Fußball

Die Lehren des DFB-Umbruchstarts Scho' au' gut

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Er kann zufrieden sein mit dem Umbruchstart: der Bundestrainer.

(Foto: imago images / DeFodi)

Zwei starke Halbzeiten, dazu eine fahrige und eine leidenschaftlich gekämpfte: Der DFB-Elf geht zwar noch die Konstanz ab. Der Auftakt in die "neue Zeitrechnung" deutet aber an, dass der Bundestrainer mit seinen Entscheidungen nicht falsch liegt.

1. Die Weltmeister werden nicht vermisst

Thomas Müller ist nun nicht mehr dabei. Aber der Profi des FC Bayern spricht nach Spielen gerne davon, man solle doch bitteschön die Kirche im Dorf lassen. Das ist zwar eine Floskel, passt aber aktuell gut zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Die hat am Sonntagabend in Amsterdam gegen das Team aus den Niederlanden ihre erste Qualifikationspartie zur Europameisterschaft 2020 gewonnen. Das ist schon eine mittlere Überraschung, zumal sie beim 3:2 (2:0) vor allem vor der Pause richtig gut gespielt hat. Aber es war halt nur ein Sieg in einem Spiel, so bemerkenswert das Ganze auch war. Ob daraus tatsächlich etwas Großes entsteht, wer weiß das schon? Der Anfang ist gemacht, dafür gebührt dem Team und auch dem Bundestrainer ein Lob. Joachim Löw hat mit der endgültigen Suspendierung der drei Weltmeister des FC Bayern, Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels eine nachvollziehbare Entscheidung getroffen und doch ein bisschen was riskiert, eben weil er sein Verdikt mit Nachdruck als unumstößlich bezeichnet hat. Nun ist erst einmal Ruhe im Karton, weil ja nun kaum jemand um die Ecke kommt und für die Rückkehr des Trios plädiert. Vermisst haben dürfte die drei niemand, ...

2. Der unverzichtbare Toni Kroos positioniert sich

... auch nicht Toni Kroos. Der hatte sich bereits vor dem Sieg in Amsterdam klar positioniert. Für ihn sei es nachvollziehbar, dass das erwähnte Bayern-Trio nun nicht mehr dabei ist. "Ich glaube, dass es einfach eine sportliche Entscheidung war. Ich glaube nicht, dass es eine Entscheidung wegen des Alters war. Weil mit 29 kann man noch vernünftig Fußball spielen", sagte Kroos, der wie Müller 29 Jahre alt ist und damit auch nur ein Jahr jünger als Boateng und Hummels. Ihm, also Kroos, missfällt die öffentliche Diskussion, bei der "nicht über die Entscheidung an sich und die sportliche Konsequenz daraus diskutiert wird, sondern nur, was drum herum passiert". Was sei denn plötzlich anders? "Ende des letzten Jahres war es schon so, dass Jérôme nicht da war, dass Thomas meistens von der Bank kam. Von daher war es bei den letzten Nations-League-Spielen nur Mats, der aus der ersten Elf jetzt wegfällt. Es verschieben sich Dinge, aber nicht so dramatisch." Tja, da ist was dran.

3. Und was ist mit den Stürmern?

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Es gibt nur einen Miro Klose - und das wird sich so schnell nicht ändern.

(Foto: imago/Ulmer/Teamfoto)

In der Johan-Cruyff-Arena haben zwei von ihnen getroffen, alles gut also? So sicher sind wir uns da nicht. Der Bundestrainer bedachte Leroy Sané und Serge Gnabry zwar mit Lob, da sie in mehrfacher Hinsicht überragten. Aber grundsätzlich überzeugt scheint er nicht. Der formschwache Timo Werner zum Beispiel saß nur auf der Bank, Leon Goretzka ist kein Stürmer und Marco Reus, der beim 1:1 im Test gegen Serbien stark spielte, kam in Amsterdam erst in der 88. Minute auf den Platz, weil er sich mit Oberschenkelproblemen plagte. Immerhin gab er die Vorlage zum 3:2. Löw aber treiben die Bedenken um, dass seine jungen Flügelflitzer am Ende - noch - nicht so effektiv sind, wie es sich für einen richtigen Mittelstürmer gebührt. Ihm fehle, und jetzt wird's nostalgisch, ein Typ wie Miroslav Klose.

Zwar hat er in der zweiten Halbzeit beim 1:1 in Wolfsburg und nun in der ersten Halbzeit gegen die Niederlande viel von der geforderten, modifizierten Spielart seines Ballbesitzfußballs gesehen. "Das kam dem schon nahe, da haben wir mit viel mehr Tempo gespielt, waren in den gefährlichen Räumen viel präsenter, sind mit mehr Spielern in die Tiefe gestoßen. Das hat unsere Gefährlichkeit immens erhöht, wir hatten mehr Dynamik." Gefährlich war's, klar. Gegen Serbien aber fürchterlich uneffektiv. Und ob Gnabry und Sané ihre nachgewiesene Genialität konstant immer so veredeln wie gegen die Niederlande? In der DFB-Auswahl gebe es halt inzwischen eher "andere Typen", aber das Ideal verkörpert für den Bundestrainer immer noch Klose. "Er war schnell, kopfballstark, er konnte andere Spieler einsetzen, der finale Pass kam oft von ihm." Einen Youngster, der all dies in einer Person vereint, hat Löw nicht.

4. Volle Konzentration auf die Abwehrarbeit

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Wer hilft Niklas Süle?

(Foto: imago images / Matthias Koch)

Wenn's mal eng wurde, dann gab's ja Hummels und Boateng. Jahrelang fußte der Erfolg der deutschen Mannschaft auch auf der Widerstandskraft dieses Innenverteidiger-Blocks. Heldengrätschen sorgten für Ruhe. Boatengs Beckenbauer'sche Diagonalbälle und Hummels Außenrist-Aufbau gaben dem Spiel eine überraschende Komponente. Dass der Bundestrainer all das außer Dienst gestellt hat, dafür gibt's sportlich gute Gründe. Aber in der Konsequenz eben auch Probleme. Der neu ernannte Abwehrchef Niklas Süle ist ein herausragendes Talent - wird im Klub aber weiter von Hummels oder Boateng betreut begleitet. Die Suche nach einem passenden Nebenmann (oder nach passenden Nebenmännern) und der besten Abwehr-Formation ist wohl die größte Herausforderung des Umbruchs.

Die Viererkette gegen Serbien mit dem nur teilzeit-souveränen Süle, mit dem eher wackeligen Jonathan Tah und den Leipziger Außenverteidigern Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann funktionierte nur bedingt. Wobei sich der nun verletzte Klostermann als sehr gute Option für die Zukunft anbot. Die stellt auch Nico Schulz dar - der Hoffenheimer überzeugte gegen die Niederlande mit seiner Duellleidenschaft, seinem Offensivdrang und natürlich dem Siegtreffer. Dass er bei den Flanken der Niederländer aber nicht immer auf der (Verteidigungs)-Höhe war, es ist ein kleiner Makel. So wie er sich bei vielen anderen seiner Teamkollegen ebenfalls entdecken lässt: Antonio Rüdiger hat zwar eine überragende Körpersprache und spielt auch prima Bälle in die Spitze, aber so richtig souverän wirkt er dennoch nicht. Matthias Ginter spielt dagegen nahezu fehlerfrei - Überraschendes oder Heldenhaftes traut man ihm aber dennoch nicht zu. Und bei Thilo Kehrer wechseln sich starke Momente noch zu häufig mit schwachen ab.

5. Das Ding mit der Konstanz

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Na klar, die erste Halbzeit gegen Serbien war eher mistig, die zweite dafür umso spektakulärer. Gegen die eingespielten Niederländer ging's dann "weltklasse" los, ehe leidenschaftlich verteidigt werden musste. Wer nun klagt, dass dem deutschen Spiel die Konstanz fehlt, der hat Recht. Wer der Mannschaft und dem Bundestrainer daraus einen Vorwurf formuliert, der ist vermutlich ein grundsätzlich unzufriedener Mensch. Dass der Umbau des nun von nahezu allen 2014-er-Weltmeistern vollständig entkernten Teams nicht ohne Rumpeleien vonstatten gehen würde, das war selbst den kritischsten Experten klar. Dass die Mannschaft aber trotz aller Rumpeleien - Abschlusschwäche gegen Serbien, Teilzeitkuddelmuddel gegen Holland - wieder für internationales Erstaunen (hier geht's zu den Pressestimmen) und hier, hier und hier auch für nationale Freude und teaminternen Stolz sorgt, dass ist scho' au' ziemlich gut und viel bemerkenswerter als das Ding mit der (noch) fehlenden Konstanz.

6. So viel Umbruch kann gar nicht sein

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Nordirland und Weißrussland verbreiteten bei ihrem Aufeinandertreffen am Sonntag keinen Schrecken. Die Nordiren gewannen 2:1.

(Foto: REUTERS)

Die gute Nachricht ist: So viel Umbruch kann gar nicht sein, als dass die deutsche Mannschaft sich nicht für die EM 2020 qualifizieren könnte. Erst recht nicht nach dem famosen Sieg in Amsterdam. Sieben Spiele liegen noch vor ihr. Selbst wenn die Niederländer am Ende doch Platz eins belegen, reicht ja auch der zweite Rang, um beim ersten pankontinentalen Turnier dabei zu sein. Und die weiteren Gegner in dieser Gruppe C sind Nordirland, Estland und Weißrussland. Zudem haben Löw und sein Team nun erst einmal Kredit gewonnen. Die nächste Partie steht am 8. Juni in Weißrussland an, es folgt am 11. Juni das Heimspiel gegen Estland. Das Rückspiel gegen die Elftal ist für den 6. September terminiert, bevor es am 9. September nach Nordirland geht. Die weiteren Ansetzungen: Estland - Deutschland am 13. Oktober, Deutschland - Weißrussland am 16. November und zum Abschluss Deutschland - Nordirland am 19. November. Kurzum: Wir nehmen jede Wette an, dass die DFB-Elf dabei ist, wenn die Uefa am 30. November dieses Jahres die EM-Gruppen auslosen lässt.

Quelle: n-tv.de

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