Fußball

Italiener schmähen DFB-Kapitän Löw verteidigt Müller - und der sich selbst

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Autsch.

(Foto: dpa)

In Mailand pfeifen sie Thomas Müller gnadenlos aus, weil der nicht mehr gegen die Fußballer San Marinos spielen mag. Der Bundestrainer hilft ihm - und seinem größten Kritiker tut auf einmal alles furchtbar leid.

Der Empfang war alles andere als freundlich. Als sie vor dem Spiel an diesem Dienstagabend die deutsche Hymne spielten, pfiffen viele der italienischen Zuschauer. Und obwohl mehr als 30.000 Plätze des 80.000 Menschen fassenden Giuseppe-Meazza-Stadions leer blieben, waren die Pfiffe so laut, dass sich Italiens Kapitän genötigt sah, zu handeln. Gianluigi Buffon, der Grandseigneur des europäischen Fußballs, der mit seinen 38 Jahren sein 167. Spiel für Italien bestritt und den Rekord seines spanischen Torwartkollegen Iker Casillas einstellte, klatschte in die Hände, um der Ungezogenheit der Fans etwas entgegenzusetzen. Und seine Kollegen taten es ihm gleich - eine schöne Geste.

Dass die Partie letztlich torlos endete und beiden Trainern - Joachim Löw auf der einen, Giampiero Ventura auf der anderen - ein prima Experimentierfeld bot, ging aber nicht wegen der Pfiffe während der Hymne bei der Nachbesprechung ein wenig unter, sondern weil die Unmutsbekundungen explizit Thomas Müller galten, dem Kapitän der deutschen Mannschaft. Und weil sie ihn eine ganze lange Stunde schmähten, die er bis zu seiner Auswechslung auf dem Rasen war. Es war schon ein gehöriges Maß an Verachtung, das dem Spieler des FC Bayern da in San Siro entgegenschlug. Und das alles nur, weil er die Amateure aus San Marino, der kleinsten Republik Europas mitten in Italien, am Freitag vergangener Woche nach dem 8:0 der DFB-Elf in Serravalle als Amateure bezeichnet und die Sinnhaftigkeit solcher Spiele infrage gestellt hatte.

"Natürlich sind das Amateure"

Müllers Aussagen - "Das hat mit professionellem Fußball nichts zu tun" - machten die Runde, die süffisante Replik Alan Gasperonis auch. Der san-marinesische Sportfunktionär hatte einen offen Brief an den deutschen Nationalspieler geschrieben, ihn ein wenig gefoppt ("Das Spiel war nützlich, weil es gezeigt hat, dass du nicht mal gegen so dürftige Teams wie das unsere ein Tor schießen kannst.) und dabei gar nicht einmal so unpassende Vorurteile bedient ("Es hat mir gezeigt, dass ihr, auch wenn ihr die schönsten Adidas-Trikots tragt, trotzdem noch die seid, die drunter weiße Socken in Sandalen tragen.") Das alles hatte die für Müller unangenehme Folge, dass er nun in Mailand als Feindbild der Fans herhalten musste.

Bundestrainer Joachim Löw verteidigte Müller nach dem Spiel erneut. Er habe sich die Aussagen extra noch einmal angehört. "Ich denke nicht, dass er sich despektierlich geäußert hat. Er hat gemeint, dass sie keine Profis sind, sich hinten reingestellt haben und die Höhe des Sieges in Grenzen halten wollten." Für die Pfiffe habe er wenig Verständnis. "Natürlich sind das Amateure. Ich halte die ganzen Reaktionen für ein wenig überzogen. Wer Thomas Müller kennt, der weiß, dass er ein fairer Sportsmann ist und für gewisse Werte steht. Er hat mir gesagt, dass er es nicht despektierlich gemeint hat." Auch Müller meldete sich noch einmal zu Wort. "Ich war schon bisschen überrascht, weil ich es absolut nicht in diese Richtung gemeint habe", sagte er der ARD. "Ich wurde etwas gefragt und habe ehrlich und seriös geantwortet. Ich habe versucht, beide Seiten zu betrachten. Ich werde mich dazu zu gegebener Zeit noch einmal äußern."

Er wolle lieber "jetzt kein Öl mehr ins Feuer gießen." Laut sport1.de ergänzte er später am Abend in der Mixed Zone: "Der Leser liest dann oft nur die Überschrift und macht sich dann einen Eindruck. Und das habe ich mal wieder unterschätzt. Trotzdem werde ich auch in Zukunft meine Meinung ganz klar äußern. Auch wenn ich Gefahr laufe, dass sie mir um die Ohren fliegt." Und Alan Gasperoni? Ihm tut das mittlerweile alles furchtbar leid. "Ich bin sehr traurig, wenn die Leute sauer auf Thomas Müller sind. Sport bleibt Sport." Zudem habe er nicht damit gerechnet, dass sein Brief so für Aufsehen sorgt: "Ich habe das für meine Freunde geschrieben." Nun hoffe er, dass sich Müller beim Rückspiel in Nürnberg am 10. Juni kommenden Jahres mit ihm trifft. "Ich bin mir sicher, dass ein einziger Blick reichen würde und alles mit einem Handschlag erledigt wäre", sagte er der Münchner "tz". Außerdem: "Wo wir schon in Deutschland sind, könnten wir ja gleich ein Bier zusammen trinken gehen." Sie sollten Gianluigi Buffon einladen.

Quelle: ntv.de