Fußball

Kompetenz-Streit eskaliert Klinsmann greift Hertha-Manager Preetz an

imago45254601h.jpg

Klinsmann wollte Preetz' Aufgaben übernehmen.

(Foto: imago images/Bernd König)

Per Livestream äußert sich Jürgen Klinsmann zu seinem plötzlichen Abschied bei Hertha BSC. Den Trainer stört es, dass er sich die sportliche Leitung mit Manager Michael Preetz teilen musste. Sein angekündigter Fan-Dialog verkommt zum Rechtfertigungsmonolog.

Der Konflikt mit Manager Michael Preetz war für Jürgen Klinsmann der entscheidende Grund, sich nach nur 76 Tagen schon wieder als Trainer bei Hertha BSC zurückzuziehen. So zumindest erklärte sich der Nicht-mehr-Coach des Fußball-Bundesligisten in einem Facebook-Livestream. Klinsmann nutzte den 13 Minuten langen Monolog, um seine Sicht auf seinen unerwarteten Abschied beim Hauptstadtklub darzulegen. In der Auseinandersetzung mit Preetz ging es dabei nicht um mangelnde Sympathie auf persönlicher Ebene. Sondern um die bis zu Klinsmanns Rücktritt am Dienstagmorgen ungeklärte Frage: Wer ist für welche Entscheidungen zuständig?

"Letztendlich darf es nur einen geben, der entscheidet, und das ist der Trainer", sagte Klinsmann. Der 55-Jährige bestätigte damit Medienberichte, wonach er mehr Macht in der sportlichen Führung gefordert habe. Die "Aufteilung der Kompetenzen haben wir nie hinbekommen" - denn Klinsmann wünschte sich die Kontrolle auch über den Bereich, den Manager Preetz verantwortet. Ob Spielertransfers, Trainingsplanung oder Personal rund um die Mannschaft wie etwa die Physiotherapeuten, all das wollte Klinsmann selbst entscheiden. So wie es etwa in England üblich ist, wo der Teammanager die Aufgaben der im deutschen Fußball üblichen Unterteilung in Trainer und Manager in sich vereint. "Da haben wir uns in vielen Nebenkriegsschauplätzen aufgerieben", erklärte der Zurückgetretene. Darüber, dass er sich offenbar schlicht nicht bewusst war, dass sich Bundesligisten anders aufstellen als Premier-League-Teams, sprach er jedoch nicht. Auch, dass er Preetz damit praktisch überflüssig machen würde, sagte er nicht.

*Datenschutz

Bereits im Trainingslager Anfang Januar habe Klinsmann deshalb "der Vereinsspitze gesagt, ich kann mir vorstellen, länger zu bleiben". Allerdings verbunden damit, deutlich mehr Einfluss zu gewinnen. Darüber sei jedoch keine Einigung möglich gewesen. Bis zu seinem Abschied habe es keinen Arbeitsvertrag gegeben, der dieses Problem hätte lösen können. "Geld war nie ein Thema", kommentierte er Medienberichte, nach denen er eine deutliche Erhöhung seines für diese Saison auf zwei Millionen Euro geschätzten Gehalts verlangt habe. Stattdessen sprach er wiederholt den Konflikt mit Manager Preetz an. Klinsmann störte sich nicht nur am zusätzlichen Vorgesetzten - in England sei das eben "nur der Klubchef" -, sondern auch an dessen Einmischung ins Alltagsgeschäft. Etwa während der Spiele: "Das hat mich gestört, dass immer noch jemand ist, der Kommentare gibt".

Abgang war "frag- und kritikwürdig"

Ein klein wenig Selbstkritik gab es von Klinsmann auch zu hören. Als "fragwürdig und natürlich kritikwürdig" beschrieb er die Art und Weise seines Rückzugs. "Wenn das der Fall war, dann möchte ich mich dafür entschuldigen. Ich hätte mir mehr Zeit lassen, mehr mit der Hertha-Führung reden und das Ganze noch mal aufarbeiten sollen. Dann wäre es gestern früh vielleicht nicht zu so dieser Aktion gekommen", sagte er über sein emotionales Trainer-Ende, das er per Facebook bekannt gegeben hatte. An der grundsätzlichen Entscheidung aber zweifelte er nicht. Das Ganze sei ein "Prozess" gewesen, "der schon seit Wochen in mir angelaufen ist". Er sei dann am Dienstagmorgen verärgert über die ganzen Streitereien aufgewacht und hätte die Zeilen in seine Timeline getippt. Solch eine Art Typ sei er einfach, so Klinsmann. Anschließend sei er "erst mal raus gefahren", irgendwo ins Berliner Umland. Harter Tobak für die Hertha-Fans, die hören mussten, wie ihr Ex-Trainer in einer Übersprunghandlung ihren Verein ins derzeitige Chaos katapultierte.

In diesem befände sich der Hauptstadtklub aber gar nicht, erklärte Klinsmann. Denn bei diesen ganzen "mega" Zugängen (Santiago Ascacíbar, Krzysztof Piątek, Matheus Cunha und Lucas Tousart): "Da geht alles in die richtige Richtung." Eine problematische Trainerfindungsphase mitten im Abstiegskampf? Quatsch: "Die Trainerposition ist das kleinste Problem." Man habe in Alexander Nouri und Markus Feldhoff ja ein super Team. "Alle müssen gemeinsam arbeiten", dann würde das schon klappen. Und auch der "Verjüngungsprozess", den er angestoßen habe, sei richtig gewesen. Dass Salomon Kalou, in der Saison 2018/19 immerhin Herthas zweitbester Torschütze, jetzt wieder beim BSC mittrainiert, zeigt, dass nicht alle so denken.

An seinen mehr als ehrgeizigen Plänen für die Hertha hielt Klinsmann erst recht fest: "Dieses Jahr Klassenerhalt. Nächstes Jahr Europa League. Und dann Richtung Champions League. Das ist nicht überzogen, sondern realistisch. Du musst Ziele haben." Das wird nun ohne den Ex-Weltmeister auf der Bank klappen müssen - oder eben auch nicht. Ob es vielleicht auch ganz ohne ihn stattfinden wird, also ohne seine Funktion im Aufsichtsrat, "das müssen andere entscheiden", sagte der Ex-Coach. Damit endete Klinsmanns Rechtfertigungsmonolog, der eigentlich eine Fragerunde mit den Fans sein sollte. Mit seinen letzten Sätzen meinte er Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst. Passenderweise halten beide morgen Vormittag eine Pressekonferenz mit Manager Preetz ab. Die Chancen, dass Klinsmann tatsächlich als Aufsichtsratsmitglied zurückkehrt, dürften nach seinem Auftritt äußerst gering sein.

Quelle: ntv.de