Fußball

"Blatter mit meinem Geld gewählt" Niersbach schießt gegen Beckenbauer

Die Luft für Franz Beckenbauer in der Affäre um die Vergabe der Fußball-WM 2006 wird immer dünner. Einem Bericht der "Bild" zufolge gibt der stets treue Wolfgang Niersbach seine Zurückhaltung auf und belastet Beckenbauer schwer.

Wie lange laviert sich die Lichtgestalt Franz Beckenbauer noch schadlos durch die Affäre um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland? Neue Angriffe auf den einzigen Fußball-Heiligen der Republik kommen jetzt ausgerechnet von einem langjährigen Freund und treuen Weggefährten – von Wolfgang Niersbach. Der im Zuge der WM-Affäre am 9. November als DFB-Präsident zurückgetretene Niersbach erhebt einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge schwere Vorwürfe gegen Beckenbauer. Er tut das in einer Vernehmung durch die Kanzlei Freshfields. Die Protokolle des Gesprächs sollen der "Bild" vorliegen. Das jedenfalls schreibt die Zeitung. Die Frankfurter Anwälte vernehmen seit Wochen – im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes – die Protagonisten der WM 2006. Auch Beckenbauer wurde schon angehört, zweimal sogar.

Stellungnahme des DFB zu Freshfields-Untersuchungen

  • Der DFB hat mit großem Befremden zur Kenntnis genommen, dass vertrauliche Vernehmungsprotokolle in den Medien auftauchen.
  • Zur Klarstellung: Weder der Präsidialausschuss noch das gesamte DFB-Präsidium hatten zu irgendeinem Zeitpunkt Zugang zu den Protokollen der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer.
  • Es bleibt trotz dieser äußerst ärgerlichen Indiskretionen dabei, dass Freshfields seine gesamten Ergebnisse vorstellt, sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind.”

In dem Gespräch zwischen den Anwälten und Niersbach soll der Fußball-Funktionär erklärt haben, dass die dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro, die nach wie vor Kern der WM-Affäre ist, inoffiziell an die Finanzkommission der Fifa geflossen, um damit 2002 die Wiederwahl von Joseph Blatter als Präsident des Fußball Weltverbands zu finanzieren. Heißt im Klartext: Es geht um Stimmenkauf. Dem Vernehmungsprotokoll der Niersbach-Anhörung zufolge, soll sich der ehemalige Präsident daran erinnert haben, dass Beckenbauer ihm 2002 nach Blatters Wiederwahl gesagt habe: "Der ist auch mit meinen Geld gewählt worden."

Niersbach-Aussage wird gestützt

Gestützt werden die neuen Anschuldigungen von Niersbach durch Aussagen des ehemaligen DFB-Vize-Generalsekretärs Stefan Hans. Der soll gegenüber Freshfields nämlich Folgendes gesagt haben: Beim Fifa-Kongress 2002 in Seoul, bei dem Blatter im Amt bestätigt wurde, habe Beckenbauer auf die Frage, wem der Präsident seine Wiederwahl zu verdanken habe, auf sich gezeigt. Beckenbauer selbst hatte erst Ende November die ominöse Überweisung von 6,7 Millionen Euro an die Fifa aus dem Jahr 2005 mit fragwürdigen Begleitumständen eines drei Jahre zuvor vereinbarten Deals begründet.

Die Finanzkommission des Fußball-Weltverbands soll vier Jahre vor der WM 2006 für einen späteren Organisationszuschuss von 250 Millionen Schweizer Franken (170 Millionen Euro) eine Zahlung von zehn Millionen Schweizer Franken – umgerechnet eben 6,7 Millionen Euro - verlangt haben. Außer Beckenbauer hatten zuvor auch Niersbach und weitere Mitglieder des WM-Organisationskomitees die Forderung als Voraussetzung für den Millionen-Zuschuss genannt. Weltverbands-Chef Blatter verwies diese Beschreibungen jedoch ins Reich der Fabeln. Der Zuschuss für die deutschen WM-Macher sei "an keinerlei Bedingungen durch die Fifa geknüpft" gewesen, sagte der Schweizer in einem Interview mit dem Spiegel – bereits in der vergangenen Woche: "Geld zu bezahlen, um Geld zu bekommen? Nein. So was gibt es bei der Fifa nicht."

Vier-Augen-Gespräch zwischen Blatter und Beckenbauer

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Es gab ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Beckenbauer und Blatter - der Inhalt? Unbekannt.

(Foto: imago/pmk)

Zweifel an den Versionen der beiden Alphatiere nähren die Aussagen des ehemaligen DFB-Schatzmeisters Horst R. Schmidt. Auch er wurde von Freshfields bereits vernommen. Er berichtet davon, dass sich Beckenbauer und Blatter bei einem Treffen am 13. Dezember 2001 – also noch vor der Wiederwahl Blatters - zu einem Vier-Augen-Gespräch zurückgezogen haben. Als nach dem Gespräch klar war, dass der Fußball-Weltverband Deutschland den Zuschuss von 170 Millionen Euro zugesteht, habe Schmidt ausdrücklich nicht nach Details der Einigung gefragt. Dem Vernehmungsprotokoll nach, soll Schmidt gesagt haben: Manchmal sei es in diesem Umfeld besser nichts von diesen Dingen zu wissen.

Indes sind die Anwälte bei ihren Ermittlungen offenbar auch auf ein Dokument gestoßen, das eine Bestechung des Exekutivmitglieds Charles Dempsey vor der Abstimmung des Gremiums über die WM-Vergabe 2006 nahegelegt. Das Dokument soll eine Vorzimmer-Dame Niersbachs in einem Ordner entdeckt haben. Laut "Bild" legte Freshfields in den Vernehmungen keine Belege dafür vor. Eine Befragung des Neuseeländers durch die Ermittler ist allerdings nicht mehr möglich. Dempsey starb am 24. Juni 2008. Die Frage, ob aus der Codierung des Papiers zu schließen sei, dass Dempsey am Vorabend der WM-Vergabe 250.000 US-Dollar erhalten habe, beantwortete Niersbach mit einem klaren Nein.

Dempsey, immer wieder Dempsey

Im damals 24 Mann starken Exekutivkomitee sorgte die Enthaltung Dempseys für die Entscheidung zu Ungunsten Südafrikas. Die Wahl endete mit 12:11 Stimmen für Deutschland. Bei einem möglichen Patt hätte die Stimme von Präsident Blatter doppelt gezählt - und der war damals großer Fürsprecher einer WM in Afrika. Was Dempsey bewog, sich zu enthalten, ist bis heute umstritten. Sein Verband wollte die Stimme an Südafrika vergeben, er persönlich wollte laut Darstellung der DFB-Delegation für Deutschland stimmen. In einem der wenigen Interviews, die er zu dem Thema gab, sprach er von "Druck durch einflussreiche europäische Interessensgruppen."

Das offizielle Ergebnis der externen Ermittlungen soll Ende Februar vorliegen. Der DFB will den Bericht öffentlich machen. Nicht nur für Franz Beckenbauer ein Tag mit großem Spannungspotenzial.

Quelle: n-tv.de, Mit sid & dpa

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