Fußball

Müller weiter im Wartestand Löw setzt nun auf Wirtz und Musiala

Der angekündigte Rücktritt als Bundestrainer fühlt sich für Joachim Löw noch immer gut an. Eine nachlassende Motivation auf der Zielgerade spürt er derweil nicht. Im Gegenteil: Löw will noch einmal angreifen. Den Frieden mit seinem Erbe hat er aber bereits gemacht.

Joachim Löw ist stolz. Und das ohne jeden Zweifel. Was der 61-Jährige mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in den vergangenen 15 Jahren erreicht hat, das gibt ihm auf der Schlussgeraden seiner Amtszeit noch einmal richtig Schwung für sein letztes großes Turnier als Bundestrainer. Er spüre bei seiner Arbeit noch immer die gleiche Liebe und Motivation wie in den vergangenen Jahren, "um ein klasse Turnier zu spielen", erzählt er im exklusiven Interview mit RTL/ntv. Nichtsdestotrotz fühle sich die Entscheidung des Rückzugs nach der Europameisterschaft im Sommer immer noch "absolut gut an".

Und absolut gut könnte auch die Ära des ewigen Löws enden. Davon ist er selbst überzeugt. "Wenn wir die Mannschaft mit dem größten Willen, mit dem größten Ehrgeiz sind, dann können wir viel erreichen." Die Qualität dafür ist ohnehin da. Allerdings gesteht er auch, dass die Mannschaft nicht an dem Punkt ist, an dem Löw sie nun gerne gehabt hätte. Das betrifft vor allem die Eingespieltheit. Warum die Entwicklung nicht so ist, wie sich der Bundestrainer das gewünscht hätte, dafür gibt es gleich mehrere Gründe. "Wir mussten im vergangenen Jahr viel improvisieren, durch Verletzungen und die hohe Belastung der Spieler."

Große Hoffnung auf Besserung setzt Löw auf die Vorbereitung, wenn die Mannschaft mal drei Wochen am Stück zusammen ist. In dieser Zeit könne man schon so "einiges auch automatisieren, aber natürlich hinken wir ein bisschen hinterher." Überraschenderweise bereitet Löw derweil weniger die zuletzt anfällige und heftig kritisierte Defensive Sorgen, sondern vielmehr die Offensive. "Die Abwehr bekommt man in zwei, drei Wochen gut hin. Gegen Spanien haben wir vorne fast alle Bälle verloren. Das ist gegen starke Mannschaften hochgefährlich. Ich mache mir viel mehr Gedanken darum, wie wir im letzten Drittel wieder besser werden können, wie wir zum Abschluss kommen. Wie wir dann unsere Chancen verwerten. Das ist viel schwieriger zu trainieren."

Neue Gesichter im Kader

Aber bereits die anstehenden Spiele in der EM-Qualifikation gegen Island, Nordmazedonien und Rumänien dienen dem Ziel, sich als Team besser aufeinander abzustimmen und auch eine tragende Achse zu finden. Besonders bitter könnte vor diesem Hintergrund der Verzicht auf die England-Legionäre Timo Werner, Kai Havertz, Antonio Rüdiger (alle FC Chelsea), Bernd Leno (FC Arsenal) und den derzeit alles überragenden İlkay Gündoğan (Manchester City) sein. Angesichts der besonderen Quarantäne-Regelungen für Einreisende aus Großbritannien könnte eine Nominierung keinen Sinn ergeben.

Auch ein möglicher Plan, die gesetzten Kader-Kräfte nur für das Spiel in Rumänien - dort gelten die Quarantäne-Regeln nicht - nachzuholen, ist kein sinnvolles Gedankenspiel für Löw: "Wir sind ja in einer Blase und wenn dann Spieler dazukommen, dann birgt das immer Gefahren. Das ist nicht die Lösung, die wir haben wollen." Aber ungeachtet dessen wird es wieder Veränderungen im Aufgebot geben. So plant Löw auf jeden Fall mit den Top-Talenten Jamal Musiala (FC Bayern) und Florian Wirtz. Beim Youngster von Bayer Leverkusen müsse man indes bei der Nominierung erstmal abwarten, wie er seine Covid-Infektion überstanden habe.

Mit Blick auf den EM-Kader sei es aus Sicht des DFB-Cheftrainers "gut, dass ich sie mal ein paar Tage bei uns sehe, wie sie sich in unserem Kreis eben auch zeigen, das ist vielleicht ein guter Fingerzeig in Richtung Turnier." Eine Garantie auf einen Einsatz bei den drei Quali-Spielen im März sei dies jedoch nicht. Ob nun auch Thomas Müller, Mats Hummels oder Jérôme Boateng bereits wieder zum Kader stoßen? Eher nicht. Beim leidigen Tür-auf-Tür-zu-Thema dürfte die Entscheidung erst mit der Nominierung vor dem Turnier fallen, das deutete Löw im Interview an. Sorge, dass eine so späte Integration in die Mannschaft nicht klappen würde, hat der Trainer indes nicht. "Die Spieler kennen mich, sie kennen das Team, die Abläufe, da sehe ich keine Probleme."

Löw ist "nicht befugt, Vorschläge zu machen"

Von der öffentlichen Dringlichkeit des Themas will sich der Trainer nicht treiben lassen, bei allem Verständnis für die Diskussion in den Medien und bei den Fans. "Am Ende habe ich die Entscheidung erst im Mai zu treffen, wenn es in die Vorbereitung geht. Ich bin erstmal froh, wenn alle Spieler gut durchkommen, wenn sie ihre Form behalten und wenn wir uns bei der Auswahl der Spieler schwertun müssen." Unter dem Eindruck der Pandemie und dem unterbrochenen Umbruch im vergangenen Jahr werde er sich aber "noch einmal genau fragen, was die Mannschaft braucht, was ihr guttut."

Was sich derweil viele Menschen fragen: Wer folgt auf Löw? Klare Aussage des Trainers: "Ich bin nicht befugt, Vorschläge zu machen." Nur so viel: Die Arbeit als Nationaltrainer sei eine ganz andere als die im Verein. Die aber reizt Löw durchaus in Zukunft wieder. Erstmal aber will er sich eine emotionale Pause gönnen. Wohl auch, um auf das zurückzublicken, was er in den vergangenen 15 Jahren erreicht hat.

Einen kurzen Anriss, was ihn da so beschäftigt, gab er nun bereits im Interview: "Die größte Leistung war die Entwicklung über die ganze Zeit." Als er angefangen habe, "hatte unser Fußball schon auch technische und taktische Probleme." Man habe einen Masterplan gemacht und ab 2006 über 2010 mit dem Höhepunkt 2014 schon eine tolle Entwicklung genommen. "Gerade was die Fußball-Kultur betrifft und das Spielerische, sind wir sehr viel besser geworden und das stellt mich sehr zufrieden." Ja, Joachim Löw ist stolz. Ohne jeden Zweifel.

Quelle: ntv.de, tno

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