Fußball

Gut ist nicht mehr gut genug Nagelsmann besticht im Krisengerede

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Abflug nach München? Julian Nagelsmann.

(Foto: imago/Team 2)

Sandro Wagner will im Winter zum FC Bayern. Und was ist mit Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann? Verlässt der die TSG im Sommer? Beschaulich ist seine Welt eh nicht mehr. Schließlich wünschten ihm alle eine Krise.

So viel hat sich gar nicht geändert. Vor knapp dreieinhalb Jahren, im Juni 2014, saß der Fußballtrainer Julian Nagelsmann auf der Terrasse im Nachwuchsleistungszentrum der TSG Hoffenheim und der Ehrgeiz quoll förmlich aus ihm heraus. In wenigen Tagen würde er mit der U19 im Finale um die deutsche A-Jugend-Meisterschaft stehen. Die Überzeugung, mit der er von seiner Mannschaft, seiner Arbeit und der Idee sprach, diesen Titel zu gewinnen, ist bis heute geblieben. "Ich will immer gewinnen, auch beim Schnick, Schnack, Schnuck", sagte er damals. Im Alter von 26 Jahren wurde er mit einem imposanten 5:0 der Hoffenheimer bei Hannover 96 Deutscher Meister. Das hatte so jung noch kein Coach geschafft.

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Attacke.

(Foto: imago/Team 2)

Nicht einmal zwei Jahre später landete Nagelsmann auf der Bank der TSG in der Bundesliga, schaffte den Klassenerhalt, erreichte anschließend den vierten Platz, schnupperte mit den Hoffenheimern an der Champions-League-Teilnahme und gilt als kommender Star-Trainer. Der beeindruckende Ehrgeiz ist Nagelsmann, inzwischen 30 Jahre alt, geblieben. Deshalb ist es schwer vorstellbar, dass der Nachwuchsstar nicht irgendwann einen großen Klub trainiert - auch wenn er in den zurückliegenden Wochen erstmals Mal leichter Kritik ausgesetzt war.

Auch bei Nagelsmann gelten die mitunter schwer nachvollziehbaren Gesetze der Profifußball-Branche, nach denen die Wiederholung eines Erfolges nicht mehr gut genug ist und Lorbeeren der Vergangenheit schnell zu Zusatzgewicht auf den Schultern in ders Gegenwart führen. Von acht Pflichtspielen zwischen Ende September und Anfang November hatten die Hoffenheimer nur eines gewonnen. Das drückte auf das Gemüt vieler im Umfeld des Klubs aus dem beschaulichen Kraichgau - und offensichtlich auch auf das von Nagelsmann: "Die Krise wünscht sich ja die Fußballwelt so sehr. Dass wir endlich in eine Krise rutschen" Das lese man ja immer wieder, mäkelte er nach dem Pokal-Aus der TSG in Bremen. "Zumindest in der regionalen Presse. Ich glaube, überregional interessiert das ja keinen, aber regional."

"Er ist ein absoluter Fachmann"

In der Liga rangierten die Hoffenheimer zu diesem Zeitpunkt weiterhin auf dem vierten Platz, doch Nagelsmann missfiel die Berichterstattung rund um seine Mannschaft, weil ihm die fehlenden Erfolge im gleichen Zeitraum missfallen hatten. Der Ehrgeizling wurde dünnhäutig, weil er immer gewinnen will. Das war schon so, als er noch die U19 der TSG auf das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vorbereitete. Vor diesem Hintergrund war es wichtig, dass die Hoffenheimer im letzten Spiel vor der Länderspielpause mit einem 3:0-Erfolg in Köln das Gerede von der Krise wegballerten.

Dieser Sieg, wenngleich beim verunsicherten Tabellenletzten errungen, brachte die Emotionen wieder ins Gleichgewicht - und sorgte dafür, dass sich die TSG als Tabellenfünfter wieder in einer Region befindet, die laut Nagelsmann für den Klub nicht als selbstverständlich erachtet werden kann. Der Trainer hat großen Anteil an der neuerlichen Positionierung der TSG in der erweiterten Spitzengruppe, trotz der Sommerabgänge von Sebastian Rudy und Niklas Süle zum FC Bayern. Und nun droht ihm auch noch mit Sandro Wagner ein weiterer deutscher Nationalspieler abhanden zu kommen. Der Angreifer möchte gerne in der Winterpause nach München wechseln. Das macht die Sache nicht einfacher. Die Ansprüche nämlich steigen.

Zum ersten Mal in seiner steilen Karriere musste Nagelsmann öffentliche Hindernisse überwinden, weil ein fünfter Platz nicht mehr so großartig erscheint, wenn im Jahr zuvor der vierte Rang erreicht wurde. Daran musste er sich erst gewöhnen. Der kritischer gewordene Blick auf die Tabelle überdeckt die Tatsache, dass der Trainer weiterhin dadurch besticht, dass er die Spieler in seinem Kader nach und nach besser macht. "Ich habe sehr viel von ihm gelernt, er ist ein absoluter Fachmann", sagt Kevin Vogt, den der Trainer zum zentralen Mann einer Dreier-Abwehrkette umschulte. Beachtlich ist zudem der Mut von Nagelsmann, immer wieder junge und unerfahrene Spieler in seine Mannschaft einzubauen. Beim Sieg in Köln standen sechs Spieler im Kader, die aus der eigenen Jugend stammen, vier von ihnen waren Teil der Startformation. Mut und Überzeugung zeichnen große Trainer aus - Nagelsmann hat beides.

Und so werden sie auch beim FC Bayern, wenn sie im kommenden Sommer den Job des Cheftrainers neu vergeben, über den gebürtigen Bayern nachdenken. Unabhängig davon, dass der seinen Vertrag in Hoffenheim bis 2021 verlängert hat. Das war in diesem Frühjahr, nachdem Nagelsmann die Möglichkeit hatte, zu einem prominenten Klub in der Bundesliga zu wechseln. Die Aufgabe war reizvoll, doch der Trainer entschied sich, zu bleiben. Damals wurde ein vierter Platz mit der TSG noch ganz anders bewertet als heute.

Quelle: ntv.de