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Für Leipzigs erste Champions-League-Saison der Vereinsgeschichte gilt: Raus, aber nicht ohne Applaus.
Für Leipzigs erste Champions-League-Saison der Vereinsgeschichte gilt: Raus, aber nicht ohne Applaus.(Foto: imago/Christian Schroedter)
Donnerstag, 07. Dezember 2017

Lehrreiche CL-Grenzerfahrung: RB Leipzig scheitert - und tönt trotzdem

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Lehrstunde statt Leipziger Wunder: Gegen Besiktas Istanbul erhält RB Unterricht in Cleverness und Effektivität, agiert selbst zu nervös und verschwenderisch. Nach dem CL-Aus kündigt Coach Hasenhüttl "Historisches" an - für die Europa League.

Ralph Hasenhüttl ist ein talentierter Pianist. Dass der Trainer von RB Leipzig zeichnen kann, war bislang nicht bekannt. Nach dem 1:2 (0:1) im entscheidenden letzten Champions-League-Gruppenspiel gegen Besiktas Istanbul lenkte sich der RB-Coach aber allem Anschein von Niederlage und CL-Aus damit ab, dass er auf dem Pressekonferenz-Podium sitzend eine Skizze anfertigte. Während der türkische Übersetzer wortgewaltig seinem Werk nachging, blickte Hasenhüttl immer wieder in die Runde, dann auf das Blatt mit den Statistiken - und malte.

In den Zeichenpausen zog Hasenhüttl mit lakonischer Miene eine Bilanz dieses Spiels und der ersten Champions-League-Saison seines Teams. "Wir haben uns heute unzählige Chancen erarbeitet. Aber es gibt auch solche Tage, an denen man viel richtig macht und dennoch mit leeren Händen dasteht", sagte der Österreicher achselzuckend. Und: "Wir haben ein bisschen Lehrgeld zahlen müssen, es wäre mehr möglich gewesen." Das traf nicht nur auf diese letzte Partie zu, sondern durchaus auf die gesamte Gruppenphase der Leipziger. Auch im Rückspiel gegen Istanbul betrieb RB wieder einmal hohen Aufwand, belohnte sich aber nicht dafür. Das brachte Lob von Gästetrainer Senol Günes ("schwerster Gegner in der Gruppe"), aber zu wenig Punkte für das Achtelfinale. Immerhin ist RB nun trotz der Niederlage als einer der vier besten Gruppendritten für die Auslosung des Sechzehntel-Finales in der Europa League (Montag, 13 Uhr) gesetzt.

Der Funke zündet nicht

Hasenhüttls Vorhaben, den Gegner von Beginn an mit "Vollgas"-Fußball in einer Art 4-3-3-System zu beeindrucken, schlug fehl. Der Funke, der schnell vom Rasen auf die Ränge überspringen sollte, zündete nicht. Zwar versuchten sich die Leipziger Fans daran, die Gäste zu Beginn, bei Auswechslungen und in zwei, drei strittigen Situationen ebenso gellend auszupfeifen, wie RB das beim Gastspiel in der Türkei widerfahren war. Doch generell war die Atmosphäre unter den 42.558 im ausverkauften Leipziger Rund schon euphorischer gewesen - mal davon abgesehen, dass viele Plätze zwar verkauft waren, aber leer blieben.

Besiktas ließ sich von Leipzigs Taktik nicht überrumpeln.
Besiktas ließ sich von Leipzigs Taktik nicht überrumpeln.(Foto: dpa)

Doch die zwar ersatzgeschwächten, aber dennoch höchst ballsicheren und erfahrenen Türken machten ohnehin nicht den Eindruck, als ließen sie sich durch die Kulisse aus dem Konzept bringen. Ruhig und klug wanden sich die Istanbuler aus den Pressingfallen der Gastgeber und nutzten die Unruhe und Unsicherheit in der RB-Defensive etwa bei Eins-gegen-Eins-Situationen. So wie beim frühen 0:1, als Linksverteidiger Marcel Halstenberg sich vom starken Jeremain Lens gleich zweimal düpieren ließ und Kapitän Willi Orban den Niederländer nur mit einem Foul im Strafraum zu stoppen wusste, obwohl der Ball eigentlich schon geklärt war. Besiktas-Stürmer Alvaro Negredo verwandelte sicher (10.).

"Standen zu oft im Abseits"

Die Rasenballsportler schafften es in den ersten 45 Minuten zu selten, zu gefährlichen Szenen zu gelangen. Regelmäßig standen die Leipziger Stürmer im Abseits - wie bei den Toren von Timo Werner (21.) und Jean-Kévin Augustin (64.) aus jeweils regelwidriger Position. "Wir standen zu oft im Abseits", befand auch Leipzigs Spielmacher Kevin Kampl. "Da kam entweder der Pass zu spät oder wir haben uns zu früh bewegt, aber wir hatten heute auch so genug Topchancen, um mehrere Spiele zu entscheiden."

Ungeachtet der deutlichen Führung von Konkurrent FC Porto im Parallelspiel gegen die AS Monaco (Endstand 5:2) gab sich Leipzig im zweiten Durchgang nicht auf. Anders als vor der Pause fand RB immer wieder Lücken in der Istanbuler Viererkette und kam zu Abschlüssen. Istanbuls hervorragender Ersatzkeeper Tolga Zengin musste nahezu im Minutentakt gegen die einschussbereiten und zunehmend entnervten Naby Keita (48., 52.), Timo Werner (47., 52.), Kampl (57.), Augustin (63.) und Bruma (77.) retten. Allerdings waren die Schüsse nicht platziert genug, auch das ist eine Frage der Abgezocktheit. Dass in dieser Phase kein Ball regulär im Tor landete, war dennoch grotesk.

Für Moral und Leidenschaft beim deutschen Vize-Meister spricht, dass sich die Mannschaft in der zweiten Hälfte für einen Sieg aufrieb, obwohl auch drei Punkte nicht mehr für den Einzug ins Achtelfinale gereicht hätten. "Klar wussten wir in der Halbzeitpause, wie es auf dem anderen Platz steht. Aber darum ging es gar nicht", sagte Kampl. "Wir wollten einfach die zweite Hälfte gewinnen. Wenn wir das 1:1 ein bisschen eher gemacht hätten, hätten wir das Spiel auch drehen können."

Keita trifft - Leipzig wird getroffen

In der 87. Minute belohnte Leipzigs Naby Keita das Anrennen mit dem Ausgleich.
In der 87. Minute belohnte Leipzigs Naby Keita das Anrennen mit dem Ausgleich.(Foto: REUTERS)

Doch als Naby Keita den Ball nach einem Traumsolo dann endlich ins Tor beförderte (87.), wusste der Neuling auch das nicht zu nutzen - und kassierte postwendend den erneuten Rückstand durch Talisca (90.). "Am Ende waren wir nicht mehr gut organisiert. Aber das war auch der Müdigkeit vieler Spieler geschuldet, die wirklich viele Meter gegangen sind", erklärte der eingewechselte Routinier Marvin Compper. "Wir wollten das Spiel auch in Unterzahl noch gewinnen." Stefan Ilsanker hatte zuvor Gelb-Rot gesehen, als er Istanbuls Tosun bei einem Konter stoppte (82.).

Letztlich war die Partie gegen Besiktas auch ein Spiegelbild der gesamten Champions-League-Gruppenphase der Leipziger. "Wir haben gegen sehr abgezockte Mannschaften gespielt und waren da nicht immer die schlechtere Mannschaft, aber die uneffektivere", bilanzierte Hasenhüttl. "Daran gilt es zu feilen, dass wir uns eine Spur cleverer anstellen. Am Willen und am fußballerischen Vermögen hat es nicht gemangelt. Da waren wir mindestens auf Augenhöhe. Aber das reicht nicht immer im Fußball."

Abgezocktheit schlägt Vollgasfußball

So mussten sie bei RB während der ersten "Königsklassen"-Teilnahme erfahren, dass im internationalen Fußball die Parameter Erfahrung und Abgezocktheit bisweilen mutige Herangehensweise und jugendlichen Vollgas-Fußball schlagen. Auch Hasenhüttl gab bereits vor der Partie zu, sehr viel aus den Champions-League-Partien gelernt zu haben, was die Einstellung seines Teams betrifft.

"Nächstes Jahr, wenn wir wieder dabei sein sollten, präsentieren wir uns auch in dem Bereich ein bisschen besser", ist sich Hasenhüttl sicher. Nun will RB die Europa League dazu nutzen, um in den K.-o.-Spielen für die nächste internationale Saison zu reifen. Wir haben auch in diesem Wettbewerb die Möglichkeit, Historisches zu leisten", sagte der 50-Jährige.

Übrigens: Das Motiv seines Medienraum-Stilllebens behielt der Trainer für sich. Als alles gesagt war, steckte Hasenhüttl die Zeichnung ins Champions-League-Sakko. Zur Wiedervorlage im kommenden Jahr.

Quelle: n-tv.de

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