Fußball

Nächster Eklat des Top-Talents? Favres Schicksal hängt an der Sancho-Frage

Die Leistung von Borussia Dortmund beim FC Barcelona ist keineswegs fürchterlich. Gut ist sie lange Zeit aber auch nicht. Erst als Lucien Favre Jadon Sancho einwechselt, wird es klar besser. Vor allem an dem Engländer hängt am Samstag nun das Schicksal des Trainers.

Den Vorwurf einer mangelnden Identifikation mit Borussia Dortmund umgeht der zuletzt manchmal lustlos wirkende Jadon Sancho elegant. Der 19-Jährige umgeht ihn, wie junge Menschen das halt so machen in diesen 2010er-Jahren. Er postet etwas bei Instagram. Ein Dank. Ein Versprechen. Das Klub-Kürzel. Ein gespannter Bizeps. Nun ist dieses Emoji eine schöne Sache, an ihm lässt sich nämlich das Dilemma des BVB in diesen Wochen abarbeiten. Ganz viel, was den Klub derzeit schwer belastet, liegt in der Beziehung zwischen dem hochbegabten Fußballer und Trainer Lucien Favre, der nach der 1:3 (0:2)-Niederlage am fünften Spieltag der Champions League beim FC Barcelona nun in sein Schicksalsspiel muss. Am Samstag bei Hertha BSC. Dass die Berliner ihren Trainer getauscht und mit Jürgen Klinsmann eine Mini-Euphorie ausgelöst haben, macht die Aufgabe für den Schweizer am 13. Spieltag nicht leichter.

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Die "Trendwende" müssen er und das Team schaffen und "den Anschluss an die oberen Tabellenplätze". Diese Vorgabe macht Sportdirektor Michael Zorc. Und Sebastian Kehl, der beim BVB mit der etwas sperrigen Berufsbezeichnung Leiter der Lizenzspielabteilung ebenfalls Verantwortung trägt, fordert "eine richtig gute Leistung und eine hohe Bereitschaft". Es ist schon kurios, dass die Dortmunder die Debatte um ihre Mentalität nicht führen wollen, sie aber selbst immer wieder zum Thema machen. Oder was soll Bereitschaft sonst sein? Nun, einer, mit dessen Bereitschaft sie in den vergangenen Wochen sehr gehadert haben, ist Sancho. Dieser Hochbegabte, der den Klub in der vergangenen Saison Woche für Woche euphorisiert hatte. Disziplinlosigkeiten und Hang zur Arroganz werden ihm nun nachgesagt.

Zum großen Thema wurde das nach dem Debakel von München, als die Borussia beim 0:4 vom FC Bayern teilweise vorgeführt worden war. Und Sancho nach 36 Minuten vom Feld musste. Diese Demütigung blieb ihm einen Spieltag später gegen den SC Paderborn erspart, auch wenn er in der ersten Halbzeit wieder eine Leistung angeboten hatte, die eher frech war. Gegen die Katalanen zog Favre Konsequenzen. Und ließ Sancho, den vielleicht besten Spieler im Kader, vorerst draußen. "Wir brauchen elf Spieler auf dem Platz, die fokussiert und bereit sind. Wir haben geschaut und uns für diese Startelf entschieden", erklärte der Schweizer. "Wir haben die Entscheidung so getroffen und das ist damit geklärt."

Wie die "Bild"-Zeitung nun berichtet, soll Sancho vor dem Spiel wieder nicht pünktlich zur Teamsitzung erschienen sein, bei der noch mal die Taktik und letzte Details durchgegangen werden. Eine nächste Undiszipliniertheit. Ein Grund für die vorübergehende Degradierung zum Bankspieler? Möglich.

Mit Sancho wird's besser. Viel besser.

Dass die Dinge nun also geklärt sind, das werden in Dortmund nicht alle so sehen. Vor allem Sancho nicht. Erst vor wenigen Tagen war der Engländer vom Sportportal "The Athletic" mit den Worten zitiert worden, dass er sich "gedemütigt, ungeschützt und zum Sündenbock erklärt" fühle. Mehrere Dinge seien da eben zusammengekommen, eine Suspendierung, eine hohe Geldstrafe und die Demütigung von München. Als "schmachvoll" habe er den Moment der Auswechslung empfunden. Mit welcher Emotion er nun die erste Halbzeit im legendären Camp Nou verfolgt hat, darüber sprach er nicht. Aber die schlimme Phrase "Wut im Bauch" dürfte der Lage am nächsten kommen. Denn als Favre sein Experiment mit dem schwachen Nationalspieler Nico Schulz auf der offensiven Außenbahn beendet hatte und Sancho einwechselte, da wurde die Borussia lebendiger, sie bekam Spannung (Bizeps-Emoji). Da war sie nicht mehr bloß Statist der Gott weiß wievielten Gala von Superstar Lionel Messi, sondern wahrnehmbarer Protagonist.

Barça - BVB 3:1 (2:0)

Tore: 1:0 Suarez (29.), 2:0 Messi (33.), 3:0 Griezmann (67.), 3:1 Sancho (77.)
FC Barcelona: ter Stegen - Roberto, Umtiti, Lenglet, Firpo - Busquets - Rakitic (78. Vidal), de Jong - Messi, Suarez, Dembele (26. Griezmann) - Trainer: Valverde
Borussia Dortmund: Bürki - Piszczek (76. Zagadou), Akanji, Hummels, Guerreiro - Weigl, Witsel - Hakimi, Reus, Schulz (46. Sancho) - Brandt - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Clement Turpin (Frankreich)
Zuschauer: 90.071 im Camp Nou

Erst bereitete Sancho in Minute 60 die bis dahin beste Chance des BVB über Julian Brandt vor. Der scheiterte mit seiner flachen Direktabnahme aus kurzer Distanz aber an seinem stark reagierenden Nationalmannschaft-Kollegen Marc-André ter Stegen. Der verhinderte in der 87. Minute mit einer noch besseren Parade das 2:3, geschossen hatte - natürlich - Sancho. Zehn Minuten zuvor hatte der Engländer das Duell noch für sich entschieden: wuchtiger Abschluss aus 15 Metern, Tor, 1:3. Hoffnung. Aber zu spät. Die Konjunktiv-Diskussion, was wohl möglich gewesen wäre, hätte Sancho beginnen dürfen, wollte aber niemand bei der Borussia führen. Mats Hummels, der das 0:2 durch Messi mit einem fatalen Patzer eingeleitet hatte, erklärte später: "Das Thema möchte ich nicht öffentlich kommentieren. Er hat in der zweiten Halbzeit eine wirklich gute Reaktion gezeigt. Dafür großes Lob an ihn. Das hat er wirklich gut gemacht, mit großer Einsatzfreude, großem Engagement und einem schönen Tor. So soll das sein."

Ein Schritt aus der Krise, so wertete Zorc, sei das Spiel im legendären Camp Nou allerdings nicht gewesen. Diese muss nun unbedingt und endgültig in Berlin gestoppt werden. Dort entscheidet sich das Schicksal von Coach Lucien Favre. Und es ist vermutlich nicht übertrieben, zu sagen, dass das auch oder vor allem auf den Füßen von Jadon Sancho liegt.

Quelle: n-tv.de