Fußball

Messi zaubert, Favre zittert Wäre der BVB doch nur mutiger gewesen ...

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Die Leistung des BVB beim FC Barcelona war in Ordnung - mehr war sie nicht.

(Foto: REUTERS)

Der Kampf von Lucien Favre um seinen Arbeitsplatz bei Borussia Dortmund spitzt sich zu. Nach der klaren Niederlage in der Champions League beim FC Barcelona muss der Schweizer am Samstag in sein Schicksalsspiel - gegen Comebacker Jürgen Klinsmann.

Drei Stunden vor Spielbeginn war die Stimmung ausgelassen. Die Fans von Borussia Dortmund sangen sich in der U-Bahn warm: "Immer wenn Borussia spielt, steht die Kurve hinter dir, damit du nie alleine bist, Borussia BVB." Mehr als 5000 Anhänger in schwarz-gelb hatten ihren Verein in die katalanische Metropole begleitet, für den BVB war es ein Festakt, nie zuvor war das börsennotierte Fußballunternehmen in einem Champions-League-Spiel im berühmten Camp Nou angetreten, einzig beim europäischen Supercup 1998 hatte die Borussia ihre Visitenkarte beim 26-fachen spanischen Meister abgegeben.

Es wurde also mal wieder Zeit für ein Rendezvous mit dem Weltklub. Und selbst nach der verdienten 1:3-Niederlage am 5. Spieltag der Champions League werden viele Dortmunder mit einem Lächeln in den Schlaf gesunken sein. Sie können ihren Kindern und Enkeln berichten, Lionel Messi beim Fußballspielen zugesehen zu haben. Der Argentinier absolvierte sein 700. Spiel für den FC Barcelona, es ist immer noch eine Augenweide, dem begabtesten Spieler des Planeten dabei zuzusehen, wenn er den Ball streichelt.

Barça - BVB 3:1 (2:0)

Tore: 1:0 Suarez (29.), 2:0 Messi (33.), 3:0 Griezmann (67.), 3:1 Sancho (77.)
FC Barcelona: ter Stegen - Roberto, Umtiti, Lenglet, Firpo - Busquets - Rakitic (78. Vidal), de Jong - Messi, Suarez, Dembele (26. Griezmann) - Trainer: Valverde
Borussia Dortmund: Bürki - Piszczek (76. Zagadou), Akanji, Hummels, Guerreiro - Weigl, Witsel - Hakimi, Reus, Schulz (46. Sancho) - Brandt - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Clement Turpin (Frankreich)
Zuschauer: 90.071 im Camp Nou

Messi bereitete die Tore von Luis Suarez (29.) und Antoine Griezmann (67.) vor und erzielte eines selbst (33.). Wenn er mit dem Ball am Fuß das Tempo anzog, ging ein Raunen durch das mit 90.000 Besuchern gefüllte Camp Nou. Mats Hummels, Abwehrchef beim BVB und als Weltmeister von 2014 auch kein Leichtgewicht seiner Zunft, sah gegen den südamerikanischen Zauberer einige Male ziemlich alt aus. Seine Ehrfurcht bündelte er nach dem Abpfiff in einem einzigen Satz: "Das ist der beste Spieler, den ich je gesehen habe." Sein Trainer Lucien Favre formulierte es so: "Er war unglaublich, er bewegt sich sehr gut zwischen den Linien. Und wenn er den Ball hat und beschleunigt, ist es unmöglich, ihn zu stoppen. Das geht nur mit einem Foul."

Barça ist anfällig, der BVB verzagt

Allerdings offenbarte die immer wieder hinreißende Messi-Show beim FC Barcelona nur die eine Seite der Medaille. Die andere zeigte eine Mannschaft, die hinten durchaus verwundbar ist. Aber um die Schwächen von Barça in der Rückwärtsbewegung schonungslos offenzulegen, hätte die Borussia ihre Offensivbemühungen mit viel mehr Leidenschaft und Überzeugung vortragen müssen, als sie dies im Camp Nou über weite Strecken tat. Der BVB wirkt in diesen Tagen merkwürdig verzagt, die Rückschläge der letzten Wochen haben offensichtlich Spuren hinterlassen.

Die Borussia begann erst zu dem Zeitpunkt, als sie mit 0:3 ins Hintertreffen geraten war und der Gegner den Fuß vom Gas nahm, ansehnlich Fußball zu spielen. Torhüter Roman Bürki brachte es auf den Punkt: "Als Barça ein paar Gänge runtergeschaltet hat, haben wir unsere Chancen kreiert."

Es kriselt weiter beim Revierklub, der schauen muss, wie er sich im weiteren Saisonverlauf aufstellt. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte bei der Mitgliederversammlung am Sonntag erstmals offiziell eingeräumt, dass es sein Verein bei der Zusammenstellung des aktuellen Kaders versäumt hatte, einen zweiten Mittelstürmer neben dem verletzungsanfälligen Spanier Paco Alcácer zu verpflichten. "Wir hätten einen zweiten Neuner verpflichten müssen", sagte Watzke und kündigte an, nachzubessern, wenn sich im Januar das Transferfenster öffnet.

Favre geht die Souveränität ab

Bis dahin muss es das Personal richten, das zur Verfügung steht. Und das tut sich schwer damit, das zweifellos vorhandene Potenzial auf den Rasen zu bringen. Dabei wirkt der Trainer nicht immer souverän. Noch in der Pressekonferenz nach der knapp verhinderten Katastrophe gegen den SC Paderborn (3:3) am vergangenen Freitag hatte Lucien Favre betont, er stelle sich immer vor seine Mannschaft. Doch nun, wenige Tage später rückte er davon ab und zählte seinen Youngster Jadon Sancho, der zuletzt durch Hang zur Arroganz und Lustlosigkeit auffällig geworden war, öffentlich an. Auf die Frage, warum der Engländer nicht spiele, sagte Favre, er könne nur Spieler gebrauchen, "die auf dem Platz fokussiert und bereit sind".

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Als er kam, war er gut: Jadon Sancho.

(Foto: dpa)

Eine schallende Ohrfeige für einen, der mit dem Kopf zuletzt nicht bei der Sache war. Kein Zweifel, im Herbst des Jahres wird der Ton bei Borussia Dortmund hörbar rauer. Als Sancho dann in der zweiten Halbzeit für den zum wiederholten Male völlig indisponierten Nationalspieler Nico Schulz ins Spiel kam, wurde er zum besten Spieler seiner Mannschaft. Sancho erzielte den Ehrentreffer (77.) und fiel mit einem schönen Schuss an die Latte auf.

Alles in allem war das viel zu wenig, um aus der katalanischen Hauptstadt etwas mitzunehmen. "Jetzt haben wir es nicht mehr in der eigenen Hand", sagte Mats Hummels. Tatsächlich reicht ein Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Slavia Prag nicht aus, um ins Achtelfinale einzuziehen, wenn Inter Mailand sein Heimspiel gegen die bereits als Gruppensieger qualifizierten Spanier gewinnt. Ob Favre dann noch die Verantwortung für die Mannschaft hat, muss sich erst noch weisen.

Die samstägliche Begegnung bei Hertha BSC und deren neuem Trainer Jürgen Klinsmann wird für den Schweizer zum Schicksalsspiel. Nicht anders ist das Ultimatum zu verstehen, das Watzke den Vereinsmitgliedern jüngst mitteilte. Favre ist also in der Hauptstadt zum Siegen verdammt, um seinen Job zu retten. Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspieler-Abteilung, formulierte den Ist-Zustand so: "Wir wissen, wie wichtig die Bundesliga für uns ist. Wir müssen in Berlin dringend zurück in die Erfolgsspur." Und Michael Zorc sagte: "Da wollen wir die Trendwende und den Anschluss an die oberen Plätze schaffen." Mehr Druck geht nicht.

Quelle: n-tv.de