wobei: Der Schalker war es, der vor dem 2:2 im Aufbauspiel den Ball verlor. Das ist dann einfach dumm gelaufen.

Luca Waldschmidt: Neben seinem Klubkollegen Koch, Sie wissen schon, Harrys Sohn, war der 23 Jahre alte Freiburger der zweite Debütant in der Startelf und der einzige angekündigte. Energisch luchste er Marco Rojo den Ball ab (vielleicht heißt das auch Pressing) und leite so den Konter ein (Umschaltspiel!), der schließlich im 2:0 durch Havertz mündete. Zwei Minuten nach der Pause kam Waldschmidt nach einer Ecke im Strafraum zum Schuss, der Ball landete am Außennetz. Allerdings war der Winkel auch relativ spitz. Ansonsten ist er einer, der gerne auch mal abspielt. Es war nicht überragend, aber ein ordentliches erstes Länderspiel. Er muss sich erst noch freischwimmen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema