Fußball

Einzelkritik nach Instagram-Gate Gündogan trifft, Can fliegt, DFB-Elf fast durch

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Doppelpacker, Vorbereiter, Matchwinner: Ilkay Gündogan.

(Foto: picture alliance/dpa)

Weil Emre Can und Ilkay Gündogan Fotos gut finden, auf denen türkische Fußballer für türkische Soldaten in Nordsyrien salutieren, geht es beim EM-Qualifikationsspiel der DFB-Elf in Estland nicht nur um Fußball. Beim deutschen Unterzahl-Sieg spielen dann beide eine tragende Rolle.

Tja, so richtig gut war das nicht. Ehrlicherweise war es sogar eher schlecht. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat aber am Sonntagabend in Tallinn gegen Estland ihr Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2020 mit 3:0 (0:0) gewonnen. Allerdings spielte sie gut 75 Minuten in Unterzahl, da Emre Can in der 14. Minute die Rote Karte sah. Ilkay Gündogan war es, der in der 51. und 57. Minute mit zwei abgefälschten Schüssen vor 12.062 Zuschauern die Weichen auf Sieg stellte. Der eingewechselte Timo Werner sorgte in der 71. Minute auf Vorlage von Gündogan für das dritte Tor. Und ja: Insgesamt war der Sieg natürlich verdient, großes Kino war es aber nicht.

Estland - Deutschland 0:3 (0:0)

Tore: 0:1, 0:2 Gündogan (51./57), 0:3 Werner (71.)

Estland: Lepmets - Baranov, Tamm, Mets, Pikk - Antonov - Kams, Ainsalu, Vassiljev (61. Käit), Liivak (77. Ojamaa) - Sappinen (56. Zenjov) - Trainer: Voolaid
Deutschland: Neuer - Klostermann, Can, Süle, Halstenberg - Gündogan, Kimmich - Havertz, Reus (77. Serdar), Brandt (86. Amiri) - Waldschmidt. - Trainer: Löw

Referee: Kabakow (Bulgarien) Zuschauer: 12.062

Die Esten können sich darüber freuen, dass sie unter dem neuen Trainer Karel Voolaid viel mutiger spielen und sich gegenüber dem Hinspiel um fünf Tore verbessert haben. Und die DFB-Zehn kann froh sein, dass sie auf dem zweiten Tabellenplatz der Gruppe C drei Punkte Vorsprung auf Nordirland hat, am 19. November in Frankfurt letzter Gegner in dieser Ausscheidungsrunde. Drei Tage vorher, am 16. November, spielt die DFB-Elf in Mönchengladbach gegen Weißrussland, (beide Spiele ab 20.45 Uhr bei RTL überträgt und im Liveticker bei n-tv.de).  Mit zwei Siegen ist das deutsche Team auf jeden Fall bei der EM dabei. So viel vorerst zum Sport, es ist noch etwas passiert.

Sehr dumme Aktion, mindestens

Es begann mit einer Meldung der "Bild"-Zeitung am Nachmittag. Can und Gündogan hatten unter einen Instagram-Post des türkischen Nationalspielers Cenk Tosun ihre Likes gesetzt, die aber später zurückgenommen. Auf dem Foto sind Nationalspieler zu sehen, die nach dem 1:0-Sieg der Türkei in Istanbul gegen Albanien in Richtung Tribüne salutieren. Darunter hatte Tosun geschrieben: "Für unsere Nation. Vor allem für jene, die für unser Land ihr Leben riskieren."

Das türkische Militär kämpft gegen die Kurdenmiliz YPG, die in Nordsyrien an der Grenze zur Türkei ein großes Gebiet kontrolliert. Unter dem Einmarsch leidet die Bevölkerung. Mehr als 100.000 Menschen sollen vertrieben worden sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aufgefordert, die Angriffe sofort zu beenden.

Gündogan sagte: "Das war kein politisches Statement. Emre und ich sind beide gegen Krieg und jeglichen Terror. Das war einfach nur eine Unterstützung für einen Freund." Da hätte ja auch niemand mit rechnen können, dass das so interpretiert wird. Wie auch immer sie intendiert war, es war eine sehr dumme Aktion. Can und Gündogan müssen wissen, dass sie als Nationalspieler unter Beobachtung stehen. Sie sollten sich überlegen, was sie wo öffentlich gut finden. Nun zurück zum Sport, wir machen ansatzlos mit der Einzelkritik weiter:

Manuel Neuer: Wieder zurück im DFB-Tor. Naja, der 33 Jahre alte Torhüter des FC Bayern war ja auch nicht wirklich weg. Spielte die DFB-Elf am Mittwoch beim 2:2 gegen Argentinien noch erstmals seit dem WM-Finale in Rio de Janeiro am 13. Juli 2014 ohne einen Weltmeister, war in Tallinn zumindest einer wieder dabei. Mit seinen 91 Länderspielen hat Neuer fast doppelt so viele Einsätze wie Joshua Kimmich und Marco Reus, die ihm in der Erfahrungsrangliste folgen. Bundestrainer Joachim Löw fasste die Leistung des Kapitäns ganz gut zusammen: "Er hat gehalten, was er halten musste." Und: "Allzu viel auszeichnen konnte er sich nicht." Noch Fragen? Für heute nicht.

Lukas Klostermann: Wie schon beim 2:2 beim Test in Dortmund gegen Argentinien überzeugte der 23 Jahre alte Leipziger als ein rechter Verteidiger, der in der Offensive seine Stärken hat, auch wenn es in Tallinn nicht für den Status eines Flankengotts gereicht hat. Immerhin war er mit seinem Drang nach vorne und seiner Schnelligkeit daran beteiligt, dass der Kollege Gündogan das 2:0 erzielen konnte - mit einer Flanke. In seinem sechsten Länderspiel musste er sich nach der Roten Karte gegen Can etwas zurückhalten und sich in der Abwehr einige Male um Konstantin Vassiljew kümmern.

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Kurzarbeiter Can.

(Foto: picture alliance/dpa)

Emre Can: Glückwunsch, das ist ein Rekord. Nein, nicht sein idiotischer Instagram-Like. Seine Rote Karte in der 14. Minute. Noch nie in der seit einhundertelfeinhalb Jahren währenden Länderspielgeschichte des DFB ist ein Spieler früher des Feldes verwiesen worden. Der bulgarische Schiedsrichter Georgi Kabakow wertete Cans Foul an Frank Liivak zurecht als Notbremse und zeigte dem 25 Jahre alten Mittelfeldspieler von Juventus Turin folgerichtig Rot. Bis dahin hatte er in seinem 24. Länderspiel etwas positionsfremd neben Niklas Süle in der Innenverteidigung agiert, ehe ihn Süle quasi zum Rekord zwang. Der Kollege hatte Can mit einem schlampigen Querpass zur Grätsche gegen Liivak gezwungen. Für Can kam - kleiner Scherz - niemand natürlich. Der Kollege Kimmich rückte von der Sechserposition nach hinten in die Innenverteidigung.

Niklas Süle: Seinen unglücklichen Pass zum hinterher mutmaßlich noch unglücklicheren Can hatten wir erwähnt. Auch ansonsten verrichtete der 24 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern in seinem 24. Länderspiel seine Arbeit nicht ganz so souverän, wie er es ansonsten tut. Nach einer halben Stunde zum Beispiel ließ er den bereits erwähnten Vassiljew einfach den Ball aufs Tor schießen. Torhüter Neuer hatte allerdings mit dem Volleyschuss aus elf Metern keine Probleme.

Marcel Halstenberg: Der zweite Leipziger Außenverteidiger in der Startelf fiel wie schon gegen Argentinien auch in seinem sechsten Länderspiel im Vergleich mit Klostermann etwas ab, was nicht heißt, dass er schlecht gespielt hätte. Auch er war in Unterzahl mehr in der Defensive gefordert, als sein Trainer und er es geplant hatten. Auf der linken Seite ist der 28 Jahre alte Abwehrspieler trotz einiger Unsicherheiten gegen Estland eine zumindest solide Option, noch vor dem derzeit verletzten Jonas Hector vom 1. FC Köln. Allerdings ist bald Nico Schulz von Borussia Dortmund wieder genesen, er trainiert schon wieder mit der Mannschaft. Dann könnte es eng werden für Halstenberg.

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Wichtig ist auf dem Platz: Doppelpacker Gündogan.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ilkay Gündogan: Wie es halt so ist, war der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler von Manchester City der beste Spieler seiner Mannschaft, was ihm die Entscheidung zwischen Sport und Politik eigentlich leicht machen dürfte. In seinem 35. Länderspiel hatte er, die Statistiker von Opta haben es gezählt, 180 Ballaktionen. Auch das ist, schöne Grüße an den Kollegen Can, ein Rekord im DFB-Team. Aber das war ja nicht alles, er schoss sein sechstes und sein siebtes Tor für die Nationalmannschaft. Nach dem 1:0, das in Unterzahl so unwichtig nicht war, schlug er sich mit der flachen rechten Hand und gespreizten Fingern aufs Herz. Das ist etwas unterhalb der Stelle, wo sich das Logo des DFB auf dem Trikot befindet. Ob das eine tiefere Bedeutung hatte, dürfen die Gestik Exegeten entscheiden. Ach ja, das 3:0 bereitete Gündogan auch noch vor. Im defensiven Mittelfeld war er der Antreiber im Spiel seines Teams, stets anspielbar, stets unterwegs - guter Fußballer, der Mann. Dafür gibt's ein Like.

Joshua Kimmich: Innenverteidiger neben dem 19 Zentimeter längeren Klubkollegen Süle statt mit Gündogan auf der Doppelsechs? Für den 24 Jahre alten Alleskönner des FC Bayern war das in seinem 46. Länderspiel nach Cans Platzverweis kein Problem. Er rackert, aggressiv wie und je und zeigte, dass er sich wirklich für nichts zu schade ist. Auf der Position in der Zentrale der Viererkette konnte er zwar offensiv nicht so wirken wie sonst, das war aber nicht so das Problem, da Gündogan das übernahm. Kleiner Funfact: Als einziger Spieler stand Kimmich nun 21 Mal hintereinander in der Startelf. Prognose: Die 23 macht er in diesem Jahr noch voll.

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Havertz freut sich mit Gündogan über dessen Führungstreffer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kai Havertz: Gegen Argentinien durfte er, weil so viele andere fehlten, endlich einmal von Beginn an spielen. In Dortmund zeigte er, was für ein toller Fußballer er ist, in Tallinn deutete er das höchstens an. Vor der Pause gelang dem 20 Jahre alten Spielmacher von Bayer 04 Leverkusen in seinem siebten Länderspiel so gut wie nichts, er leistete sich auf der ungewohnten rechten Angriffsseite ungewohnt viele Abspielfehler und schien sich bisweilen vor dem Ball zu verstecken, nachdem er ihm einige Male versprungen war. In der zweiten Halbzeit war es auch nicht viel besser. Schade eigentlich, aber das war nicht sein Abend. Immerhin leistete er einen Beitrag zum ersten Tor, als sein Zuspiel auf Luca Waldschmidt abgeblockt wurde, und der Ball irgendwie bei Gündogan landete.

Marco Reus: Fangen wir mit den positiven Sachen an. Sein Freistoß fünf Minuten vor der Pause war wirklich schön, zu seinem und zum Unglück seiner Mannschaft flog der Ball ans Lattenkreuz des von Sergei Lepmets gut gehüteten estnischen Tores. Vor dem 2:0 des Kollegen Gündogan legte er prima und gezielt mit der Hacke zurück, eleganter Trick. Beim 1:0 hatte er auch seine Hacke im Spiel, er fälschte unfreiwillig, aber wohl entscheidend den Schuss ab. Und der 30 Jahre alte Dortmunder Offensivspieler sicherte in seinem 44. Länderspiel aufopferungsvoll nach hinten ab, nachdem aus der DFB-Elf eine DFB-Zehn geworden war. Ansonsten war aber nicht viel von ihm zu sehen, das war ein bisschen enttäuschend. Nach 77 Minuten wechselte der Bundestrainer ihn gegen den 22 Jahre alten Suat Serdar vom FC Schalke 04, der gegen Argentinien debütiert hatte, aus. Nun kommt er auf zwei Länderspiele, viel bewirken konnte er in der letzten Viertelstunde nicht.

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Brandt traf gegen Estland nicht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Julian Brandt: Ähnlich wie Havertz, Freund aus gemeinsamen Leverkusener Tagen, hatte der 23 Jahre alte Dortmunder keinen guten Abend am Finnischen Meerbusen erwischt. In seinem 29. Länderspiel vermittelte der Offensivspieler selbst dem geneigten Zuschauer nicht den Eindruck, als könnte er dem Tor der Gastgeber gefährlich werden. Einen guten Schuss gab er ab, den Lepmets in der 72. Minute aber parierte. Ansonsten wirkte Brandt so, als gebe er sich damit zufrieden, gut mit dem Ball umgehen zu können, aber keiner zu sein, der einspringt, wenn es ernst wird. Und das mit den Zweikämpfen ist auch seine Sache nicht. Für einen, der die Nummer zehn trägt und gesagt hat, er sehe sich durchaus als Nachfolger Mesut Özils, ist das zu wenig. Vier Minuten vor dem Ende der Partie ging er raus, es kam der 22 Jahre alte Leverkusener Nadiem Amiri. Auch er hatte in Dortmund seinen Einstand gegeben, auch er kommt also jetzt auf zwei Länderspiele.

Luca Waldschmidt: Weil sich der Münchner Serge Gnabry kurzfristig mit der Standardverletzung deutscher Nationalspieler abgemeldet hatte, kam der 23 Jahre alte Freiburger als Mittelstürmer zu seinem zweiten Länderspiel, nachdem er auch schon in Dortmund in der Startelf stand. Sagen wir es so: Gnabry kann es besser, aber er hatte ja muskuläre Probleme. Allerdings litt Waldschmidt auch darunter, dass er selten gut angespielt wurde. Er mühte sich, lief eifrig die Abwehrspieler an und scheute auch die Zweikämpfe nicht. In der 25. Minute schoss er einmal aus der Distanz aufs Tor, Lepmets aber wehrte den Aufsetzer ab. Nach 66 Minuten war Schluss, für ihn kam der 23 Jahre alte Timo Werner in die Partie und so zu seinem 28. Länderspiel. Das ließ sich insofern gut an, als dass er fünf Minuten später das 3:0 schoss, es war sein elftes Tor für die Nationalmannschaft. Sagen wir es so: Er hinterließ in der Kürze der Zeit einen besseren Eindruck als Waldschmidt.

Quelle: n-tv.de

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