Fußball

Bierhoff will "keine Ausnahmen" Für Müller ist die DFB-Tür mehr zu als auf

Oliver Bierhoff lobt Thomas Müller, große Hoffnungen auf eine EM-Teilnahme 2021 macht er ihm im Gespräch mit RTL/ntv aber nicht. Vorsichtig optimistisch zeigt sich der DFB-Direktor allerdings beim Gedanken an eine baldige Wiederaufnahme der Länderspiele. Der DFB wäre für alle Chancen gerüstet.

Homeoffice statt EM-Auftakt: Eigentlich sollte heute die Fußball-Europameisterschaft starten, Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff wäre wohl voll im Turniermodus gewesen. Doch es kam anders: Das paneuropäische Turnier war eine der ersten Großveranstaltungen, die im Zuge der Corona-Pandemie verschoben wurden - in den Sommer 2021. Und Oliver Bierhoff sitzt statt mit der deutschen Nationalmannschaft im EM-Quartier in Herzogenaurach im Homeoffice in München. Von dort sprach er exklusiv mit der RTL/ntv-Sportredaktion über ...

... ein Comeback von Thomas Müller in der Nationalmannschaft

Für Thomas Müller, der derzeit beim FC Bayern historisch effektiv aufspielt und sich nach dem Abschied von Niko Kovac wieder zu einer unverzichtbaren Größe beim designierten Meister aufgeschwungen hat, hat Bierhoff keine guten Nachrichten. "Natürlich hat jeder immer eine Chance bis zur letzten Sekunde. Wir haben ja häufig gezeigt, dass die Trainer dann doch immer noch irgendetwas aus dem Hut zaubern", sagte er. "Natürlich ist die Leistung des Spielers wichtig. Und wenn jemand über längere Zeit eine gute Leistung bringt, sieht das ja auch der Bundestrainer."

Doch ausgerechnet ihre eigene große Historie im DFB-Dress könnte Müller, aber auch dem ebenfalls von Joachim Löw aussortierten Mats Hummels den Weg zurück in die Nationalmannschaft verbauen: "Hier in dem speziellen Fall ist es ja so: Das sind verdiente Spieler, man will da auch nicht mal hü und hott sagen und man will auf der anderen Seite auch den eingeschlagenen Weg mit den jungen Spielern weitergehen, was einfach auch bedeutet, dass man ihnen Zeit geben und sie nicht immer wieder bremsen muss. Insofern gehe ich davon aus, dass dieser Weg auch weiter verfolgt wird."

... Spieler, die besonders gut aus der Corona-Pause gekommen sind

Teil des Weges werden in jedem Fall Bayern-Profi Leon Goretzka und Vielleicht-bald-Klubkollege Kai Havertz (Bayer Leverkusen) sein, die "diese Pause fast genutzt haben, um sich noch einmal zu sammeln, Kraft zu tanken, um wirklich jetzt mit tollen Leistungen, Toren und wichtigen Spielen nachzukommen. Aber an sich darf man keinen besonders herausnehmen, da haben sich alle tapfer geschlagen."

… über die Chancen, die sich aus der EM-Absage ergeben

"Man weiß es nie. Es war zumindest nicht schädlich. Wir hätten natürlich spielen wollen, hätten uns auch entsprechend vorbereiten können. Aber wir haben natürlich, wenn die Länderspiele im Herbst stattfinden können, doch noch ein bisschen Zeit, eine Mannschaft zu finden und diesen jungen Spielern ein bisschen mehr internationale Erfahrung zu geben."

... die Wiederaufnahme der Länderspiele

Wie der Weg mit Goretzka und Havertz, aber ohne Müller und Hummels aussieht, soll die interessierte Fußball-Öffentlichkeit möglichst schnell wieder gut sichtbar mitverfolgen können: mit einer möglichst schnellen Wiederaufnahme der Länderspiele. "Wir haben eine eigene Gruppe, die sich mit der Wiederaufnahme der Länderspiele beschäftigt. Wir gehen weiterhin davon aus, das ist unsere Information, dass wir im September unsere Länderspiele haben. Wir werden dann auch wahrscheinlich die zwei verpassten Länderspiele aus dem März nachholen (in Spanien und gegen Italien - Anm. der Red.)." Die Uefa will am Mittwoch durch ihr Exekutivkomitee den Fahrplan für die Länderspiele nach der Corona-Pause festlegen. Laut Bierhoff dürften zunächst die im März ausgefallenen Test-Länderspiele in Spanien und gegen Italien nachgeholt werden.

Ob dann auch Fans in den Stadien sitzen und stehen dürfen? Der 53-Jährige ist zumindest vorsichtig optimistisch: "Vor drei, vier Wochen hätte ich gesagt, sehr unrealistisch, weil wir gesehen haben, welche strengen Maßnahmen wir ergriffen haben. Und es war gut, dass sich der Fußball auch an diese strengen Maßnahmen gehalten hat. Das ist eigentlich auch unsere Devise. Wir wollen weiterhin keine Ausnahme haben, wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen."

Der DFB wäre allerdings vorbereitet, wenn sich die Tür in Richtung einer schnellen Rückkehr zu Spielen vor mindestens einer begrenzten Anzahl an Zuschauern öffnen würde: "Wenn sich da eine Öffnung zeigt, sind wir natürlich auch diejenigen, die das gerne mitnehmen und versuchen, das verantwortungsvoll mitzugestalten. Insofern: Für mich wäre es schon ein Anreiz, neben der Einführung des Fußballs ohne Zuschauer die Einführung des Fußballs wieder mit Zuschauern aktiv mit unserem Team aus der Orga und der medizinischen Abteilung zu gestalten."

... die wirtschaftliche Bedeutung der Länderspiele

Dass die Länderspiele ausgetragen werden, ist auch wirtschaftlich wichtig für den DFB. Auch der Verband wird von den Auswirkungen der Pandemie hart getroffen. Wie hart, das lässt sich noch nicht abschätzen, "weil es natürlich extrem davon abhängt, ob wir Länderspiele im Herbst haben, ob wir dort Gelder generieren können aus den Zuschauereinnahmen, aus den Fernseheinnahmen vor allen Dingen, aus der Zentralvermarktung. Es wird uns auf alle Fälle treffen. Wir haben glücklicherweise gut gehaushaltet in den Jahren vorab, sodass wir natürlich auch ein paar Reserven haben. Aber die halten nicht ewig."

... die Möglichkeit von Gehaltsobergrenzen im Profi-Fußball

"Auf jeden Fall haben wir gemerkt, dass wir alle etwas ändern wollen, können und müssen. Dazu ist ja auch eine Krise gut, ein paar Dinge zu überdenken, die in der letzten Zeit vielleicht ein bisschen ausgeufert sind. Ob das in einer Gehaltsobergrenze enden wird, ist für mich fraglich unter europäischem Recht", dämpft Bierhoff die Erwartungen, die zuletzt DFB-Präsident Fritz Keller und FC Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mit ihren Vorstößen in Richtung einer Deckelung der Gehälter geweckt hatten.

"Aber ich glaube, wir müssen uns gemeinschaftlich in Europa auch mit der Uefa und mit den großen Vereinen hinsetzen und überlegen, wie können wir eigentlich einen interessanten, fairen Wettbewerb gestalten. Und dazu gehören natürlich solche finanziellen Vorgaben und Kontrollen, die wir teilweise auch in anderen Sportarten kennen."

Die Corona-Krise könnte aber auch zunächst zu einer wenigstens kurzzeitigen Beruhigung von Transfermarkt und Gehälter-Explosion führen. "Ich glaube auch, dass es mit Sicherheit auch eine gewisse wirtschaftliche Bereinigung gibt", sagte Bierhoff. "Viele Vereine sind jetzt erstmal auf die Bremse getreten. Was ein bisschen ausgeufert ist, können wir jetzt wieder ein bisschen einfangen und in ruhigere Gewässer bringen."

... Lehren aus der Corona-Krise

"Wir haben auf jeden Fall gesehen, wie uns das Spiel fehlt, sind uns aber auch bewusst geworden, dass diese Gunst und die Unterstützung der Fans nicht selbstverständlich ist, sondern dass wir uns im Fußball immer wieder darum bemühen müssen. Wir sehen aber auch, dass wir es als Land wieder einmal geschafft haben, aus einer solchen Krise eine Lösung zu kreieren, mit der alle gut leben können."

Quelle: ntv.de, ter