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So läuft's im Windsor Park Löw stachelt DFB-Elf an, Nordiren spotten

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"Die letzte Konzentration, diese Mentalität, jeden Zweikampf bis aufs Äußerste zu bestreiten, hat vielleicht in einigen Phasen gefehlt." Das soll nun besser werden. Sagt Bundestrainer Joachim Löw und stachelt so seine Fußballer an.

(Foto: imago images / VI Images)

Bei einer Niederlage in Nordirland könnte das mit der EM-Qualifikation für die deutsche Fußball-Nationalelf noch einmal spannend werden. Bundestrainer Joachim Löw sowie Joshua Kimmich geben sich entschlossen. Allerdings melden sich immer mehr Spieler ab.

Worum geht's?

Das Streben nach Titelreife war gestern. Nach dem arg ernüchternden 2:4 (1:0) gegen die Niederlande in Hamburg am Freitag ist die deutsche Fußballnationalmannschaft zurück im schnöden Alltag der EM-Qualifikation. Im ausverkauften Windsor Park vor 18.500 in der Regel sehr begeisterten Zuschauern in Belfast geht es an diesem Montag (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) schlicht darum, das Spiel gegen Nordirland zu gewinnen. Das sagt Bundestrainer Joachim Löw, der am Tag vor dem Spiel im schwarzen Trainingsanzug und mit schwarzem Toilettentäschchen am Ort des Geschehens erschien, um allen, die es hören wollten, vor der letzten Übungseinheit noch einmal seine Sicht der Dinge darzulegen.

Die lautet, kurz zusammengefasst: Nein, die Spieler sind nicht zu schlecht. Nein, es lag gegen Oranje nicht an seiner Taktik. Und ja: Das war ein Rückschlag, aber: Den habe er aber grundsätzlich einkalkuliert. "Eine gewisse Fehlerkultur" sei wichtig für die Entwicklung der Mannschaft. "Trotzdem habe ich das Vertrauen in diese Spieler, die wir haben. Ich bin überzeugt, dass sie die Qualität haben, sich auch so zu entwickeln, dass wir in den nächsten Monaten und Jahren viel Freude an ihnen haben." Was wohl auch daran liegen könnte, dass es so schnell nicht wieder gegen die Niederlande geht. Gegen die gab es innerhalb eines Jahres elf Gegentore. Immerhin wusste der Bundestrainer zu berichten: "Ich glaube, die Mannschaft weiß, dass es wichtig ist morgen."

Wie ist die Ausgangslage?

Drei Spiele auf dem Weg zur Europameisterschaft, die vom 12. Juni bis zum 12. Juli kommenden Jahres in 13 Ländern stattfindet, hat die DFB-Elf gewonnen: 3:2 in Amsterdam gegen die Elftal, 2:0 in Borissow gegen Weißrussland und 8:0 gegen Estland am in Mainz. Ein Spiel hat sie, wie oben erwähnt, verloren, macht insgesamt neun Punkte. Vor dem Hintergrund, dass sich die beiden besten Teams dieser Gruppe C direkt qualifizieren und auch Tabellenplatz drei noch nicht das Aus bedeutet, ist das immer noch kein besorgniserregender Zustand. Bedenklicher könnte eher die Antwort auf die Frage sein: Hat die deutsche Mannschaft gegen die Niederlande einfach nur unter ihren Möglichkeiten gespielt? Oder sind diese gar nicht so groß, wie Löw glauben machen will?

Eine Niederlage nun in Belfast ist jedenfalls nicht das, was der DFB bei seinem Projekt Neuaufbau und nach dem fehlerhaften, seltsam zurückhaltenden und bisweilen doch arg hasenfüßigen Auftritt gegen die Niederlande braucht. Und so gab sich Löw entschlossen: "Nordirland ist Tabellenführer, unsere einzige Aufgabe ist es, alles daranzusetzen, hier zu gewinnen. Wir brauchen die drei Punkte." Wie das klappen soll, hat er, der doch eigentlich als Fußball-Ästhet gilt, auch schon ausgemacht: Sein Team müsse "das Aggressionspotenzial" erhöhen. "Die letzte Konzentration, diese Mentalität, jeden Zweikampf bis aufs Äußerste zu bestreiten, hat vielleicht in einigen Phasen gefehlt." Tja, herzlich willkommen Alltag. Aber wahrscheinlich klappt's ja sogar, zumindest ist das ein pragmatischer Ansatz. Mit einem Sieg könnte sich die DFB-Elf sogar an die Spitze der Tabelle setzen. Hat hier jemand deutsche Tugenden gesagt? Bleibt nur zu hoffen, dass der so genannte "Fan Club Nationalmannschaft" keine Choreografie geplant hat.

Wie ist das deutsche Team drauf?

Wer ist denn überhaupt noch dabei? Ilkay Gündogan von Manchester City ist am Sonntag mit einem grippalen Infekt abgereist, Nico Schulz ist am Freitag direkt zurück nach Dortmund gefahren, weil er sich gegen die Niederlande einen Teilriss eines Bandes in der linken Fußwurzel zugezogen hat. Und Leon Goretzka vom FC Bayern hatte die Mannschaft schon am Donnerstag verlassen, nachdem bei ihm erneut eine Einblutung in der Muskulatur festgestellt worden war. Leroy Sané von Manhester City sowie Julian Draxler und Thilo Kehrer von Paris Saint-Germain waren erst gar nicht eingeladen worden, weil sie verletzt oder angeschlagen sind. Ebenso Antonio Rüdiger vom FC Chelsea. Bleiben aber immer noch 16 Spieler und drei Torhüter. Löw meint, das reicht. Im Tor steht übrigens Kapitän Manuel Neuer vom FC Bayern, wie der Trainer sagte. Zuvor hatte er angedeutet, dass eventuell Marc-André ter Stegen von FC Barcelona seine Chance bekommt, das wird aber nichts. Löw kündigte an, dass er anders als am Freitag mit einer Viererkette spielen lassen will, weil die Nordiren mit nur einem Angreifer spielten. "Das heißt für uns zwei Innenverteidiger statt drei, weil nur ein Stürmer im Zentrum ist."

Nordirland - Deutschland, 20.45 Uhr

Nordirland: Peacock-Farrell - McLaughlin, Cathcart, J. Evans, Lewis - McNair, Davis , C. Evans - Magennis, Washington, Boyce. - Trainer: O'Neill
Deutschland: Neuer - Klostermann, Ginter, Süle, Halstenberg - Havertz, Kimmich, Kroos - Brandt, Gnabry, Reus. Trainer: Löw.
Schiedsrichter: Orsato (Italien)

Apropos Aggressionspotenzial: Joshua Kimmich, beim FC Bayern Rechtsverteidiger und in der Nationalelf Stammsechser im defensiven Mittelfeld, hatte am Sonntag im Windsor Park auch noch etwas zu sagen. Der Bundestrainer hatte zwar betont, dass er mit den Spielern gar nicht so viel über die Niederlage gegen Oranje gesprochen habe, weil die Nordiren eh ganz anders spielten und das von daher nichts bringe. Aber Kimmich sagte dann doch noch einmal: "Wir Spieler wissen, dass es überhaupt kein gutes Spiel war, wir waren über 90 Minuten die schlechtere Mannschaft." Und so appellierte er an die Kollegen: "Unsere Ausgangslage hat sich durch das 2:4 gegen Holland komplett verändert. Wer hier einen Spaziergang erwartet, ist komplett fehl am Platz. Wir dürfen uns keinen Ausrutscher mehr erlauben. Wir müssen eine Reaktion zeigen und das werden wir auch."

Was machen die Nordiren?

Sie führen, das ist richtig, die Tabelle dieser Gruppe C an, mit vier Siegen aus vier Spielen. Allerdings haben sie aufgrund eines etwas seltsamen Spielplans der Uefa ihre vier knappen Siege in jeweils zwei Spielen gegen Weißrussland und Estland gelandet, die beiden schwächsten Mannschaften. Aber wie spielen sie denn nun, die Nordiren? "Mit aller Körperlichkeit, die ihnen zur Verfügung steht." Sagte Löw. Er sagte aber auch: "Sie haben sich fußballerisch weiterentwickelt", das heiße: nicht nur lange Bälle nach vorne, sondern auch mal im Spiel von "hinten heraus etwas spielerisch lösen". Zudem sei das Team eingespielt und die Stimmung im Stadion stets überragend.

Und sagen wir es so: Die Nordiren geben sich durchaus selbstbewusst. Trainer Michael O'Neill hatte schon vor dem Spiel darauf spekuliert, "dass Deutschland gegen die Niederlande einen schweren Abend hat". Nun hofft er, "dass wir über uns hinauswachsen und sie nicht auf ihrem höchsten Niveau spielen". Josh Magennis, Angreifer der Green And White Army vom englischen Zweitligisten Bolton Wanderers, geht die Sache noch etwas offensiver an: "Wir sind Tabellenführer, die anderen Teams jagen uns jetzt." Klingt da ein wenig Spott durch? Torwart Bailey Peacock-Farrell, der für den FC Burnley in der Premier League spielt, sagte: "Das sind diese Momente im internationalen Fußball, wo einem klar wird, dass man es dafür macht." Beim 1:0 im Testspiel am Donnerstag gegen Luxemburg, das die Nordiren durch ein Eigentor gewannen, hatte Trainer O'Neill mit Debütanten experimentiert und Stammspieler geschont, die nun wieder dabei sind. "Wir wollen einfach nur unser Bestes geben", sagte Magennis. "Und dann nehmen wir am hoffentlich wieder drei Punkte mit."

Quelle: n-tv.de

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