Fußball

Özils Erbe im DFB-Team Marco Reus ist endlich die Zukunft

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Marco Reus ist aktuell in der "Form seines Lebens". So heißt es. Tatsächlich spielt der BVB-Kapitän eine grandiose Saison und gilt daher auch im DFB-Team als Mann für die Zukunft - mit 29 Jahren.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Der aktuell beste deutsche Fußballspieler? Das ist Marco Reus. Kein Zweifel. Mit 29 Jahren und bei stabiler Gesundheit ist er für den BVB wertvoll wie nie. Auch im DFB-Team soll er nun endlich den Platz einnehmen, der ihm lange zugedacht war.

Mit 29 Jahren kann man als Fußballer alles sein. Vergangenheit, Gegenwart, ja sogar Zukunft. Thomas Müller zum Beispiel ist 29 Jahre alt. Er war eine große Nummer. Beim FC Bayern bekam er von Louis van Gaal die "Müller-spielt-immer"-Garantie. Die sprach Bundestrainer Joachim Löw zwar nie so deutlich aus, aber auch in der deutschen Nationalmannschaft galt lang: no Müller, no Party. Wider das Leistungsprinzip war das nicht. Der unberechenbare Müller hat seinem Verein und dem DFB-Team viel Freude bereitet. Er hat viele Tore geschossen, in der Liga, im Pokal, in der Champions League und beim WM-Triumph 2014.

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Neulich in Sinsheim: Marco Reus absolviert gegen Peru sein 36. Länderspiel.

(Foto: imago/photoarena/Eisenhuth)

Es waren viele sehr wichtige dabei. All das hat Marco Reus so nicht vorzuweisen. Dabei ist auch er schon 29 Jahre alt. Aber anders als Müller gilt er als Mann für die Zukunft, auch bei der Reanimation der Nationalelf nach dem erfolglosesten Jahr in ihrer seit einhundertzehn Jahren währenden Länderspielgeschichte. Warum das so ist, das zeigte sich am Samstag, als er mit Borussia Dortmund den FC Bayern in einem fantastischen Spiel mit 3:2 besiegte. Müller war wie stets bemüht, aber wie so oft zuletzt auch kaum wahrnehmbar. BVB-Kapitän Reus dagegen spielte aufregend, wie ebenfalls so oft.

Während sich Müller seit Monaten öffentlich mit der Sinnfrage nach der Leichtigkeit des Seins konfrontiert sieht, wird Reus als "Spieler der Stunde" gefeiert. Ein solcher Hype wurde schon kreativer, aber wohl selten präziser betitelt. Zwar wurde Reus der Phrase im Wortsinn in der ersten Stunde des Liga-Topspiels nicht gerecht. Wie er aber drei klägliche Abschlüsse abschüttelte, immer wieder Bälle forderte, Zweikämpfe führte, stets den Zug zum Tor suchte, dann per Elfmeter souverän und per Direktabnahme phänomenal verwandelte, das war es, warum er mit 29 Jahren noch als Zukunft gilt.

Dauerpatient mit Leidensgeschichte

Reus spielt so leichtfüßig, so dynamisch, so kreativ, so unbelastet, dass er als Gegenentwurf zur mit der eigenen Verfassung hadernden, alten Weltmeistergarde gesehen wird, die in Russland die angestrebte Titelverteidigung grandios vergeigt hatte. Das Reus auch dabei war, geht im Abgesang auf Müller, Mats Hummels (29), Jérôme Boateng (30), Sami Khedira (31) und Mesut Özil (30, aber ein Sonderfall) unter. Vielleicht weil er beim Fiasko Mexicano erst spät eingewechselt wurde? Weil er gegen Schweden eines von zwei deutschen Turniertoren erzielt hatte? Oder sich gegen Südkorea immerhin bemüht, aber wirkungslos gegen das totale Desaster stemmte? Vielleicht genießt der Dauerpatient wegen seiner Leidensgeschichte aber auch einfach nur einen riesigen Vertrauensvorschuss gegenüber seinen Generationskollegen, deren Gesichter nun fast nur noch für die deutsche Fußball-Katastrophe im Jahr 2018 stehen.

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Das erste Mal: Marco Reus am 7. Oktober 2011 in Istanbul. Er kam beim 3:1 gegen die Türkei in der 90. Minute für Mario Götze in die Partie.

(Foto: imago sportfotodienst)

Reus, das wird oft vergessen, gehört seit Mai 2010 zu den Spielern, die der Bundestrainer für die Nationalelf nominiert. So auch für das Testspiel an diesem Donnerstag gegen Russland und die Partie in der Nations League am Montag in Gelsenkirchen gegen die Niederlande (beide ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Löw hält den offensiven Mittelfeldmann für unverzichtbar. Es sagt aber viel über die unerfüllte und tragische Karriere des Dortmunders aus, dass er die ersten fünf Einladungen des Bundestrainers absagen musste und bisher erst 36 Mal für Deutschland gespielt hat. Eigentlich sollte Reus am 13. Mai 2010 in der Vorbereitung auf die WM in Südafrika gegen Malta auf dem Aachener Tivoli sein Debüt geben. Wegen einer Muskelverhärtung musste er passen. Auch der Traum vom ersten großen Turnier platzte. Und erst am 7. Oktober 2011 spielte er, in der Qualifikation für die EM 2012 in Istanbul gegen die Türkei, erstmals für die deutsche Mannschaft. Müller hingegen könnte am Montag gegen die Niederlande seinen einhundertsten Einsatz feiern. Ob Reus in den nächsten beiden Partien dabei ist, steht auf der Kippe (Update 17:11 Uhr: Auf der Pressekonferenz des DFB hat Bundestrainer Löw das Aus zumindest gegen Russland bekanntgegeben.). Dieses Mal plagt ihn eine Fußprellung.

Seit Beginn seiner Profikarriere in der Saison 2008/2009 beim damaligen Zweitligisten Rot-Weiss Ahlen fiel Reus 843 Tage krank oder verletzt aus, also zwei Jahre und vier Monate. Die WM 2014 verpasste er verletzt, ebenfalls die EM 2016. All das aber hat Reus hinter sich gelassen. Seit Anfang des Jahres steht er beständig auf dem Platz. In der Rückrunde der vergangenen Saison rettete er den BVB mit sieben Toren in elf Spielen in die Champions League. Das war beachtlich, zumal er sich gerade von einem Kreuzbandriss erholt hatte. Das WM-Fiasko hat er besser weggesteckt als jeder andere Nationalspieler. In 17 Spielen für die Borussia hat er in dieser Saison 18 Scorerpunkte gesammelt, elf Tore und sieben Vorlagen. Eine Bilanz, die auch den Bundestrainer fast wehmütig beeindruckt: "In dieser Verfassung hätte ich ihn liebend gerne über die ganzen Jahre dabei gehabt. Ich würde mir wünschen, dass er frei von Verletzungen bleibt. Mit seiner Qualität würde er der Nationalmannschaft immer helfen."

Seine Lieblingsposition ist die Zehn

Reus profitiert in Dortmund seit Sommer von der erneuten Zusammenarbeit mit Lucien Favre. Bereits in der Saison 2011/2012 waren sich beide sehr erfolgreich bei Borussia Mönchengladbach begegnet. In damals 37 Spielen traf Reus 21 Mal und legte neun Treffer auf. Bis heute schwärmt der 29-Jährigen, wenn er über Favre spricht, vom "besten Trainer, den ich je hatte". Das ist durchaus bemerkenswert, denn Reus hat ja auch mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und eben Löw gearbeitet. Favre lässt seinen neu ernannten Kapitän auf dessen Lieblingsposition spielen lässt - auf der Zehn, direkt hinter den Spitzen. Von dort aus dirigiert er mit allen Freiheiten im Spiel nach vorne das aufregende Spiel der jungen BVB-Offensive um Jadon Sancho, Jacob Bruun Larsen, Christian Pulisic und Paco Alcácer. Eine Rolle, die er nun endlich auch beim Umbruch in der Nationalelf einnehmen soll, so es denn einen gibt. Denn die Offensive hat nicht erst seit dem WM-Debakel ein großes Problem.

Das hat Löw in seiner ausführlichen, aber seichten WM-Aufarbeitung erkannt. Die Überzeugung, auf einen totalen Dominanz-Fußball setzen zu können, sei sein größter Fehler gewesen. In Russland hatten seinem Team die Sprints in die Tiefe und das Tempo im Aufbau gefehlt. Für all das steht Reus. Im ersten Länderspielblock nach dem Turnier, beim 0:0 gegen Frankreich in der Nations League und beim 2:1 im Test gegen Peru, spielte Reus in der Spitze. Beim 0:3 gegen die Niederlande und beim 1:2 in Frankreich fehlte er leicht angeschlagen.

Mit den Spielen zum Jahresabschluss will Löw nun die Position des Dortmunders, wenn er denn fit ist, korrigieren und mit ihm das kreative Vakuum nach dem bizarren Özil-Rücktritt im Mittelfeldzentrum ausfüllen. "Dort kann er agieren und seine Kreativität ausspielen", sagte Löw. Aus dieser Rolle heraus soll Reus die jungen Hochbegabten um Leroy Sané, Serge Gnabry, Timo Werner und Julian Brandt wie beim BVB führen. In eine wieder erfolgreiche Zukunft des DFB. Denn für die steht Reus. Mit 29 Jahren.

Quelle: n-tv.de

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