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Brinkmann und Mattuschka klönen "In der 2. Liga gibt's öfter auf die Ruten"

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Laut Torsten Mattuschka werden langjährige Bundesligaprofis wie Lewis Holtby vom HSV in der 2. Liga einen neuen Druck zu spüren bekommen.

(Foto: imago/MIS)

Als große Favoriten auf den Aufstieg gehen der 1. FC Köln und der Hamburger SV in die neue Spielzeit der 2. Fußball-Bundesliga. Ein Selbstläufer wird die Saison für die beiden Klubs aber keinesfalls. "Die 2. Liga ist gefährlich", sind Ansgar Brinkmann und Torsten Mattuschka überzeugt. Im Interview mit n-tv.de freuen sich die beiden ehemaligen Zweitliga-Spieler vor dem Saisonstart über eine Liga mit so vielen Traditionsklubs wie lange nicht mehr, orakeln über Überraschungsteams und erklären, warum Typen im deutschen Profifußball immer seltener werden.

Der Hamburger SV hat sich jahrelang um Gastspiele in Sandhausen bemüht, nun hat's endlich geklappt. Ein Gewinn für die 2. Liga?

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Ansgar Brinkmann absolvierte in seiner Karriere 316 Partien in der 2. Bundesliga - VfL Osnabrück, Preußen Münster, FC Gütersloh, 1. FSV Mainz 05, Eintracht Frankfurt, Tennis Borussia Berlin, Arminia Bielefeld, LR Ahlen und Dynamo Dresden sind die Klubs in der Zweitliga-Vita des 49-Jährigen.

(Foto: imago/onemorepicture)

Ansgar Brinkmann: Der Hamburger SV hat den Abstieg ja seit vier, fünf Jahren vorbereitet. Irgendwann bist du halt mal dran. Für die Personalpolitik, die sie betrieben haben und das ganze Geld, das sie verbrannt haben, sind sie bestraft worden. Für die 2. Liga ist der HSV ein großer Gewinn. Der Name bringt Aufmerksamkeit.

Torsten Mattuschka: Da hat er Recht, der Ansgar. Dazu gibt's noch ein geiles Derby.

Brinkmann: Genau, St. Pauli gegen HSV.

Mattuschka: Auch sonst freut sich wohl jeder, wenn der HSV kommt. Mal gucken, wie die Burschen sich anstellen.

Der 1. FC Köln und der HSV sind Aufstiegsfavoriten. Wird die neue Saison langweilig?

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Torsten Mattuschka kam in seiner Karriere auf 171 Zweitliga-Partien, die er allesamt für den 1. FC Union Berlin bestritten hat. Aktuell ist der 37-Jährige Co-Trainer beim Berliner Regionalligisten VSG Altglienicke.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Mattuschka: So klar ist das gar nicht. Natürlich haben Köln und Hamburg den größten Etat, wahrscheinlich auch die besten Mannschaften. Aber die 2. Liga wird immer ausgeglichener. Mit dem FC Ingolstadt und dem VfL Bochum werden gute Truppen dabei sein. Natürlich hoffe ich, dass der 1. FC Union Berlin oben mitspielt. Und irgendeine Überraschungsmannschaft hast du jedes Jahr. Deshalb wird das keinesfalls ein Selbstläufer für Köln und Hamburg. Gegen die sind alle heiß. Die beiden müssen jedes Spiel liefern, am besten jedes Spiel gewinnen. Langjährige Bundesligaspieler wie Lewis Holtby und Aaron Hunt werden merken, dass die 2. Liga schon was anderes ist. Da gibt es nicht so viel Zeit und Platz wie in der Bundesliga, gerade was das Mittelfeld betrifft. Da gibt's bestimmt öfter auf die Ruten als in der 1. Liga.

Brinkmann: Da bin ich absolut konform. In der 2. Liga hast du weniger Zeit, noch mehr Pressing. Das ist unangenehm. Die 2. Liga ist kein bunter Teller. Duelle gegen den Hamburger SV und den 1. FC Köln sind für jeden anderen Verein Spiele des Jahres. Das macht nochmal Kräfte frei. Das bereichert auf jeden Fall die Liga. Sowieso sind mit Köln, 1. FC Magdeburg, Arminia Bielefeld und Hamburg schon ein paar interessante Teams dabei. Was Tradition anbetrifft, ist die 2. Liga dieses Jahr echt 'nen Brett.

Das Überraschungsteam in der vergangenen Saison war Kiel. Wer wird es diesmal?

Mattuschka: Vielleicht Magdeburg, die sind nach dem Aufstieg euphorisch. Mit den Fans kann dort richtig was entstehen. Dazu gibt es immer eklige Mannschaften, die eine ganz gute Truppe zusammen haben und die Liga schon länger kennen. Von allen Mannschaften hat Köln aber wohl die beste. Dann kommt sicherlich Hamburg, wobei das eine sehr junge Truppe ist. Der Erfolgsdruck von Fans, Journalisten und Experten wird dazu enorm sein.

Brinkmann: Ich sehe auch bei Köln und Hamburg die besten Kader. Trotzdem muss man etwa sechs Spieltage abwarten, um mehr sagen zu können. Normalerweise setzt sich über 34 Spiele Qualität durch. Für Hamburg ist die 2. Liga aber Neuland. Es ist nicht so wie in der 3. Liga, wo du mit einem überragenden Kader relativ sicher davon ausgehen kannst, dass es gut geht. Die 2. Liga ist gefährlich, definitiv auch für Köln und Hamburg.

Für wen wird's diesmal eng?

Mattuschka: Letzte Saison musste fast die halbe Liga bis zum Schluss gegen den Abstieg kämpfen. Diesmal wird sicherlich Kiel Probleme bekommen. Nach dem verpassten Aufstieg in die Bundesliga dürfte es für sie schwer werden. Dort sind viele gute Spieler weg. Das zweite Jahr ist ohnehin meist härter als das erste. Sandhausen und Regensburg dürften auch zu kämpfen haben.

Brinkmann: Das sind die üblichen Verdächtigen mit den meisten Problemen. Sollten die nichts mit dem Abstieg zu tun haben, würde das jeden überraschen. Die letzte Saison hat aber gezeigt, dass alle irgendwie unten reinrutschen können. Die Leistungsstärke war sehr ausgeglichen. Mal gucken, wie es dieses Jahr ist.

Typen wie Sie sind im Profifußball rar geworden, selbst in der 2. Liga. Warum?

Mattuschka: Irgendwie schreien alle ständig nach Typen. Aber heutzutage werden die Jungs schon mit 16 oder 17 weichgespült. Wenn jemand mal ein bisschen austickt, wird er meist rausgeschmissen und ist vermeintlich nicht mehr gut genug. Das Problem ist, dass die Klubs heute keine andere Meinung hören wollen. Typen, die eine Mannschaft mitreißen können, auf dem Platz vorweg gehen und mal unangenehme Dinge ansprechen, werden seltener. Dabei tut das einer Mannschaft auch in erfolgreichen Zeiten gut. Wenn's scheiße läuft, kommen alle aus ihren Ecken und kritisieren. Aber wenn's gut läuft, müssen Probleme im Team ebenso besprochen werden, um noch besser zu werden. Kritische Spieler will aber kaum ein Trainer. So hält jeder lieber seine Fresse und schwimmt irgendwie mit. Das wird immer schlimmer. Solche Typen wie Ansgar, Effe oder mich wird's kaum noch geben.

Brinkmann: Wenn du im Fußball nach Freigeistern suchst, ist das echt schwierig. Nur ein Beispiel: Leroy Sané. Wenn ich den mit der internen Begründung zu Hause lasse, dass er ein "schwieriger Typ" ist, dann muss ich wirklich sagen: Wenn jemand Leistung bringt, darf er auch Selbstvertrauen haben. Das gehört zum Leistungssport. Dann darf er den Bogen auch mal überspannen. Dafür haben sie beim DFB einen Bundestrainer, dann noch fünf Trainer und fünf Psychologen. Es ist ihr Job, dass dieser 20-Jährige funktioniert. Es kann nicht sein, dass wir den talentiertesten Spieler, den wir im Eins-gegen-Eins haben und der gerade in England die zweitmeisten Tore vorbereitet hat, zu Hause lassen. Das sagt doch viel über den Trainer, Führung und Hierarchien aus.

Worauf kommt es stattdessen an?

Brinkmann: Die Jungs müssen individuell gefördert werden. Aber natürlich müssen sie auch im Kollektiv funktionieren und dürfen nicht egoistisch sein. Doch wenn du nur die Schablone auf die Jungs draufhaust, fragen Reporter bald: 'Wie fühlst du dich?' Und die Spieler antworten: 'Da müssen Sie den Trainer fragen.' Davon sind wir nicht mehr weit entfernt. Dazu darf es aber nicht kommen.

Mit Ansgar Brinkmann und Torsten Mattuschka sprach Christoph Rieke

Quelle: n-tv.de

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