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Auftakt-Lehren des FC Bayern Hinten wackelt's oft, vorne zappelt's selten

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Ist das dieser Coutinho? Robert Lewandowski, Thomas Müller - und Maskottchen Berni.

(Foto: imago images / ULMER Pressebildagentur)

Wieder kassiert der FC Bayern ein Tor nach Ballverlust. Vorne trifft gegen die Hertha im ersten Saisonspiel der Fußball-Bundesliga nur Robert Lewandowski, das Spiel ist zu abhängig Serge Gnabry und Kingsley Coman. Will der Klub Titel gewinnen, muss er noch einiges ändern.

1. Der FC Bayern ist (zu) abhängig

71 Prozent Ballbesitz, 17:6 Torschüssen sowie 12:0 Ecken - demnach hat der FC Bayern die Hertha aus Berlin zum Auftakt der Fußball-Bundesliga dominiert. Auf dem Rasen aber waren die Angriffe meist viel zu durchschaubar. Thiago Alcántara trieb den Ball durchs Mittelfeld, irgendwann passte er nach außen. Serge Gnabry oder Kingsley Coman dribbelten und suchten in der Mitte verzweifelt und meist vergeblich Robert Lewandowski. Ohne neue Ideen wird es für die Defensiven der Liga und Europas nicht allzu kompliziert, diese Bayern auszurechnen. Hier muss auch Trainer Niko Kovac schneller reagieren, variabler taktieren.

FC Bayern - Hertha 2:2 (1:2)

Tore: 1:0 Lewandowski (24.), 1:1 Lukebakio (36.), 1:2 Grujic (38.), 2:2 Lewandowski (60., Foulelfmeter nach Videobeweis)
FC Bayern:
Neuer - Kimmich, Süle, Pavard, Alaba - Thiago - Thomas Müller (85. Sanches), Tolisso - Gnabry (86. Davies), Lewandowski, Coman. - Trainer: Kovac.
Hertha BSC: Jarstein - Klünter, Stark, Rekik - Grujic, Darida - Leckie, Duda (78. Skjelbred), Mittelstädt - Lukebakio (68. Selke), Ibisevic (63. Esswein). - Trainer: Covic.
Schiedsrichter: Osmers (Hannover)
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)

Die drei Offensivkünstler besitzen große Fähigkeiten und sind stets für eine Torchance und einen Treffer gut. Aber: Gnabry und Coman sind noch nicht auf dem Level von Arjen Robben und Franck Ribéry. Noch können sie nicht, wenn nötig, den Gegner im Alleingang besiegen, vor allem nicht in der Champions League gegen Barcelona, die Teams aus Manchester oder Paris. Beide sind oft verletzt. Nur Lewandowski trifft regelmäßig, die Chancenauswertung bleibt mangelhaft. Fallen Coman oder Gnabry aus, kann der neue Flügelspieler Ivan Perisic sie nicht eins zu eins ersetzen, wenn er nicht Unterstützung von einem variableren Spielsystem bekommt. Fällt Lewandowski aus, gibt es keinen ansatzweise adäquaten Ersatz.

2. Es müllert längst nicht mehr

Thomas Müller erzählt zwar im Stadionheft, dass sein Körper "noch nicht knarzt, keine Sorge". Doch der Weltmeister wird im September 30 Jahre alt. Und nachdem er im DFB-Pokal in Cottbus gezeigt hatte, dass er auf der rechten Außenposition kaum zu gebrauchen ist, wurde gegen Hertha BSC offensichtlich, dass er in der offensiven Zentrale wie auch auf der Acht ebenfalls überfordert ist. Formkrise oder konstanter Formabbau? Während Thiago das Spiel von hinten heraus steuert, fehlt ein Spieler, der die Kreativität über die Mitte bis ins Sturmzentrum tragen kann. Daher kommt Philippe Coutinho gerade recht. Torgefahr, Überraschungsmomente, Dribblings: Der Brasilianer kann all das und die Mitte wieder gefährlich machen. Kann. Denn ein Coutinho allein wird die offensive Zentrale, besonders im europäischen Vergleich, auch nicht von heute auf morgen in die Weltklasse befördern.

3. Die Abwehr wackelt, besonders nach Ballverlusten

Es gab Jahre, da war es ein Erfolg, überhaupt mal einen Schuss auf das Tor von Manuel Neuer abzugeben, geschweige denn zu treffen. Diese Zeit war in der vergangenen Saison vorbei. Auch 2019 gilt: Gegen die Bayern Tore zu erzielen, das ist im Umschaltspiel ziemlich einfach. Die Spiele gegen Dortmund im Supercup (zwei Konter-Tore), Cottbus (Elfmetertor nach Konter nach Kimmich-Fehlpass) und der Bundesliga-Auftakt gegen Berlin (das 1:2 fiel nach einem Ballverlust im Mittelfeld) zeigen, dass sich noch nichts gebessert hat.

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Gesetzt: Innenverteidiger Niklas Süle, hier gegen den Berliner Vedad Ibisevic.

(Foto: imago images / ActionPictures)

Der FCB steht in einem 4-3-3 sehr hoch und ist damit konteranfällig. Hier muss Kovac eingreifen und darf sich auch nicht von taktischen Veränderungen des Gegners überrumpeln lassen. "Wir spielen es so, seit ich hier bin, und ich habe mich komplett daran gewöhnt, 90 Minuten im Eins-gegen-eins mit dem Stürmer an der Mittellinie zu stehen", sagte Abwehrchef Niklas Süle. "Wir werden es nicht ändern, nur weil es ein oder zwei Spiele ein abgefälschtes Tor gibt." Allerdings hagelte es in der Saison 2018/2019 ganze 32 dieser Gegentore. Zehn mehr als in der Saison 2016/2017, 15 mehr als in der Saison 2015/2016 und 14 mehr als in der Saison 2014/2015. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge hat das Dilemma erkannt: "Wir haben hinten bei den zwei Toren nicht gut ausgesehen. Das muss man kritisch bemerken."

4. Die richtige Besetzung der Abwehr steht noch nicht fest

Mats Hummels, meist mit Süle in der Innenverteidigung, ist nun in Dortmund. Nun streiten sich Benjamin Pavard und Lucas Hernández sowie Javi Martínez und Jérôme Boateng um den Platz neben dem deutschen Nationalverteidiger. Pavard erhielt in Cottbus und gegen Berlin den Vorzug, zeigte nach vorne dynamische Akzente, war hinten aber nicht immer sicher. Über Hernández sagte Rummenigge, dass er ihn "für einen der besten Verteidiger der Welt" hält. Ist er komplett im Saft, dürfte der Weltmeister von 2018 die Nase vorn haben. Er muss sich aber noch in der Liga beweisen. Und Boateng? War er schon weg, dann schien er nach starker Vorbereitung wieder wichtig zu sein. Nun sagte Rummenigge: "Ich will weder hü noch hott sagen. Das Transferfenster ist bis zum 2. September auf. Dann wird man sehen, wie sich das ganze entwickelt." Der Umbruch in der Innenverteidigung ist noch lange nicht abgeschlossen, bei allen neuen Varianten muss die richtige gefunden werden.

5. Zu lange darf der FCB nicht schwächeln

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Ruhig an: Karl-Heinz Rummenigge. Aber wer ist der Mann links?

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Dass neue Spieler nicht immer wie geplant sofort helfen können, zeigte die Sperre von Ivan Perisic auf fast komische Art und Weise. Coutinho wird sich auch noch an die Mitspieler, das Spielsystem und die Liga gewöhnen müssen. Die Saison ist zum Glück noch lang: Doch wie lange darf sich der FC Bayern neu ordnen? Rummenigge rief zur Ruhe auf: "Nach dem zehnten Spieltag kann man ein Fazit ziehen, wie die Saison ist. Am ersten Spieltag tasten sich alle noch ein bisschen an die Saison heran." Süle erkannte sogar an, dass "Punktspiele schon etwas anderes als Vorbereitung sind" und dass man "den Spielbetrieb richtig aufnehmen" und "sicherlich noch einige Sachen bearbeiten" müsse. Dortmund, Leipzig und Leverkusen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die Münchner müssen liefern, am kommenden Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) geht's zum FC Schalke 04. Ansonsten rennt der BVB gleich davon, weil er sich über Monate mit allen neuen Akteuren einspielen konnte. Auch die ersten Champions-League-Wochen kommen schneller als das Bayern-Umschaltspiel läuft.

6. Jupp, wo bist du?

Kovac bleibt ein Trainer auf Bewährung. Wenn es nun mit den Zugängen nicht laufen sollte, wird der von Rummenigge (und auch einigen Fans) wenig geliebte und häufig kritisierte Trainer seinen wackligen Stuhl ähnlich schnell verlieren wie Ancelotti im September 2017. Ob Jupp Heynckes schon vorsorglich vor Uli Hoeneß ins Ausland geflohen ist?

Quelle: n-tv.de

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