Fußball

Am Rande einer veritablen Krise FC Bayern nimmt Schalke alle Ausreden

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Schalke-Coach Domenico Tedesco muss seine erste große Krise in Gelsenkirchen moderieren.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Mehr Symbolik geht nicht: Gegen den FC Bayern kassieren Schalkes Nullinger die vierte Pleite im vierten Ligaspiel - und Coach Tedesco steht trotz geschlossenen Dachs im Regen. Das Krisengefühl verstärken ein Motzprofi und unerklärliche Wackler in Serie.

Gesänge, Banner, Choreographien: Der FC Schalke 04 ist eine Traditionsinstanz im deutschen Fußball. Zu Gelsenkirchener Folklore gehört freilich auch, dass sich die blau-weiße Fußballseele hin und wieder Luft verschaffen muss. Nicht unbedingt, wenn der Bundesligastart wie in dieser Saison komplett daneben geht. Sondern vor allem, wenn Ex-Schalker mit ihrem neuen Klub in Gelsenkirchen vorspielen - so wie Manuel Neuer am Samstagabend mit dem FC Bayern, der mit seinen Münchnern entspannt 2:0 (1:0) gewann. Während Schalke damit auch nach vier Spieltagen ohne jeden Punkt dasteht, blieb Neuer auch im 13. Ligaspiel gegen Schalke ungeschlagen.

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Ex-Schalker Leon Goretzka wurde in Gelsenkirchen freundlich empfangen.

(Foto: dpa)

Die gellenden Pfiffe, die ihm vor Spielbeginn entgegen schlugen, interpretierte er auf ganz eigene Weise. Neuer findet: "Wenn man so gehasst wird, dann weiß man, wie sehr man zuvor geliebt wurde." Sollte diese Einschätzung Allgemeingültigkeit haben, dann war das Verhältnis der Schalker Fans zu Leon Goretzka ein eher vernunftgeprägtes. Für den 23-jährigen Neu-Münchener war es die erste Rückkehr zu den ehemaligen Kollegen und wenn er am Ball war, blieben die Pfiffe aus. Goretzka rollte die Begegnung gemeinsam mit seinen Kollegen routiniert ab und freute sich über den vierten Dreier für die rot-weiße Fußball-Maschine, die Tabellenführung und den zwar nicht herzlichen, aber zumindest respektvollen Empfang. "Es gibt immer ein paar Hardliner", sagte Goretzka im TV-Interview. "Das ist auch okay für mich. Aber ich habe mich unheimlich gefreut, dass viele die Zeit, die ich hier verbracht habe, zu schätzen wissen."

"Zu Beginn schon wackelig drauf"

Es gab sicher zahlreiche Fans, die den Mittelfeldspieler an diesem Abend lieber wieder in Blau-Weiß gesehen hätten. Denn bei den Knappen war die Gefühlswelt nach Spielschluss eingetrübt. Die vierte Niederlage im vierten Ligaspiel führt die Schalker direkt an den Rand einer veritablen Krise. Dabei wollte S04-Coach Domenico Tedesco nach den jüngsten Pleiten auf Altbewährtes zurückgreifen und die Mannschaft - übrigens auf deren Wunsch - das spielen lassen, was sie kann: Defensiver ausgerichtet und kompakter stehen.

Das ging gegen munter aufspielende Bayern ganze acht Minuten gut. Dann reichten eine Ecke von Josua Kimmich und ein Kopfball von James und schon lag Schalke wieder einmal nach einem Standard in Rückstand. Mindestens eine Teilschuld daran trug ein Ex-Bayer: Sebastian Rudy, der bislang weder eine Bindung zum Schalker Spiel, noch seine Rolle als Führungsfigur im defensiven Mittelfeld gefunden hat. Rudys Unentschlossenheit gegen Torschütze James führte dazu, dass die Hausherren im vierten Spiel dieser Saison bereits zum vierten Mal das 0:1 kassierten - übrigens zum dritten Mal nach einer Ecke. "Wir waren zu Beginn schon wackelig drauf", konzedierte nach Spielschluss auch Tedesco. Der resümierte, zwar "alles reingeworfen" zu haben. "Aber der letzte Punch vor dem gegnerischen Tor fehlte."

Die Bayern dominierten das Match und mussten sich allenfalls den Vorwurf gefallen lassen, viel zu fahrlässig selbst mit größten Torchancen umgegangen zu sein und das Spiel nicht frühzeitig entschieden zu haben. Erst in der 64. Minute führte ein unbedarftes Foul von Alessandro Schöpf an James zu einem Strafstoß, den Robert Lewandowski knallhart zum 2:0 verwandelte. Just in der Phase, als die Hausherren, die sich über 90 Minuten eine Halbchance durch den später verärgert ausgewechselten und noch später reumütigen Franco di Santo erarbeiteten ("Das war respektlos", so Tedesco), besser ins Spiel fanden. Und während draußen ein Unwetter über das Ruhrgebiet hinwegzog, stand Tedesco trotz geschlossenen Stadions im Regen, weil das Arenadach undicht war. Ein Riss im Dach, ein erster Riss im Mannschaftsgefüge: Mehr Symbolik geht nicht.

Exorbitante Fehlerquote

Es bleibt dabei: Statt wie in der Vorsaison stets knapp zu gewinnen, neigen die Blauen in dieser Spielzeit dazu, knapp zu verlieren. Sie tun sich schwer damit, Tore aus dem Spiel heraus zu erzielen. Daran konnte auch Breel Embolo an diesem düsteren Samstagabend in der Arena nichts ändern. Der Schweizer Angreifer in Diensten der Gelsenkirchener war zuletzt zum Hoffnungsträger aufgestiegen nachdem er die ersten beiden blau-weißen Saisontore erzielte, die aus dem Spiel heraus fielen. Zuvor traf Schalke zwei- mal per Elfmeter. Einmal, beim Pokalspiel in Schweinfurt, schenkte der Gegner den Schalkern noch ein Eigentor. Und: Im Vergleich zur Vorsaison ist die Fehlerquote exorbitant hoch. "Das ist der Schlüssel zu allem", sagte Tedesco in seiner Analyse. "Wenn wir daran arbeiten, kriegen wir das auch wieder hin."

Noch glauben ihm Mannschaft und Fans. Aber die Entmystifizierung des sogenannten Laptop-Trainers schreitet voran. Tedesco, der nach der Vorsaison das spielerische Element auf Kosten der straffen Defensivordnung entwickeln wollte, muss feststellen, dass seine Mannschaft bislang eher Rückschritte macht. Gegen die Bayern hatte niemand ein Schützenfest erwartet, aber die Probleme im Aufbau waren zum wiederholten Male unverkennbar. Kombinations-Fußball von hinten heraus funktioniert (noch) nicht, auch wenn der Coach herausstellte, dass gerade die letzten beiden Spiele gegen Porto und gegen München "gezeigt haben, dass wir auf diesem Niveau nicht chancenlos sind".

Weil gegen die Bayern nicht zwangsläufig ein Sieg her musste, könnte man sagen, dass aus Schalker Sicht die Saison nun erst richtig beginnt. In Freiburg, daheim gegen Mainz, in Düsseldorf und daheim gegen Bremen stehen die nächsten Aufgaben an, dazwischen liegt eine Reise zum Champions-League-Match gegen Lokomotive Moskau. Noch herrscht Ruhe am Schalker Markt, Ausreden gibt es für Team und Trainer nicht mehr. Tedescos Kredit ist nach dem Vorjahr groß, aber sicher nicht unbegrenzt. Den Langmut der Fans sollte er lieber nicht überstrapazieren. Ab jetzt muss geliefert werden.

Quelle: ntv.de

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