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Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Nach diesem Motto arbeitet offenbar auch Jürgen Klopp.
Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Nach diesem Motto arbeitet offenbar auch Jürgen Klopp.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 02. Januar 2018

Rumgeeiere zum Van-Dijk-Transfer: Klopp manifestiert Fußball-Heuchelei

Von Hendrik Buchheister, Manchester

Fußballtrainer Jürgen Klopp beklagt sich über hohe Ablösen. Und kauft nun einen eher unbekannten Verteidiger für 84,5 Millionen Euro. Ist das scheinheilig? Oder folgt er nur den Gesetzen der Branche? Beides, meint unser Autor.

Jürgen Klopp klang ein bisschen so, als würde er das alles gar nicht wollen. Als hätte sein FC Liverpool den niederländischen Verteidiger Virgil van Dijk vom Premier-League-Mitstreiter FC Southampton aus Versehen für die Weltrekord-Summe von geschätzten 84,5 Millionen Euro für einen Abwehrspieler verpflichtet. "Die Liverpool-Fans sollten sich darüber keine Gedanken machen", sagte Klopp. Ihm würde es ja auch nicht gefallen, dass Fußballer mittlerweile nicht günstiger zu haben seien. Doch so sei eben der Markt. Im Sommer Neymar für 222 Millionen Euro vom FC Barcelona nach Paris, im Winter eben van Dijk nach Liverpool. Was soll's.

Virgil van Dijk - das große Geld macht ihn berühmt.
Virgil van Dijk - das große Geld macht ihn berühmt.(Foto: imago/Focus Images)

Es hat natürlich seinen Grund, dass Klopp die hohe Ablöse für seinen Abwehr-Zugang herunterspielt, dass er nicht gerne über Geld spricht in diesem Zusammenhang. Es ist erst anderthalb Jahre her, dass der deutsche Trainer als Moralist in Erscheinung trat. Als Manchester United die Verpflichtung Paul Pogbas für den damaligen Rekordpreis von 105 Millionen Euro auf den Weg brachte, sprach Klopp davon, dass er es anders machen würde: "Andere Klubs geben immer mehr Geld für einen Topspieler aus. Ich will einen anderen Weg einschlagen, selbst wenn ich so viel Geld zur Verfügung hätte. Wenn ich Geld ausgebe, dann um eine Mannschaft aufzubauen, ein echtes Team. Denn es geht darum, zusammenzuspielen."

Er ging sogar noch weiter: Dass er nicht mehr Teil der Branche sein werde, wenn es so weit komme. Jetzt ist es so weit gekommen. Und Klopp ist immer noch da. Weil er mit Van Dijks Verpflichtung gegen die eigenen Maßstäbe verstößt, haben englische Medien und auch sein Trainerkollege José Mourinho von Manchester United die Frage aufgeworfen, ob Klopp ein Heuchler ist - oder einfach nur mit der Zeit geht und eben macht, was ein Verantwortlicher machen muss, wenn seine Mannschaft in Englands Hochglanz-Liga und der Champions League erfolgreich sein will. Die Antwort: Beides trifft zu.

Ein bisschen Scheinheiligkeit

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Idealerweise hätte sich Klopp seinen Kommentar zu Uniteds Pogba-Verpflichtung einfach gespart. Da er das nicht gemacht hat, steht er jetzt natürlich ziemlich blöd da. Er beweist wieder einmal, dass auf das gesprochene Wort im Profifußball kein Verlass ist und moralische Grundsätze schnell über Bord geworfen werden, wenn es darum geht, sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Nach diesem Muster funktioniert das Geschäft. Nicht nur in Liverpool, nicht nur in der Premier League. Ein bisschen Scheinheiligkeit gehört (fast) immer und (fast) überall dazu.

Dass der FC Liverpool eine Rekordsumme für einen Spieler überweist, den in Deutschland bis zu seinem Wechsel nur Gelehrte kannten, ist kein Skandal und auch kein Anlass zur Empörung, sondern das logische Ergebnis mehrerer Faktoren. Der erste Faktor sind die Rahmenbedingungen. Im Fußball wird immer mehr Geld ausgegeben, weil immer mehr Geld da ist. Die Premier League nimmt Milliarden mit dem Verkauf der TV-Rechte ein. Bei Manchester City pumpt Scheich Mansour fleißig Geld in die Mannschaft, bei Paris der Staat Katar. Es scheint keine Grenzen zu geben. Deshalb steigen die Ablösen.

Der zweite Faktor ist Liverpools Zwang, einen Abwehrspieler zu verpflichten. Die Mannschaft wird zu Recht für ihre Offensive gepriesen, ist in der Deckung allerdings ungemein anfällig, was den Klub bislang daran gehindert hat, zu einem Anwärter auf den Titel (oder zumindest den zweiten Platz hinter City) zu werden.

Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, ist freier Journalist, schreibt nicht nur über Fußball und berichtet seit dieser Saison aus Manchester über das sportliche Geschehen in England. Just ist sein Buch "Choreo - Kunstwerke aus deutschen Fußball-Fankurven" erschienen.
Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, ist freier Journalist, schreibt nicht nur über Fußball und berichtet seit dieser Saison aus Manchester über das sportliche Geschehen in England. Just ist sein Buch "Choreo - Kunstwerke aus deutschen Fußball-Fankurven" erschienen.(Foto: Verena Knemeyer)

Der dritte Faktor ist das knappe Angebot an hochwertigen Innenverteidigern. Wenn man die Premier League nach Spielern absucht, denen man zutraut, Liverpools Probleme in der Abwehr zu lösen, und die nicht schon in Manchester, bei Chelsea oder Tottenham angestellt sind, kommt man schnell auf van Dijk, auch wenn er wegen einer Knöchelverletzung und aus Disziplinargründen zwischenzeitlich acht Monate lang kein Pflichtspiel machte. Der vierte Faktor ist Liverpools schlechte Verhandlungsposition. Der Transfer sollte eigentlich schon im Sommer stattfinden, doch Southampton legte ein Veto ein und zeigte Klopps Klub wegen unzulässigen Werbens um den Spieler bei der Premier League an. Southampton hatte die Kontrolle über den Handel und hätte jeden Preis aufrufen können - Liverpool hätte wohl gezahlt.

Teuer bedeutet nicht immer besser

Van Dijk ist der teuerste Verteidiger, der auf dem internationalen Spielermarkt bisher den Besitzer gewechselt hat, doch er ist sicher nicht der beste. Er ist sicher nicht besser als Benjamin Mendy, der im Sommer durch seinen Umzug aus Monaco zu Manchester City für 57,5 Millionen Euro Ablöse zum bis dahin teuersten Abwehrspieler wurde, oder als Rio Ferdinand, für den Manchester United 2002 die damalige Rekordsumme von 46 Millionen Euro an Leeds United überwies.

Darum geht es aber auch nicht. Was ein Fußballer kostet, richtet sich nicht nur danach, wie gut er ist. "Wenn Sie denken, dass der Spieler der richtige Spieler für Sie ist, und wenn Sie ihn wirklich wollen, dann bezahlen Sie den Preis - oder bekommen ihn nicht. So ist der Markt", sagt Uniteds Trainer Mourinho. Das klingt kühl und nicht besonders romantisch, entspricht aber der Wahrheit. Das hat auch Klopp bewiesen, indem er seine Überzeugungen innerhalb von anderthalb Jahren revidiert hat.

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Quelle: n-tv.de